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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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Der SF an die Kioske! 

Wir wollen dem SF mehr Akzeptanz 
verschaffen. Diese Zeitschrift soll mehr 
in die Öffentlichkeit. Wir werden ver¬ 
suchen nach und nach einen Kiosk¬ 
vertrieb aufzubauen. Aus eigener Kraft 
fällt uns dies aber schwer. Wir bitten 
deshalb unsere Unterstützerinnen um 
vermehrte Spenden, damitwir Anzeigen, 
Anlaufkosten etc. finanzieren können. 
Wer kann, spende für den "Pressefonds" 
des SFJ 

Wir werden wieder eine Liste der Spen- 
der Innen fh jeder Nummer : ver^ffßMff 
liehen. 

teilt uns dies einfach tnit. . .. ElÜÜ 

• •, .-ife.--« 


^auvi jpcuucii lur aie 

Verbreitung anarchistischen 
Gedankenguts: 

N.H., Nürnberg 25.-; M.R., Frankfurt 
25.-; T.S., Detmold 5.-; A.R., Paderborn 
10.-; F.-J. M., Dortmund 10.-; V S 

Groß-Umstadt 20.-; U.S., Thedinghau¬ 
sen 15.-; 

Gesamtstand (Februar: HO.-) 

Spenden für den Pressefonds 
g{j des Schwarzen Fadens: 

lö>; Freunde der Re vo- 
J? Berlin 


Impressum: 

Redaktions- & ABOadressc: 
Schwarzer Faden, PF 1159 
D-71117 Grafenau 
Tel. 07033-44273, Fax 07033-45264 

Einzelpreis: 8.-DM 
ABO (5 Nrn.): 35.-DM 
Postgiro Stuttgart: Kto. W. Haug, 
Ktonr. 57463-703, BLZ 600 100 70 

. ErscheinahgsWi^Äill^jllßp^; ; 

§H| 










Inhalt Nr. 58 


Pas Redaktionskollektiv entscheidet über 
Inhalt und Form der Zeitschrift. Ein An- 
spAch auf Veröffentlichung besteht nicht. 
Der Abdruck erfolgt honorarfrei. 
anti-copyright: Nachdnick von Texten ist 
unter Angabe der Quelle und Zusendung 
eines Belegexemplars ausdrücklich er¬ 
wünscht. 

Redaktäoh dieser Ausgabe; Nicole Frazier, 
Wolfgang Haug, Andreas Ries, Harald Ro¬ 
macker, Herby Sachs (V.iiS.d.P.), Boris 
Scharlo'.v'skt, Dieter Schmidt ' ' 


Der lange Weg vom Schmerz zur Hoffnung (Unterlegtes Foto), Fotos und 
Texte zu Chiapas/Mexiko - Ausstellung in der Zeche Carl, in Essen.S. 2 

AKTUELLE THEMEN 
Jan Jakob Hofmann: Alles wird teurer - 

der nächste Castor auch. § 4 

Ursula Trescher: Safwan Eid muß freigelassen werden!... s. 6 

Kurzes 








.. s. 12 

. S. 19 

S< 23 





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IIB Pio «Ärte U Wuppe&föf 1929-1945 


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5 Leute und Castor 


Foto: Sabine Adorf/Version 























Täterinnen 
werden 




-Über den Umgang mit 
rassistischen 
Brandanschlägen- 

von Ursula Trescher 


Auf den ersten Blick mutet es wie ein 
Spuk an: Alle paar Wochen Brände in 
Unterkünften von Asylbewerberinnen 
oder in Häusern, in denen Türkinnen, 
Kurdinnen, Jugoslawinnen etc. woh¬ 
nen. In denZeitungen füllen dieseNach- 
richten oft nur wenige Zeilen. Techni¬ 
sche Defekte seien vermutlich die Ursa¬ 
che, die Zigarette im Bett oder auch 
»Brandursache noch ungeklärt«. Im 
letzten Fall folgt in der Regel die Be¬ 
teuerung, daß ausländerfeindliche Hin¬ 
tergründe auszuschließen seien. Solange 
es nicht gerade Tote gab, hört mensch 
von diesen Fällen später nichts mehr. 

Manchmal wird bald danach einE 
Ausländerin alsTäterln vorgeführt, wie 
z.B. beim Brandanschlag auf ein von 
Türkinnen bewohntes Haus in Hatting¬ 
en, der von derBewohnerin YasarÜnver 
verübt worden sein soll. (Frau Ünver 
wurde angeklagt und im März ’96 frei- 
gesprochen.) Nicht nur im Fall des Lü¬ 
becker Brandanschlages vom Januar 
wirken die Beschuldigungen an den 
Haaren herbeigezogen. Dennoch schei¬ 
nen sich fast alle mit derart unlogischen 
und widersprüchlichen Anklagen zu¬ 
friedenzugeben. Was läuft da ab? 

1994 bekamen wir unfreiwilligerweise 
eine Gelegenheit, dieses Thema inten¬ 
siver zu studieren, als in unserem Dorf 
drei Autos von Tamilen brannten. In 
den Artikeln über andere Anschläge 
(z.B. Lübecker Hafensiraße, Spreng¬ 
stoffalle für Romas in Österreich) fielen 
uns eüiche Parallelen auf, die es loh¬ 
nenswert erscheinen ließen, unsere Er¬ 
fahrungen wiederzugeben. 


Die Anschläge 

In einem kleinen Dorf in Niedersachsen 
ging nachts die Feuersirene. Das Auto 
eines tamilischen Asylanten, der seit 
Jahren im Dorf lebt, brannte. Die Schei¬ 
be am Fahrersitz war eingeschlagen, an 
der Dachrinne und auf dem Fahrersitz 
brannte es zuerst. Also eindeutig Brand¬ 
stiftung. Vier Stunden später, als die 
Löscharbeiten beendet und die Straße 
wieder ruhig war, gibt es wieder Feuer¬ 
alarm. Wieder ein Auto von Tamilen. 

Wenige Tage später brannte es wieder 
in derNacht, zur gleichen Zeit wie beim 
ersten Brand. Diesesmal war es der 
Schuppen des Bürgermeisters, der dafür 
bekannt ist, daß er sich (in sehr 
patemalistischer Weise) um die Flücht¬ 


linge kümmert. Und vier Stunden später 
in der gleichen Nacht brannte das dritte 
und letzte Auto von tamilischen Asylan¬ 
ten. Vermutlich waresein großes Glück 
für die betroffenen Tamillnnen, daß sie 
alle in Häusern wohnen, in denen auch 
Deutsche leben. So wurden wenigstens 
»nur« die Autos angezündet. 


Die Polizei 

DieBeamten der nächstgelegenen Kripo 
suchten nach der ersten Brandnacht die 
Geschädigten auf, befragten sie aber 
nur nach Formalien wie dem Fahrzeug¬ 
halter oder im Fahrzeug befindlichen 
Gegenständen. Obwohl die betroffenen 
Tamilen nur wenig Deutsch sprechen 
und am Sitz der Kripo Tamilen mit gu¬ 
ten Deutschkenntnissen leben, wurde 
weder zu diesem Zeitpunkt noch später 
einE Dolmetscherin hinzugezogen. 
Stattdessen wohnte der Bürgermeister 
den Befragungen bei, gab Hintergrund¬ 
informationen und steuerte Erklärungs¬ 
versuche bei. Er erzählte von einer 
Schlägerei, bei derdereine Autobesitzer 
einen auswärtigen Tamilen verletzte. 
Obwohl diese S chlägerei schon vor acht 
Monaten war und nur einen der Ge¬ 
schädigten betraf, stand damit das Tat¬ 
motiv für die Polizei fest. Uns erzählten 
tamilische Freunde derBetroffenen spä¬ 
ter, daß sich die Kontrahenten dieser 
Schlägerei inzwischen wieder vertrugen 
und daß sich deren Familien gegenseitig 
besuchten. Als Täterinnen schlossen 
sie andere Tamilen aus. Sie hatten kei¬ 
nen konkreten Verdacht, konnten sich 
aber am ehesten rechte junge Deutsche 
als Brandstifter vorstellen. 

Die Kripo ermittelte aber nur in Rich¬ 
tung «persönlicher Racheakt«. Für Beo¬ 
bachtungen der Nachbarn schienen sich 
die Polizisten wenig zu interessieren. 
An die Presse wurden lediglich zwei 
Autobrände gemeldet, ohne Hinweis 
darauf, daß die Geschädigten Asylanten 
sind. 

Es folgten die nächsten beiden Brän¬ 
de. Auch danach hielt es die Kiipo nicht 
für angebracht, die für rechlsextreme 
Straftaten zuständige Abteilung bei der 
nächsthöheren Dienststelle hinzuzu¬ 
ziehen. Diese wurde aufgrund von Pres¬ 
seberich ten von selbst tätig und bemühte 
sich ernsthaft um eine Aufklärung, hatte 
aber wenig Erfolg. Ihre Chancen waren 
auch gering, da sie nicht unmittelbar 



nach den Bränden mitden Ermittlungen 
beginnen konnten. 


Die Mitbürgerinnen 

Die ersten Kommentare zu den Brän¬ 
den, die wir im Dorf zu hören bekamen, 
lauteten: »Ob die die Autos nicht selbst 
angesteckt haben...«. Für diese aus der 

LuftgegriffeneUnterstellungfehlte jeg¬ 
liches Motiv. Selbst ein Versicherungs¬ 
betrug kam nicht in Frage, da 
Ausländerinnen dieser "Kategorie" 
(aufgrund des angeblich höheren 
Risikos) in der Regel keine 
Versicherung finden, bei der sie eine 
Vollkaskoversicherung abschließen 
können. Das war allerdings den Leuten 
im Dorf nichtbekannt, denn die Tamilen 
leben sehr zurückgezogen und isoliert. 
Obwohl eine Familie schon zehn Jahre 
im Dorf wohnt, gibt es wenig private 
Kontakte zwischen Tamilen und 
Deutschen, was sich auch in den relativ 
schlechten Sprachkenntnissen der 
Tamilen bemerkbar macht. Gegenüber 
den Medien hieß es später, sie seien voll 
integriert. Nach aktueller Sprachrege¬ 
lungsind Ausländeroffenbarintegriert, 

wenn sie sich freundlich und zurück¬ 
haltend bis unterwürfig verhalten, somit 
jeden Konflikt vermeiden und im Alltag 
nichttätlich angegriffen, sondern hoch- 
stens mal beleidigt werden. 

Auch die These, andere Tamilen seien 
die Brandstifter, fand viel Anklang. Da¬ 
bei spielte sicher die schon früh weiter- 
gegebeneRacheakt-Version der Polizei 
eine Rolle. Abgesehen von kleinen en¬ 
gagierten Kreisen war es anfangs ein 
unausgesprochenes Tabu, in der Öffent¬ 
lichkeit von der Möglichkeit eines ras¬ 
sistischen Anschlags zu sprechen. Diese 
Begrifflichkeitdarf nach Ansicht vieler 
erst verwendet werden, wenn hundert¬ 
prozentige Beweise vorliegen. Geht es 
aber darum, die Täterschaft nicht bei 
rechten Deutschen, sondern bei ausge¬ 
grenzten Ausländem anzusiedeln, dann 
genügen Vermutungen - und seien sie 
noch so unlogisch, zusammenkonstru¬ 
iert und widersprüchlich. 

Die andere Form der »Problemlö¬ 
sung« istdasTotschweigen. Schon kurz 
nach den Bränden waren die Anschläge 
vielerorts kein Thema mehr - und das in 
einem kleinen Dorf, wo nicht sonderlich 
viel passiert. 

In dem Dorf fand sich ein kleiner 


t 8 ] SF 2/96 


™ ™ cner Deute, die versuchten 
V ge Verhaltensformen zu durchbre- 

Lf K Innen der Tam »Innen 
unterschrieben einen zur Veröffentli- 

Bränl^ S ten TeXt ’ in dem die 
Ve ? Utlich rassistische An- 

gefmdm eZe,C H tWUrdenundalleauf - 
gefordert wurden, Hinweise und Beo¬ 
bachtungen zu den Bränden an die Po¬ 
lizei zu melden. 



Decher geschädigt. Di“ Rach^ 

ÄäÄ 

S?f. sich f»«* 

kurz danach stattfindende Bürgerver¬ 
sammlung war sehr gut besuchSl 

ings fehlte die Generation der unter 
Dreißigjährigen und der Fünfzig hi? 
Sechzigjährigen fast völlig Sehfviel 
Einwohnerinnen (ea. 100 «So 
Einwohnerinnen) beteiligten sich a n7° 
nächtlichen Gängen, 



Die Kiroh? ,genalten wurden. 

Die Kirche sammelte Spenden für die 

Sa n u n ch; die P n ° litiSChe Gemein de 
steute auch einen Betrag für den v». <■ 

eines neuen Autos zur Veit! 

serdem eine Belohnung Än’ aUS ' 

au Jj* en oder die Täterinnen Hmweise 

»«genommen und einhe^C" 
den wären. Auch die Pn„ • Wor ' 
dachten zunächst nicht dtnan^dfe^v! 1 

ÄÄ 

Die Massenmedien 



Erst auf Nachhaken ££?gS£ 


ruf, sachdienliche Hinweise an die Po¬ 
lizei zu melden, fehlte - im Gegensatz 
zu einem Artikel über Sprühereieii an 
Zügen, wo sehr wohl die Bevölkerung 
um Mithilfe bei der Aufklärung gebeten 
wurde. 

Ein anderes Blatt berichtete auf Hin' 
weise hin engagierter, ebenso ein regio- 
naler Fernsehsender. Diese Berichte 
schienen eine Rückwirkung auf Polizei 
und Bevölkerung zu haben bezüglich 
des Umgangs mitden Anschlägen. Ohne 
Aktivitäten einzelner wäre zumindest 
zu den ersten Bränden kein einziger Be¬ 
richt erschienen; die Polizei hätte sich 
wohl bei ihren Ermittlungen auf die 
»Tamilenspur« beschränkt. 

Der große Medienrummel setzte erst 
infolge der S treifengängeein. Die Taten 
von »guten Deutschen« interessierten 
eben mehr (und sind weniger all täglich) 

als Brandanschläge auf das Hab und 
Gut von Ausländerinnen. ! 


Flüchtlinge - unmündig, 
irrational, streitsüchtig,: 
gefährlich ! 

Bei Anschlägen auf Flüchtlinge und 
andere Ausländerinnen ergänzen sich 
verschiedene rassistische Alltagsmustcf 
in fataler Weise: 

Flüchtlinge weiden als Unmündige» 
wie kleine Kinder, behandelt - das umso 
mehr, je schlechter sie die deutsche 
Sprache beherrschen. 

In unserem Fall führte das dazu, daß 
die Tamillnnen gar nicht als potentielle 
Zeuginnen befragt wurden und nur uiF 
nimal in die Überlegungen, waszu deren 
Schutz zu tun sei, einbezogen wurden* 

In Lübeck wurden Hinweise von Be- 
wohnerlnnen auf vier Kinder, die noch 
im brennenden Haus in einem Zimme r 
eingeschlossen waren, von Feuerwehr 
leuten nicht emstgenommen. Statt zu 
reagieren fing ein Feuerwehrmann V& 
kussionen an, die damit endeten, daß 
die uneinsichtigen störenden Bewoh¬ 
nerinnen hinter eine Absperrung 
frachtet wurden. Bei den Ermittlung ^ 1 
zum Lübecker Brand hatten die Aussa¬ 
gen von dreißig Flüchtlingen, die üb#' 
ein stimmend den Libanesen Safwan Eid 
entlasteten und das Erdgeschoß (in ihrd 
Sprache »erstes Stockwerk«) als Brand- 
herd festmachten, weniger Gewicht als 
die Aussage eines deutschen Sanitäters» 
der sich zudem erst gemeldet hatte, als 








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ppr -."'". ;:, 

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50 000 DI 
au sgesetzt 


^ Belohnung für Hinweise 
waren. 


kanerim Haus in derHafenstraße hatten 
nach eigenen Aussagen ein gutes Ver¬ 
hältnis untereinander. Sie halfen sich 
gegenseitig mit Lebensmitteln aus, die 
Kinderspielten miteinander. Trotzdem 
wurden die beiden Gruppen nach dem 
Brand in verschiedenen Unterkünften 
untergebracht - begründet mit den Kon¬ 
flikten zwischen ihnen. 


zwischen reaktionären und liberalen 
Einstellungen zeigt sich lediglich darin, 
ob davon ausgegangen wird, daß denen 
sowieso alles zuzutrauen ist oder die ir¬ 
rationalen destruktiven Verhaltenswei¬ 
sen ein Produkt ihrer unbefriedigenden 
sozialen Situation seien. 


Flüchtlinge handeln - 
wie Frauen oder Kinder - 
irrational 

Cn Tamillnnen in unserem Dorf wurde 
2u ^ re igenes Auto angezündet 

d i^ anEidso11 sogarein Feuerneben 
dan U k Se * ner Familie angezündet und 
br . ac ’ statt sich in Sicherheit zu 
Sna5 Cn ’ * n se ' n Zimmer gegangen sein. 
... , er sod er sich dann einem Feuer- 


Flüchtlinge haben 
Konflikte untereinander 


Flüchtlinge sind gefährlich 


Nachdem es geschafft ist, daß sich nur 
noch wenige Deutsche ein friedliches 
enges Zusammenleben mitFlüchtlingen 
undanderen Ausländerinnen vorstellen 
können, setzt sich das Bild fest, daß 
Flüchtlinge untereinander Konflikte 
haben müssen - vor allem, wenn ver¬ 
schiedene Ethnien unter einem Dach 
leben. Und daß Konflikte dazu führen, 
daß man sich gegenseitig (und selbst) 
die Bude ansteckt. 

Safwan Eid soll den Brand gelegt 
haben, weil er Streit mit Gustave S. 
hatte. Dabei kannten sich die beiden 
nur vom Sehen; einen Streit gab es 
nicht. Die Nord- und die Schwarzafri- 


Fedro Citoler/Transp arent 

























Von obigen Vorurteilen ausgehend ist 
es nur ein kurzer Weg dahin, Flüchtlinge 
und andere Ausländerinnen auch für 
potentiell gefährlich zu halten. Hier zeigt 
vor allem die Kampagne der Bundesre¬ 
gierung gegen die Kurdinnen, 
mitgetragen von den meisten 
Massenmedien, ihre Wirkung. Zuerst 
war die Rede von Gewalttätern und 
Terroristen aus den Reihen der PKK, 
dann wurde die PKK als terroristische 
Vereinigung deklariert, dann diverse 
kurdische Vereine und Gruppen als 
PKK-Tarnorganisationen 
kriminalisiert, und heute fordert die 
Gewerkschaft der Polizei schon ein 
Verbot sämtlicher kurdischer Großver¬ 
anstaltungen (Junge Welt, 15.3.96). Da 
liegt der Gedanke nahe, daß sämtliche 
Kurdinnen Kriminelle oder potentielle 
Kriminelle sind. Und was für diese gilt, 
gilt auch für andere aus dem Nahen 
Osten, denn diese Kulturen stehen sich 
ja nahe. Daß der »Schwarze Mann« ge¬ 
fährlich ist, lernt schon jedes Kind im 
hiesigen Kulturkreis. Da wundert es 
wohl niemand, wenn ein Tamile, eine 
Türkin oder ein Libanese zum Brand¬ 
stifter wird. 


Wer redet schon mit 
Ausländerinnen! 

Die Wirkung dieser Rassismen, die 
mehr oder minder ausgeprägt bei den 
meisten Deutschen anzutreffen sind, 
wird verstärkt dadurch, daß kaum einer 
direkten engeren Kontakt zu Flücht¬ 
lingen oder Ausländerinnen hat. Eine 
Relativierung der Vorurteile aufgrund 
persönlicher Erfahrungen bleibt somit 
aus. Selbst wenn Beziehungen zu Aus¬ 
länderinnen bestehen, werden positive 
Erfahrungen eher auf das Individuum 
bezogen, aber negative verallgemeinert. 


Deutsche sind 
Biedermänner, nicht 
Brandstifter 

In den 30er Jahren brennende Synago¬ 
gen - heute brennende Flüchtlingsun¬ 
terkünfte und auch wieder Synagogen. 
Die Parallelen sind offensichtlich. Aus 
dem Dritten Reich und der Zeit danach 
haben viele Deutsche etwas gelernt und 
an ihre Kinder weitergegeben: es ist 
besser, sich nicht zu exponieren, schon 
gar nicht zur Verteidigung Ausge¬ 
grenzter, und es ist von Vorteil, nichts 
zu wissen und nichts gewußt zu haben. 
Die Bedrohung geht für sie nicht von 
den Rechtsextremen aus, sondern von 
denen, die die Dinge beim Namen be¬ 
nennen und sie zwingen, genauer hinzu¬ 
schauen. Deshalb wird derBegriff »ras¬ 
sistischer Anschlag« als Tabu behandelt. 
Die zuvor genannten Vorurteilsstruk¬ 
turen wirken als Schutz, die Dinge nicht 
so sehen zu müssen, wie sie sind. 


Die Transformation vom 
Opfer zum Täter 

Im Alltag schon fatal, wirkt sich die 
Kombination der rassistischen Vorur¬ 
teile, der fehlenden Kontakte zwischen 
Flüchtlingen und Inländerinnen sowie 
der Drang zur Entlastung der Deutschen 
im Ernstfall eines Anschlages verhee¬ 
rend aus: 

Wenn nicht zufällig an Schlüsselpo¬ 
sitionen Personen sitzen, die diese 
Muster durchbrechen, kann fast nur je¬ 
mand von den Opfern oder aus deren 
Umfeld als Täter präsentiert werden. 
Es muß schon fast als guter Ausgang 
bezeichnet werden, wenn am Schluß 
der Ermittlungen Fahrlässigkeit oder 
technische Defekte als Ursache für den 
Brand dastehen. Die Wahrscheinlich¬ 
keit, daß Rechtsextreme als Täterinnen 
näher in Betracht gezogen, gefaßt und 


verurteilt werden, ist äußerst gering. 
Voraussetzung ist, daß die beteiligten 
Personen bei Polizei, Staatsanwaltschaft 
und Gericht, möglichst auch Medien 
undGutachterlnnen,entgegen der Strö¬ 
mung weitgehend ohnediese Vorurteile, 
Rassismen und Bilder im Kopf an ihre 
Arbeit gehen. 


Tu wat! 

Um selbst nicht diesen Mechanismen 
aufzusitzen, ist der erste Schritt nach 
einem Brand oder ähnlichem, für sich 
die rassistische Variante nüchtern 
durchzudenken, unbeirrt von den 
schnell kursierenden Gerüchten und 
Erklärungen. Soweit möglich, sollten 
direkte Informationen von den Betrof¬ 
fenen, von Zeugen oder anderen in das 
Geschehen Involvierten eingeholt wer¬ 
den. (Vorsicht! Auch hier warten schon 
die vorher genannten Fallen!) Nachha¬ 
ken und Nachfragen bietet sich auch 
dort an, wo mensch auf schnelle Erklä¬ 
rungen und Gerüchte stößt. 

Ist ein rassistischer Anschlag nicht 
ausgeschlossen, sollte darauf insisüert 
werden, daß diese Möglichkeit besteht. 
Normalerweise eckt mensch damit 
schon an. An diesem Punkt zeigt sich, 
wo wer steht. Daraus ergeben sich u.U. 
Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. 
Eiif besonderes Augenmerk sollte auf 
die (Un-)Tätigkeiten der Polizei und 
der Medien gelegt werden. Wo gibt es 
Gründe und Möglichkeiten zu interve¬ 
nieren? Wichtig ist der weitere Umgang 
mit den Betroffenen. Werden diese in 
üblicher Weise übergangen, ist ihnen 
Gehör zu verschaffen, sofern sie nicht 
selbst dafür sorgen. 

Es empfiehlt sich ein schnelles Rea¬ 
gieren, denn am meisten läßt sich errei¬ 
chen, wenn sich die Leute noch nicht 
gegenseitig ihrer Meinungen verge¬ 
wissert und Positionen festgeklopft 
haben. ' 


Anmerkung1 : Statt Ausländerin müßte es im Text heißen »eine Person aus einem nach u ~ u 

Herkunftsland«, denn weiße Nordamerikanerinnen, Skandinavierlnnen oder SchweiÜ IJ??'* P 
Anmerkung 2 (aus einem Karlsruher Flugblatt, SF-Red.:) In der Lübecker Tatnacht wurden ca 1 ij rf • v 

aus Grevesmühlen kontrolliert und zunächst festgenommen. Die Ermittlungsbehörden ließen sie (Z aUS Vler Ne °" a ?' IS 

«wiesen tato. Sie ,eie„ 20 Min. ,or Ausbruch de, Feuers „och ] 5km .«f™ „ , 

Antifa-Recherchen befindet sich die erwähnte Tankstelle aber nur 5 km weit weg und eine T v w ge ^ esen * Nach Lübecker 
Anm. 3 : (SF-Red., Quelle: Stuttgarter Zeitung etc.): 8 Und 6me Tankstelle racht nur Autos -• 

1994 wurden bei einem Brandanschlag in Stuttgart 7 Menschen aus anderen Ländern n- w u 

Drogenmilieu angehören. Im Juli 1995 wurde ein Neonazi verhaftet, der diesen BraTdaTch£ dcm 

*. 4: (SF-Red., Quelle: Stuttgarter Nachrichten etc.): Brandanschlag sowie 17 (!) weitere gestand. 


Anm. 


DerNeonaziausderFAP der im Ruhrgebiet 5 Morde (darunter einen aneiner jungen FrauwegenTragens eines »Nazi raus« Buttons) 
eingestand und vermutlich zwei weitere zu verantworten hat, wurde in den überreeional«, 8 l • . Buttons) 

abgehandelt, in dieser Kurzmeldung wurde der wenige Raum noch dazu benutzt, daß m len , nich ] t "‘f m ^ ner Kurzmeldung 
zurechnungsfähig” gleich in Schutz nahm. Für weitere Begründungen fehlte dann wieder der Hatz! ^ ^ Vermmdcrt 

[ 10 ] SF 2/96 





Politik und Literatur 


Subcomandante 

Insurgente 

Marcos 

BOTSCHAFTEN 
AUS DEM 
LAKAN- 
DONISCHEN 
URWALD 
Über den 
Aufstand 
der Zapatlsten 
in Mexiko 
Broschur, 256 S., 
DM 29,80 


ü ;; 
■H 


DER BEGINN EINER EPOCHE 

Texte der Situationisten 1958 -1969 
»Wir haben einfach Öl hingebracht, 
wo Feuer war.« Großformatige Broschur, 
vielfältig illustriert, 49,80 DM 


Rob Moonen & Olaf Arndt 

CAMERA 'S I LEN S 

Folter, Stammheim und die RAF. 
Großformatige Broschur, illustr., 48,- DM 


DIE AKT 10 N 

Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst 
148/151= Greve Generale! Massenstreik 
und soziale Revolte in Frankreich. 
Analysen und Dokumente. 60 S., 8,- DM 


Anna Rheinsberg 

SH AN G ha i - 
ERSTER K LA SSE 

Drei leidenschaftliche Geschichten über 
den weiblichen Prozeß des Erwachens, 
der Abgrenzung und der Identifikation. 
Gebunden, 160 Seiten, 36,- DM 


Sean McGuffin 

ZUM LOBE DES POITIN 

Geschichten aus der irischen Schwarz¬ 
brennerei. Eine Lobrede auf die starke 
Spirituose zur Linderung des harten 
irischen Daseins. Broschur, 29,80 DM 


Franz Dobler 
SPRUNG AUS 
DEN WOLKEN 
Dancehall 
Stories 

Geschichten über 
die Liebe, die 
Arbeit, die Politik, 
den merkwürdi¬ 
gen Traum 
gestern nacht. 
Broschur, 128 S., 
DM19,80 


ln jeder guten Buchhandlung 

Edition Nautilus 

Am Brink 10/21029 Hamburg 


M|i| 

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Yelah 


Nachruf auf Karl Bommer 


Yelah, eine seh^vedische anarcha- 
feministische Zeitschrift sucht Photos 
aus dem Lebenszusammenhang von 
Anarchistinnen. Wie leben wir in den 
verschiedenen Ländern, wie leben 
Anarchistinnen heutzutage? 

Kontakt: (auf Englisch): Yelah, Box 
4085, S-40040 Göteborg 


Unser lieber Freund und Genosse Karl 
(Kurt) Bommer ist am 22.12.1995 im 
hohen Alter von 94 Jahren verstorben. 
Anläßlich des 90. Geburtstages von Kurt 
Bommer hat der SF in 4/91 eine aus¬ 
führliche Würdigung seines Lebens und 
Wirkens für die anarchistische Bewe¬ 
gung publiziert. Über 70 Jahre war Kurt 
mit der anarchistischen Bewegung 
verbunden - eine Zeit, die geprägt war 
von den Kämpfen in der Weimarer 
Republik, der Diktatur des Hitler-Re¬ 
gimes und des Wiederbeginns anar¬ 
chistischer Gruppenbildungen und 
Überzeugungsarbeit nach 1945. 

Kurt stand im Mittelpunkt unserer 
Hamburger Gruppe. Mit Engagement, 
Geist und Toleranz vertrat er seine An¬ 
sichten und sorgte dafür, daß die Gruppe 
in sich zusammenhielt. Die menschliche 
Verbundenheit unter Genossen stand 
hei ihm immer im Vordergrund seines 
Denkens und Handelns. 

Wir werden Kurt immer in lieber 
Erinnerung behalten. 

Günther Freitag 


Libertäre Bücherei 


Im Cafe Parlando in Bielefeld wurde 
Ende letzten Jahres iptl libertäre Leih¬ 
bücherei eröffnet. Zwischen 3-4000 
Titel sind dort auälettibar. Die Bücherei 
hat jede Woche yö» dienstags bis sonn¬ 
tags von 15.00 bis 1.00 Uhr geöffnet, 
Bücher ausleihen kann mensch von 
dienstags bis samstags jeweils von 16.00 
bis 20.00 Uhr. Über Buchspendefi be¬ 
klagen sich die Betreiberinnen sicher¬ 
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deutschen Entwicklungshilfe in den 
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kaum erschlossene Landzunge 200 Ki¬ 
lometer südöstlich von Manila wird von 
knapp 400.000 Menschen bewohnt und 
gehört zu den ärmsten Regionen des 
Landes. Reich und üppig gedeiht hier 
nur die tropisch-grüne Vegetation. Die 
Berghänge sind bis zu den Gipfeln mit 
Kokospalmen bepflanzt und in den Tä¬ 
lern glitzern bewässerte Reisfelder. Die 
meisten Planlagen und Felder gehören 
Großgrundbesitzern, die ein Luxusleben 
führen. Ihre Arbeiter dagegen müssen 
mit ihren Familien in Elendshütten aus 
Bambus und Palmblättern hausen. 
Kaum ein Dorf verfügt über sauberes 
Trinkwasser oder eine Gesundheitssta¬ 
tion. Viele Bauern auf Bondoc verdie¬ 
nen nicht einmal zwei Mark - pro Tag! 
■ und drei Viertel der Kinder sind unter¬ 
ernährt. 

Das Hauptquartier des deutschen 
Projekts in dem kleinen, von Armut ge¬ 
prägten Hafenstädtchen Catanauan ist 
großzügig ausgerüstet. Die Entwick- 
I lungshelfer verfügen hier über drei 
große, voll klimatisierte Bürogebäude 
für das Management, die Finanzabtei¬ 
lung und Seminar-Veranstaltungen. Es 
gibt Computer, Druckmaschinen, Ko¬ 
pierer, eine Bibliothek, Funk-, Video- 
Un( l Stereoanlagen, Diaprojektor und 
die einzige Telefonleitung auf der ge¬ 
samten Halbinsel. Der Fahrzeugpark 
besteht aus sechs klimatisierten Pajero- 
Jeeps und noch einmal so vielen Motor¬ 
rädern. Neben vierzig philippinischen 
Projektangestellten arbeiten hier zwei 
deutsche Experten der Gesellschaft für 
Technische Zusammenarbeit, kurz 
GTZ. Die GTZ wickelt als bundeseige- 
ues Unternehmen für die Bundesregie- 
: rung Projekte ab, die der technischen 

Entwicklung und Zusammenarbeit mit 
Dritt-Weltländem dienen sollen. Den 
Entwicklungshelfern der GTZ werden 
selbst in den ärmsten Regionen derWelt 
noch lukrative Löhne und bequeme 
Unterkünfte geboten. Denn - so die 
^TZ-Zentrale in Eschborn zur 
Erklärung: qualifizierte Leute sind rar 
und kosten ihren Preis. 

Im Ergebnis verdient ein GTZ-Berater 
m Catanauan etwa genausoviel wie alle 
40 philippinischen Angestellten zu¬ 
sammen: rund 15.000 DM im Monat, 
steuerfrei! Beide Berater zusammen 


verbrauchen ein Viertel der gesamten 
Projektmittel für die Bondoc-Halbinsel. 
Und während ihre philippinischen Kol¬ 
legen in Hütten wohnen oder sich zu 
mehreren die stickig-heißen Zimmer 
derProjektunterkunftteilen müssen, ließ 
die GTZ für die deutschen Experten je 
eine großzügige Villa mit Garage am 
Privatstrand bauen. Kostenpunkt: 
400.000 DM. Das Häuschen für den 
bewaffneten Wächter neben dem Ein¬ 
gangstor inklusive. 

Ihre Sonderstellung in Catanauan 
scheint den GTZ-Experten zu Kopf 
gestiegen zu sein: Als ich mich im Büro 
des Projektmanagement in Catanauan 
melde, um das vereinbarte Besuchs¬ 
programm im Projektgebietanzutreten, 
überreicht mir der GTZ-Angestellte 
Hans Jürgen Schmid ein zweiseitiges, 
von ihm verfaßtes Papier mit der Über¬ 
schrift “Agreement”. Er fordert mich 
auf, diese “Vereinbarung” umgehend 
zu unterzeichnen. Danach hätte ich mich 
verpflichtet, “keine Interviews, Infor¬ 
mationen und Recherchen aus dem 
Bondoc-Projektgebiet ohne die 
vorherige ausdrückliche Zustimmung 
des Projekt-Managements” zu veröf¬ 
fentlichen. Als ich mich weigere, 
Schmid mit meiner Unterschrift als 
Zensor meiner Berichterstattung anzu¬ 
erkennen, droht er mir, meinen Besuch 
im Projektgebiet innerhalb einer halben 
Minute abzusagen. Erst als diese Dro¬ 
hung nicht die gewünschte Wirkung 
zeigt, läßt er mich schließlich doch noch 
im Projektjeep zu einigen Vorzeige- 
dörfern auf der Bondoc-Halbinsel 
chauffieren. Ich aber fragemich, warum 
die GTZ-Mitarbeiter so nervös werden, 
wenn sich einmal ein Journalist in ihr 
abgelegenes Projektgebiet verirrt? An 
ihrem Luxusleben in einem Meer von 
Armut kann es nicht liegen. Denn das 
gleicht sich überall, wo reiche deutsche 
Entwicklungsexperten mit dem An¬ 
spruch auftauchen, den Armen der Welt 
helfen zu wollen. 

Tatsache ist, daß kaum ein Projekt 
der bundesdeutschen Entwicklungszu¬ 
sammenarbeit von Anfang an so um¬ 
stritten war wie das auf der Bondoc- 
Halbinsel. Denn das Projektgebiet liegt 
in einer innenpolitisch hoch brisanten 
Region. Seit Beginn der Marcos-Dikta¬ 
tur vor mehr als zwei Jahrzehnten ope¬ 
riert dort die philippinischen Guerilla 
New People’s Army (NPA). Das weiß 
auch die Bundesregierung. Schon in 


einem der frühen GTZ-Berichte aus 
den achtziger Jahren über die Lage auf 
der Bondoc-Halbinsel heißt es: “Das 
Projektgebiet ist als Hochburg der NPA 
anzusehen, die auch einen gewissen - in 
manchen Gegenden starken - Rückhalt 
bei der örtlichen Bevölkerung findet” 

1986 wurde zwar Marcos gestürzt 
und Corazon Aquino übernahm das Amt 
der Präsidentin. An den feudalen Be¬ 
sitzverhältnissen auf dem Land und den 
elenden Lebensbedingungen änderte 
sich dadurch allerdings nichts, weder 
unter ihrer Regierung noch unter der 
des heutigen Präsidenten Fidel Ramos. 
Deshalb setzte die NPA ihren bewaff¬ 
neten Kampf für radikale Reformen 
fort, insbesondere füreineUmverteilung 
des Bodens an die landlosen Bauern. 
Aquino, die zunächst noch Friedens¬ 
verhandlungen mit der Guerilla ange¬ 
kündigt hatte, erklärte der NPA schon 
bald den totalen Krieg. Ein Krieg, der 
auch die Bondoc-Halbinsel erfaßte. 

Trotzdem suchte sich die Bundesre¬ 
gierung 1987 ausgerechnet Bondoc als 
Zielgebiet für ihr größtes entwick¬ 
lungspolitisches Projektauf denPhilip- 
pinen aus. Sie beschloß, 25 Millionen 
Mark für den Bau und die Befestigung 
von Straßen und Brücken durch das 
Guerilla-Gebiet auf der Halbinsel zu 
investieren. Den Bau von Straßen auf 
Bondoc hatten philippinische Militärs 
schon unter Marcos vorgeschlagen. Sie 
wollten dort mit schwerem Gerät und 
Panzerfahrzeugen operieren, um effek¬ 
tiver gegen die Aufständischen Vorge¬ 
hen zu können. Endeder achtziger Jahre 
schien ihr Wunsch in Erfüllung zu 
gehen: mitdeutscher Entwicklungshilfe. 

Doch gegen die Straßenbaupläne er¬ 
hob sich ein für die Regierenden beider 
Seiten unerwartet hartnäckiger Wider¬ 
stand. Bauemorganisationen und Ge¬ 
werkschaften von der Halbinsel fürch¬ 
teten eine Zunahme der militärischen 
Auseinandersetzungen und damit noch 
größeres LeidfürdieZivilbevölkerung. 
Sie protestierten öffentlich gegen das 
Projekt. Solidaritätsgruppen in der 
Bundesrepublik griffen die Kritik auf. 
Und nach Debatten im Bundestag sah 
sich die Bundesregierung schließlich 
gezwungen, ihr Straßenbauprojekt auf 
Bondoc zumindest “vorläufig zurück¬ 
zustellen”. Dazu hatten wohl auch Er¬ 
klärungen des NPA-Sprechers für 
Bondoc, Gregorio Rosal (“KaRoger”), 
beigetragen. In Schreiben an das Bun- 


SF 2/96 [13] 





Strandvilla des GTZ-Beraters 
Hans J. Schmid 




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desministerium für wirtschaftliche Zu¬ 
sammenarbeit, BMZ, und den Bundes¬ 
tag hatte er angekündigt, die Guerilla 
werde das deutsche Straßenbauprojekt 
notfalls auch mit Waffengewalt stoppen. 

Statt sich aus dem politischen Macht¬ 
kampf auf Bondoc herauszuhalten, be¬ 
auftragte das BMZ nach dieser ersten 
Pleite die Gesellschaft für Technische 
Zusammenarbeit GmbH (GTZ)in Esch¬ 
born, ein verändertes Konzept für ein 
bundesdeutsches Projekt auf der Halb¬ 
insel zu entwickeln. So entstand das 
Bondoc Development Program. Projek¬ 
tierte Dauer: 15 Jahre. Fördersumme: 
20 Millionen Mark. Projektbeginn: 
1990. 

Bernhard Kühn, Südostasienreferent 
im BMZ, nennt als Hauptziele des neuen 
Konzepts: “Hilfe zur Selbsthilfe, Auf¬ 
bau und Förderung von Selbsthilfe¬ 
gruppen, Spar- und Kreditmobiliserung, 
Diversifizierung der Einkommensmög¬ 
lichkeiten und Hilfe bei der Bodenre¬ 
form.” 

Auf Druck des Bundestagsausschus¬ 
ses für wirtschaftliche Zusammenarbeit 
sah sich die Bundesregierung ge¬ 
zwungen, mit der Vorstellung des neu¬ 
konzipierten Bondoc-Projekts einige 
politische Forderungen an diephilippi- 


nische Regierung zu stellen, von deren 
Erfüllung die weitere Förderung dieses 
Projektes abhängig gemacht werden 
sollte. Fünf Jahre nach Projektbeginn 
müssen sich die Betreiber an diesen 
selbstgesteckten Vorgaben messen 
lassen. 


RegierungsforderungNr. l. : Rückzug 
des Militärs und Friedensregelung für 
die Bondoc-Halbinsel 


daß die philippinische Regierum 
Militärpräsenz in der Region deu 
ausgedünnt hat.” Das sagt Bern 
Kühn, der Südostasienreferent 
BMZ. Und der Länderchef der GT 
die Philippinen, Walter Schöll 
hauptet gar: “Eine Zeit lang gab e: 
der Bondoc-Halbinsel überhaupt k 
offizielle Militärpräsenz mehr.” 

Die Realität vor Ort sieht anders 
Schon bei der Anreise ins Projekten 

passiert der Bus gleich mehrere mi 

rische Checkpoints. Noch am Orts 
gang von Catanauan, dem Sitz 

Bondoc-Management-Büros, ste 

“Stop”-Schilder mitten auf der Str 
die jeden Wagen zwingen, im Sc 
tempo an einer Steinmauer mit Sch 


scharten vorbeizufahren, hinter der - 
deutlich erkennbar - Soldaten mit 
Gewehren im Anschlag stehen. Auch 
philippinische Menschenrechtsorgani¬ 
sationen zeichnen ein völlig anderes 
Bild von der Militärpräsenz auf Bondoc 
als die deutschen Projektbetreiber. Amcl 
Salvador, der Generalsekretär des 
Ecumencial Movement for Justice and 
Peace” (EMJP, zu deutsch: Ökumeni¬ 
sche Bewegung für Gerechtigkeit und 
Frieden), dessen Organisation schon seit 
den achtziger Jahren auf Bondoc aktiv 
ist, rollt eine Karte der Halbinsel vor 
mir aus und zeigt mir darauf, wo sich 
heute die Stützpunkte des Militärs und 
der paramiüärisch organisierten Polizei 
befinden. Danach ist das 3.Landeba¬ 
taillon der philippinischen Marine in 
Mulanay stationiert. Zu dieser Einheit 
gehören auch die 243. Marinekompanie 
in Pajarillo, Macalelon, und die 233. 
Marinekompanie in San Miguel Da 
Lopez. In San Franciso habe das 15. 
Sondereinsatzkommando der philippi¬ 
nischen Armee seinen Stützpunkt, das 
verantwortlich sei für die Rekrutierung 
der paramilitärischen Bürgerwehren 
auf der gesamten Bondoc-Halbinsel. In 
Catanauan sei das 234. mobile Einsatz¬ 
kommando der philippinischen Polizei 




[14] SF 2/96 







stationiert, das auch zur Aufstandsbe- WalterSchöllvonderGTZbehauptet: tos, Anfang des Jahres seien hier die 

kämpfung eingesetzt werde. Und “SeitProjektbeginn hat sich die Beach- zerstückelten Körperteile des ermorde- 

schließlich gebe es in Gumaca noch das tung der Menschenrechte deutlich ver- ten Schuldirektors von San Narciso ge- 

232. Einsatzkommando und eine wei- bessert. Das wird auch von der Bun- funden worden. Dieser hatte es gewagt, 

tere Marineeinheit. Alle genannten Orte desregierung so eingeschätzt. Generell den Mißbrauch öffentlicher Gelder 

sind auf der Bondoc-Halbinsel. Und werden die Philippinen nicht mehr als durch den Bürgermeister von San Nar- 

unweit davon, an der Grenze zwischen große Verletzer der Menschenrechte ciso, Juanito Uy, zu kritisieren. Uy ist 

den Provinzen Quezon und Bicol, sei angesehen. Bei einem Gespräch, daß Großgrundbesitzer, verfügt als berüch- 

auch noch die Kaserne des 74. Infante- ich unlängst in Bonn im Außenministe- tigter “ Warlord” über eine Privatarmee 

nebataillon der philippinische Armee. riiim geführt habe, hieß es sogar, in und verbreitet in seinem Einflußbereich 

Tatsächlich,soAmelSalvador,seien bezug auf die Einhaltung der Men- AngstundSchrecken.ZuProjektbeginn 

in den letzten’Jahren einige Einheiten schenrechte seien die Philippinen nicht saß er, laut Protokoll vom 1. September 

der Landstreitkräfte von der Halbinsel schlimmer als die Bundesrepublik 1990, im Beirat des GTZ-Projekts. 

abgezogen worden. Dafür jedoch seien Deutschland . Auch andere Großgrundbesitzer auf 

in den Küstenorten mehr Marinetruppen Auch BMZ-Regierungsdirektor Bondoc halten sich Privatarmeen, die 

stationiert als zuvor. Fazit: die erste Bernhard Kühn weiß nur Positives von von Soldaten und Offizieren der Regie- 

Forderung der Bundesregiening ist bis den Philippinen zu berichten. “Es gibt rungstruppen ausgebildet werden, 

heute nicht erfüllt: von einem Rückzug dortkeine von der Regierung geduldete Amei Salvador von der Menschen- 

des Militärsodereiner Friedensregelung Verletzung der Menschenrechte”. rechtsorganisation EMJP legt mir darü- 

auf Bondoc kann keine Rede sein. Auf Selbst von amnesty international lägen ber hinaus Dokumente über Dutzende M 

Nachfrage muß auch Walter Schöll von keine Berichte über Menschenrechts- Fälle von Menschenrechtsverletzungen g | 

derGTZ eingestehen daßes“noch An- Verletzungen in der Projektregion vor vor-alle aus den letzten fünf Jahren seit ’S, | 

fang 1994 - vor den philippinischen und auch die Projektmitarbeiter hätten Beginn des Bondoc-Projektes. Ein § P 

Kommunalwahlen im Mai - Einsätze nichts dergleichen gemeldet. Beispiel: “Am 7. November 1993 gab | 

von Marines und Zusammenstöße zwi- Doch auch in diesem Punkt erweist es einen Militäreinsatz in dem Dorf g 

sehen dem Militär und der NPA auf sich bei einem Besuch vor Ort das Ge- Uyon-Uyon. Dabei wurden drei Bauern n g. 

Bondoc gab.” genteil: Als wir bei der Fahrt durch das getötet. Die Militärs verbrannten die . || 

Projektgebiet das Örtchen San Narciso Leichen. Zwei Wochen später wurden § § 

Regierungsforderung Nr. 2: an derOstküsteder Halbinsel erreichen, drei weitere Personen hingerichtet. Sie Sg 

Einhaltung der Menschenrechte erzählt mir mein Begleiter, der Projekt- wurden von Bürgerwehnrupps unter 

mitarbeiterShirienRoniel “Nico” San- dem Kommando des 3 l.Infanterie-Ba- S ca 



SF 2/96 [15] 




taillons geköpft.” 

Auch amnesty international - von 
BMZ-Regierungsdirektor Kühn als 
Kronzeuge für die positive Entwicklung 
auf Bondoc zitiert - machte noch 1993 
in einer weltweiten Eilaktion ("Urgent 
Action”) auf das Verschwinden des 
Bauern Jose Solivan aufmerksam. Die¬ 
ser wurde mitten in Catanauan vom 
Militär verschleppt, also fast vor der 
Tür des Bondoc-Projektmanagements. 

DieGTZ-Experten vor Ort verschwei¬ 
gen all diese Fälle, obwohl Öffentlich¬ 
keit oft der einzige Schutz für die Be¬ 
troffenen ist. Ob sie wohl fürchten, die 
Bundesregierung könnte wirklich ein¬ 
mal ernst machen mit ihrer Ankündi¬ 
gung, die Gewährung von Entwick¬ 
lungshilfe von der Einhaltung der Men¬ 
schenrechte abhängig zu machen? Von 
Bondoc jedenfalls hätte sie ihre Ent¬ 
wicklungshelfer dann schon lange ab- 
ziehen müssen. 

Regierungsforderung Nr. 3: Rasche 
Umsetzung der Landreform auf der 
Bondoc-Halbinsel 


Auch was die Durchführung der Lan¬ 
dreform auf Bondoc angeht, will Bern¬ 



hard Kühn vom BMZ “der philippini¬ 
schen Regierung nicht das ernsthafte 
Bemühen absprechen” und Walter 
Schöll von der GTZ behauptet, “unge¬ 
fähr 30-40% der vorgesehenen Rächen 
sind bisher verteilt.” Das klingt gut, 

entsprichtnur nicht der Wahrheit. Selbst 
eine im Auftrag des Bondoc-Projekts 
erstellte Studie zur Landreform weist 
nach: Nur ein Drittel des landwirt¬ 
schaftlich nutzbaren Bodens auf Bondoc 
fällt überhaupt unter das Landreform¬ 
gesetz der philippinischen Regierung. 

Und davon sind - nach Angaben des 
zuständigen Ministeriums - bis heute 
auch wiederum nur 30 bis 40 Prozent 
erfaßt(!). Bis jetzt ist somit gerade mal 
ein Zentel des Bodens auf Bondoc in 
die äußerst langsam mahlenden büro¬ 
kratischen Mühlen des Ministeriums 
für Landreform geraten, was noch lange 
nicht heißt, daß dieser Boden auch schon 
verteilte) wäre. Fazit: Auch von einer 
raschen Umsetzung der Landreform im 
Projektgebiet, der dritten Forderung der 
Bundesregierung, kann deshalb keine 
Rede sein. 


up Cali to Europe”) nicht im Mai, son¬ 
dern am 12./I3. März in Amsterdam 
stattfand, und daß das Bondoc-Projekt 
dort zu keinem Zeitpunkt Thema der 
Debatte war. 

Aber was soll’s, wenn’s der Verteidi¬ 
gung des Bondoc-Projekts dient. Da 
behauptet GTZ-Länderchef Walter 
Schöll ja auch, die Zusammenarbeit 
mit den lokalen Basisinitiativen funk¬ 
tioniere gut, obwohl im Evaluierungs¬ 
bericht seines Unternehmens für die 
ersten drei Projektjahre das genaue Ge¬ 
genteil steht, (vgl. Report on the Pro¬ 
gramme’s Review Mission for the 
ProjectPN: 88.2021.9-01. 100 ,Bondoc 
Development Program [BDP], Philip¬ 
pines, Catanauan and Singen, February 
1993) 

In den fünf Jahren von 1990 bis 1995 
ist es den Projektbetreibem nicht einmal 
gelungen, auch nur die neun Vertreter 
von Basisinitiativen aufzutreibeh, die 
die laut Konzept vorgesehenen Basis- 
Plätze im Projektbeirat besetzen sollten. 
Vielmehr haben ein halbes Dutzend 
örtlicher Initiativen von Landarbeitern 


Regierungsforderung Nr 4 * 
Beteiligung der Zielbevölkerung der 
Nicht-Regierungs- und Basisorgaiiisa- 
tionen, an Planung und Durchführung 
des Projekts. 8 


— ausene 

ankerung” des Bondoc-Projektes 
geht, widersprechen sich die zustä 
gen Herren von BMZ und GTZ G 
Länderchef Walter Schöll beschi 
die Zusammenarbeit mit den “Peor 
Organizations”,den Selbsthilfegrur 
an der Basis, als “sehr positiv” Nui 
den Nichtregierungs-Organisatioi 

den NGOs, habe sie sich “weniger 
sitiv entwickelt als ursprünglich 
hofft”. Der politisch Verantwort! 
im BMZ, Bernhard Kühn, behau 
das Gegenteil: “Ich war im Mai 1 

auf einem Kongreß in Amsterdam 

anstaltet von sicherlich nicht gei 
rechtsgerichteten NGOs aus den i 
lippinen. Dort wurde die Zusamme 
beit mit NGOs im Bondoc Projekt 


« ~ anucrc 

geber im Rahmen der Entwickl 
sammenarbeit.” 


Fakt ist, daß der genannte Kongreß 
(veranstaltet vom Transnational Insti 
tute unter dem Thema “Asia’s Wake- 


und Bauern ihre Zusammenarbeit mit 
dem deutschen Projekt ausdrücklich 
nufgekündigt. Ans Sarmiento von der 
Nicht-Regierungsorganisation “Soli- 
darity for Poeples Power” in Südtagalog 
schrieb im Auftrag der GTZ noch! 1993 
am Evaluierungsbericht über die ersten 
drei Jahre mit. Er kennt somit das In¬ 
nenleben dieses Projekts genau. Zur 
Beteiligung der Basis sagten “Bis heute 
ist den meisten Leuten in den Dörfern 
das Konzept dieses Projekts nicht klar. 
Sie machen sogar Witze darüber, daß 
das Projekt außer Propagandacomics 
und endlos langen Sitzungen bislang 
nichts gebracht habe. Nachdem einige 
aktive Gruppen die Zusammenarbeit 

mit dem Projekt eingestellt hatten; weil 
die Militarisierung weiterging, die 
Landreform nicht durchgeführt wurde 
und die Basisinitäativen nicht wirklich 
in den Projektgremien mitentscheiden 
dürfen, begann das Projektmanagement 
damit, sich seine eigenen Basisgruppen 
zurechtzuzimmem. Das sind allerdings 
Gruppen von Bürgermeistern und Lo- 
kalpolitikem, also Leute aus der Ober¬ 
schicht, was nicht dem verkündeten 
Anspruch entspricht, für die Ärmsten 
der Armen einzutreten.” 

Auch die Basisbeteiligung der Zielbe¬ 
völkerung im Projektgebiet funktioniert 
also nicht. Damit sind alle vier Voiraus- 


[16] SF 2/96 







Setzungen nicht erfüllt, die die Bundes¬ 
regierung für eine erfolgreiche Durch¬ 
führung des Projektes benannt hatte. 
Bleibt die Frage, warum die politisch 
Verantwortlichen trotz alledem so hart¬ 
näckig an ihrem Einsatz auf Bondoc 
fes(halten. Amei Salvador von der öku- 


beschrieben ihr Ziel auf der Halbinsel 
laut Protokoll so: “Die Lösung besteht 
darin, die Aufständischen in der Region 
vollständisch auszurotten. Dies ist der 
Beitragdes Militärs zur Schaffung eines 
ewig währenden Friedens für die Be¬ 
völkerung.” Auch an dieser Beiratssit- 


menischen Menschenrechtsorganisa¬ 
tion EMJP nennt als Grund, daß auch 
das neukonzipierteProjektletztlichden 
selben politischen Zielen diene, die 
schon die ursprünglich geplanten 
Straßenbauten fördern sollten: “Alle 
Projekte der Regierung in dieser Region 
sind Bestandteil der übergeordneten 
militärischen Strategie zur Aufstands¬ 
bekämpfung, auch das Bondoc-Pro- 
jekt.” Die Militärstrategie nenne sich 
Oplan Lambat Bitag” (zu deutsch: 
Operationsplan Netzfalle) und sei zur 
Zeit in ihrer dritten Phase. Die für das 
Bondoc-Projekt politisch Verantwort¬ 
lichen von BMZ und GTZ geben vor, 
dieses Konzept des philippinischen 
Militärs nicht zu kennen. Dabei ist es 


zung nahm der GTZ-Berater Schmid 
teil. Trotzdem behauptet sein Vorge¬ 
setzter, GTZ-Länderchef Walter Schöll, 
all diese Absichtserklärungen der Mili¬ 
tärs seien den deutschen Entwicklungs¬ 
helfern vor Ort “so sicherlich nicht be¬ 
kannt” gewesen. 

Tatsächlich hat sich seitProjektbeginn 
auf Bondoc genau das abgespielt, was 
das Militär 1990 angekündigt hatte. 
1991, ein Jahr nach Projektbeginn, wur¬ 
de eine großangelegte Offensive gegen 
die NPA-Guerilla gestartet, mit Bom¬ 
bardements in den Bergdörfer im Hin¬ 
terland. Das entsprach der ersten Phase 
der Aufstandsbekämpfung, der “Säu¬ 
berung”. Daraufhin folgte die zweite 
Phase der “Sicherung”: die Rekrutie- 


auf den Philippinen seit Ende der acht- 
z 'ger Jahre publik und auch bundes- 
eutschg Zeitungen haben schon damals 
arüber berichtet. Den Militärplan 
Oplan Lambat Bitag” beschrieb Eric 
anvier, Adjudant des phlippinischen 
e rteidigungsministers, 1989 - kurz vor 
rojektbeginn - als “Aufstandsbekämp- 
un g auf allen Ebenen”. Er unterschied 
abei die vier Phasen: “Säuberung, 
■cherung, Konsolidierung und Ent- 
'vtcklung”. 

Im Oktober 1990, kurz nach Projekt¬ 
ion, traf sich das Projekt-Manage- 
ment, darunter auch GTZ-Berater 
chmid, mit General Frederico Ruiz, 
cm für Bondoc zuständigen Militär- 
ommandantcn des Southern Luzon 
ommand.GeneralRuizvertratdamals 
m aller Öffentlichkeit das Militärkon- 
Ze Pt "°Plan Lambat Bitag” und sagte 
wörtlich, er werde “Himmel und Erde 
ja Bewegung setzen, um das Gebiet der 
ondoc-Halbinsel von Störenfrieden zu 
Räubern”, nicht zuletzt, damit das bun- 
^ ( ’sdeutsche Projekt ungestört laufen 
önne. Auch auf der ersten Beiratssit- 
iqo^ .^ es I* ro jcktes am 1. September 
0 in Eyn’s Restaurant in Catanauan 
aren zwei hochrangige Militärs ver- 
men, Major Cabreras von den philip¬ 
mischen Strcilkräften und Hauptmann 
Pi?-, arma von der 234. Kompanie der 
... ! ’PPmcConstabulary, den paramili¬ 


tärisch 


cn Polizeitruppen. Die beiden 


rung lokaler Bürgerwehren, um die 
Rückkehr der Guerilla in die bombar¬ 
dierten Dörfer zu erschwerden. Darum 
bemühte sich insbesondere derProvinz- 
gouvemeur und Vorsätzendedes Beirats 
im GTZ-Projekt, Eduardo Rodriguez. 
Das Ziel der dritten Phase der Militär¬ 
strategie, der “Konsolidierung”, lautete: 
“Engagierte Bürger in regierungsnahe 
Organisationen einbinden!” Diesem 
Ziel entsprach exakt, die dreijährige 
Orientierungsphase des Bondoc-Pro- 
jektes. Denn in dieser Zeit versuchten 
die Projektbetreiber, Basisgruppen an 
einen Tisch mit Regierungsvertretem 
zu bringen, also engagierte Bürger ein¬ 
zubinden. 

Und der vierten “Entwicklungspha¬ 
se”, der “Development Phase” des Mi¬ 
litärkonzepts, entspricht die zur Zeit 
laufende Implementierungsphase des 
Bondoc-Projekts. Durch konkrete Hilfs¬ 
maßnahmen, vom Brunnen bis zum 
Toilettenbau, sollen die Sympathien der 

regierungskritischen Bevölkerung zu¬ 
rückgewonnen und damit der Befrei¬ 
ungsbewegung das W asser abgegraben 
werden, bis sie - in der Terminologie 
philippinischer Militärs - wie ein Fisch 
auf dem Trockenen zappelt und mit 
einem letzten, entscheidenden Schlag 
vernichtet werden kann. Über diese 
frappierende Übereinstimmung der 
entwicklungspolitischen Ziele des 
Bondoc-Projekts mit den Plänen der 


Militärs zeigt sich der verantwortliche 
Referent im BMZ, Bernhard Kühn, 
wenig überrascht: “Ja, es läuft zum Teil 
parallel, und daß die Militärs dort eigene 
Vorstellungen haben und daß sie das 
Engagement begrüßt haben, kann durch¬ 
aus sein.” Für BMZ-Regierangsdirektor 
Kühn ist es ein “Ausdruck des demo¬ 
kratischen Systems des Landes”, daß 
die Militärstrategien auf den Philippi¬ 
nen “so deutlich gemacht werden”. 
Dabei interessiere sich das BMZ “na¬ 
türlich nur fürdie“developmentphase”, 
also den “entwicklungspolitischen An¬ 
satz” des Militärkonzeptes. “Da treffen 
sich natürlich die Bemühungen.” Es sei 
doch völlig klar, daßesein gemeinsames 
Interesse der philippinschen Militärs 
wie der Bundes-regierung sei, die 
Lebensbedingungen der Bevölkerung 
vor Ort zu verbessern. Positive 
Nebenwirkung: “Wenn dadurch der 
Druck von unten gemindert wird, gibt 
es natürlich auch weniger Ansatzpunkte 
fürdieNPA.” 

Bei so viel Übereinstimmung wundert 
es nicht mehr, daß sich das Projektma¬ 
nagement, inklusive der deutschen 
GTZ-Experten, regelmäßig mit den 
örtlichen Militärkommandanten trifft 
Darauf angesprochen behauptet der 
GTZ-Berater vor Ort, Hans Jürgen 
Schmid, bei diesen Dialogen versuche 
er, das Militär über Menschenrechts¬ 
fragen aufzuklären. Sein Vorgesetzter 
Walter Schöll nennt andere Gründe für 
die Konsultationen mit dem Militär: 
“Das Projekt muß sich auf der Halbinsel 
weitgehend bewegen können. Dasheißt, 
daß man mit den Militärs unter Um¬ 
ständen Zeitpläne und Einsatz auf der 
Insel abstimmt.” 

Die Projektmitarbeiter stimmen sich 
nicht nur mit dem Militär über ihre 
“Einsätze” ab, sondern sie betreiben in 
den Projektdörfem zudem militärische 
Aufklärung. In der ersten dreijährigen 
Orientierungsphase schickte das Pro¬ 
jektmanagement seine Mitarbeiter in 
39 ausgewählte Dörfer, um sogenannte 
“Barangay Profiles” erstellen zu lassen: 
detaillierte Berichte über die wirtschaft¬ 
liche, soziale und politische Lage vor 
Ort. Damit die Mitarbeiter, die ins Feld 
zogen, wußten, worauf es dem Projekt¬ 
management ankam, wurde ihnen ein 
Fragebogen an die Hand gegeben, nach 
dem sie vorgehen sollten. Und unter 
Punkt C dieses Fragebogens sollten auch 
Informationen zum Thema “Peace and 


SF 2/96 [17] 



Order” recherchiert werden, also zum 
Stand der militärischen Auseinander¬ 
setzungen mit der Guerilla. Insbeson¬ 
dere sollten sich die Entwicklungshelfer 
im Auftrag der deutschen und philippi¬ 
nischen Regierung für folgende, in die¬ 
ser Reihenfolge aufgelistete Fragen 
interessieren: “Anwesenheit bewaffne¬ 
ter Gruppen, Name der bewaffneten 
Gruppe, Mitgliedschaft in der bewaff¬ 
neten Gruppe nach Geschlecht, Aktivi¬ 
täten und Operationen der bewaffneten 
Gruppen, Logistik der bewaffneten 
Gruppen, militärische Ausrüstung...” 

Und die Projektmitarbeiter sammel¬ 
ten eifrig die erwünschten Informa¬ 
tionen und faßten sie anschließend in 
ihren Berichten zusammen. So ist zum 
Beispiel in dem Report über das Dorf 
Cawayan II zu lesen: “Das Dorf ist 
Durchzugsgebiet der ‘Linken’, die von 
Inabuan über Sitio Malalim na Sapa 
und Bilucao nach Cawayan I ziehen, 
wo sie ihr Versteck haben. Die Gegend 
ist nicht besonders kritisch, was die 
Aufständischen angeht, da die ‘Linken’ 
lediglich auf dem Weg zu ihrem Stütz¬ 
punkt hier durchziehen.” 

Faßt man dieeinzelnen Informationen 
aus den Dutzenden Dorf-”Profiles” zu¬ 
sammen, ergibt sich ein ziemlich um¬ 
fassendes Bild über Bewegungen, Ver¬ 
stecke und Rückzugsgebiete der NPA- 
Guerilla im Projektgebiet. Die GTZ- 
Verantwortlichen in Eschborn geben 
vor, von diesem aktiven Beitrag ihrer 
“Entwicklungshelfer” zur militärischen 
Aufklärung nie gehört zu haben. Er 
könne sich überhaupt nicht vorstellen, 
so Walter Schöll, daß die deutschen 
Projektmitarbeiter “von so einem Sze¬ 
nario überhaupt etwas wissen”. Er je¬ 
denfalls habe nie etwas davon erfahren. 
Die “Erstellung von Dorfprofilen” ver¬ 
mag erallerdingsnichtzu leugnen. Denn 
die werden auch in den offiziellen Pro¬ 
jektberichten erwähnt. Nur will der 
GTZ-Länderchef - selbst nach Vorlage 
der Fragebögen einiger Dorfberichte 
mit entsprechenden Ergebnissen - nicht 
glauben, daß die Sozialforschung seiner 
Untergebenen auf Bondoc “so spezi¬ 
fisch auf Spitzeldienste” hinauslaufe. 
Bernhard Kühn vom BMZ versucht es 
garnichterstmitähnlichen Ausflüchten. 
Er schiebt die Verantwortung für die 
Militärspionageder Entwicklungshelfer 
schlicht auf die philippinische 
Regierung. Die Erhebungen seien 
tatsächlich während der “Orientie¬ 


rungsphase , in den ersten drei Projekt¬ 
jahren, durchgeführt worden, bestätigt 
er. Aber da es sich nicht um ein rein 
deutsches Projekt, sondern um eine 
gemeinsames Vorhaben mit der philip¬ 
pinischen Regierung handele, könne es 
natürlich sein, daß diese in den Frage¬ 
bögen auch “gewisse Dinge mit unter¬ 
gebracht hat, für die sie ein stärkeres 
Inferesse hat als wir”. Der deutsche 
Regierungsvertreter Kühn hat dafür 
volles Verständnis: “Das ist völlig nor¬ 
mal. Auch in jedem Fragebogen, den 
Sie hier in Deutschland zu Marketing¬ 
fragen ausfüllen, sind Huckepackfragen 
dabei.” Entscheidend sei letztlich die 
Frage, was mit den Informationen ge¬ 
macht worden sei. Und da müsse man 

ihm erst einmal belegen, daß das Militär 

auch wirklich Zugriff darauf gehabt 
habe. Dafür, daß das Militär Zugang zu 
diesen Informationen hatte, sorgte - 
wenn sie nicht bei den regelmäßigen 
Dialogen ohnehin ausgetauscht wurden 
- spätestens die interne Struktur des 
Projektes. Denn der Gouverneur der 
Provinz Quezon, Eduardo Rodriguez, 
war - als die Berichte verfaßt wurden - 
nicht nur Vorsitzender des Projektbei¬ 
rats und hatte in dieserFunktion Zugang 
zu allen Unterlagen, sondern er war 
zugleich Vorsitzender des “Peace and 
OrderCouncils” für Südtagalog, mithin 
des Gremiums, in dem die Provinzre¬ 
gierung gemeinsam mit den örtlichen 
Militärs die Aufstandsbekämpfung auf 
derBondoc-Halbinsel plant. Rodriguez 
freut sich ganz offen über den Beitrag 

den dasBondoc-Projektzur Aufstands¬ 
bekämpfung leistet. Beim Interview in 
seinem Regierungsgebäude in derPro- 
vinzhauptstadtLucena schwärmt er, die 
Sicherheitslage in seiner Provinz habe 
sich mchtzuletztaufgrund des Bondoc- 
DevelopmentProgram “insgesamt sehr 
verbessert”: “Die Hilfen zum Lebens¬ 
unterhalt haben zugenommen und damit 
wurden viele ehemalige NPA-Kämpfer 
absorbiert.”Zwar muß auch Gouverneur 
Rodriguez eingestehen, daß auf Bondoc 
bis heute “noch ein paar NPA-Rebellen 
herumstreifen.” Aber es würden immer 
weniger. “Wir sind jetzt in der zweiten 
Phase des Bondoc-Projekts, der Imple¬ 
mentierung, und die konkreten Hilfs¬ 
maßnahmen, die jetzt anlaufen, werden 

sehr viel dazu beitragen, das Vertrauen 
der Bevölkerung in die Regierung zu- 
rückzugewinnen.” 

So sind also immerhin die Regieren¬ 


den (die auf den Philippinen bis heute 
weitgehend aus der korrupte Elite der 
Großgrundbesitzer und reichen Ge¬ 
schäftemacher stammen) und die Ge¬ 
neräle (die, wie auch Staatspräsident 
Fidel Ramos, schon dem Folterregime 
des Diktators Ferdinand Marcos tat¬ 
kräftig unterstützt hatten) des Lobes 
vol 1 f ür die deutsche En twicklungsh i 1 fe. 
Und das Skandalprojekt auf Der Bon- 
doc-Halbinsel soll deshalb nicht trotz, 
sondern genau wegen seiner Nähe zur 
Strategie des Militärs weitergehen. Im 
Oktober 1995 reiste Bernhard Kühn 
vom BMZ zu Verhandlungen mit der 
Regierung nach Manila. Dabei wurden 
eine weitere Verlängerung des Pro¬ 
jektes um drei Jahre mit der Partnerre¬ 
gierung vereinbart und erneut fünf 
Millionen Mark für die Fortführung des 
Projekts zur Verfügung gestellt”. 

Bleibt die Frage, ob die Kritiker des 
Projekts, darunter einige Nicht-Regie- 
rungsorganisationen von der Bondoc- 
Halbinsel, in der Bundesrepublik noch 
einmal so eine Lobby finden, wie die, 
die 1987 die Straßenbaupläne des BMZ 
zu Fall brachte. Jhana June Diola, die 
Generalsekretärin von CEDÄR, einer 
kritischen Nicht-Regierungsorganisa- 
tion, die noch bis 1994 im Beirat des 
Bondoc-Projektes saß, sagt heute: “Das 
Projekt wird mit dem Geld der Men¬ 
schen in Deutschland finanziert und die 
Leute bei Euch denken sicher, daß cs 
den Menschen hier hilft. Aber es ist 
kein Projekt zu Gunsten der Menschen/’ 
Deshalb sei es besser, wenn die GTZ- 
Experten nach Hause führen. Der Men¬ 
schenrechtler Amei Salvador kommt 
zu dem Schluß: “Ich will es ganz offen 
sa gen: das Bondoc-Projekt ist ein un¬ 
verhohlener Beitrag zur Aufstandsbe- 
kämpfung des Militärs und ich fordere 
die deutsche Regierung dringend auf, 
dieses Projekt sofort einzustellen/’ 

Literaturhinweis: 

Eine ausführliche Studie über das 
Bondoc-Projekt 

(Stiftung für Kinder, Freiburg i.Br. und 
Philippinenhüro e.V. im Asienhaus , 
Essen [Hrsg.], Karl Rössel [Autor], 
Operation Bondoc, Deutsche Entwickl¬ 
ungshilfe zur Aufstandsbekämpfung, 120 
Seiten mit Abbildungen, broschiert, DM 
18incl. Versand, secolo Verlag, D - 
49074 Osnabrück, ISBN 3-929979-26- 
8 . Bestellungen an: Philipp inenbür o e.v- 
im Asienhaus, Bullmamaue 11,45327 
Essen, Tel: 0201 - 8303828, Fax: 0201 
~ 8303830.) 


[16] SF 2/96 





FA U-Lateinamerika AG 



Lebensbaum 


Kaffeeboykott 


Der große 

Fair Trade-Schwindel 




Wie Sie schon beim Kaffee die Welt 
fBrändern können ”. M/7 diesem Motto 
versuchte Transfair, Marktanteile für 
en Konsum ohne Reue zu mobilisieren . 

Thema des fairen ' Handels ist 
s Pätestens seit Einführung des Siegels 
ltn Jahre 1993 auf die Agenda bundes¬ 
republikanischer Modethemen gelangt; 
l mmer mehr Produkte tragen häufig 
Se ibstgebastelte Fair-Trade-Siegel. Um 
^ faefcr #z7/ die Versprechungen der 

Handels-Organisationen kritisch 
zu überprüfen. Dies tat die FAU, als sie 
ltn Herbst letzten Jahres die Praktiken 
a ufder Finca Irlanda in Chiapas, dem 
an delspartner des Importeurs Le¬ 
bensbaum offenlegte. * 

Hoch läßt auch der Text der FAU 
u°ch einige Fragen offen: Unserer 
enntnis hat das Tr ansfair-Siegel noch 
eineswegs einen offiziellen Status er- 
re icht. Umso mehr stellt sich die Frage, 
V'tiche Legitimation wird Transfair bei 
er Definition dessen, was fair sein 
s °ll, zugestanden? Genügt die Über- 
so S en annter Produktstandards 
Hterien, die allein die Produktions- 
Methoden betreffen), um festzustellen, 
0 e * ne Ware fair* gehandelt wurde? 

er s °Hte man stattdessen nicht viel 
^ehr darüber nachdenken, unter wel- 
c u Bedingungen Produkte bei uns 
j e handelt werden? Vielleicht dient der 
° j en de Text als Anregung, demnächst 
!j €r * n die Problematik des fairen 
an dels einzusteigen. 


f: Nach Soconusco gehe ich nicht . Da 
sind die Alemanes. Die haben alle 
Cafetales . Und die sind grausamer als 
die Bestien des Dschungels und behan¬ 
deln einen Indianer, als wäre er weni¬ 
ger als ein Hund. 

(aus B. Traven, Die Rebellion der Ge¬ 
henkten) 

Im Herbst 95 startete die FAU eine 
Boykott-Kampagne gegen den Finca- 
Irlanda-Kaffee des Importeurs LE¬ 
BENSBAUM, Rehden. Lebensbaum 
vertreibt diesen hochwertigen mexi¬ 
kanischen Hochlandkaffee in der Bun¬ 
desrepublik unter dem Bluff-Siegel 
“FAIR TRADE”, obwohl dieser Kaffee 
weder von Kleinbauern noch von Koo¬ 
perativen stammt, sondern von einer 
normalen Bio-Privatplantage. 

Seit Beginn der Kampagne ist der 
Umsatz von Lebensbaum mit diesem 
Kaffee Insidern zufolge um ca. 25 % 
zurückgegangen. Jetzt versuchtLebens 
bäum mit Polizeieinsatz, Drohungen 
gegen den Arbeitgeber des presserecht- 
lich Verantwortlichen der DA-Kaffee- 
beilage und einem neuen Dumping- 
Kaffee-Angebot, das verlorene Terrain 
wiedergutzumachen. 


Finca Irlanda - 
helle Kaffeewelt? 

Die Finca Irlanda liegt im Soconusco, 
Chiapas, dem mexikanischen Kaffee¬ 
anbaugebiet an der Grenze zu Guate¬ 
mala. Der Kaffeeanbau wurdehierEnde 
letzten Jahrhunderts von Deutschen ein¬ 
geführt, noch heute ist der Kaffeeanbau 
großteils in der Hand deutschstämmiger 
Familien, der sogenannten “Kaffee¬ 
barone”. Die Ländereien sind innerhalb 
der Familien so aufgeteilt, daß sie je¬ 
weils gerade die nach der mexikanischen 
Verfassung noch zulässige Größe von 
300 ha erreichen. 

So auch die Finca Irlanda, die sich in^ 
Besitz der Familie Peters befindet. 1928 
übernahm Rudolf Peters aus Hamburg, 
streng antroposophisch orientiert und 
noch bei Rudolf Steiner persönlich in 
die Lehre gegangen, das Anwesen. 1964 
begann die Finca mit der Umstellung 
auf biologisch-dynamischen Anbau. 

Zu den Arbeitsbedingungen auf Finca 
Irlanda liegen uns verschiedenartige 
Quellen vor: schriftliche Aussagen von 
Lebensbaum, dem Bio-Großhändler, 
der den Finca Irlanda-Kaffee in 
Deutschland vermarktet; Berichte aus 
Mexiko, die auf den Aussagen von 
Landarbeiterinnen aus Chiapas beru- 


° to * Maro/Version 


SF 2/96 [19] 














I 

i 

i 


i 


hen und eine Reihe wissenschaftlicher 
Arbeiten. 

Laut Aussagen von Lebensbaum wer¬ 
den auf der Finca Irlanda die staatlich 
festgesetzten mexikanischen Mindest¬ 
löhne gezahlt, derzeit 20 mex. Pesos 
(umgerechnet unter 4,- DM) - PRO 
TAG! Dazu kämen Beiträge für die 
Sozialversicherung der Arbeiterinnen, 
deren Zahlung allerdings äuch über¬ 
wiegend gesetzlich vorgeschrieben ist. 
Von diesem Minimallohn abgezogen 
würden dann noch mindestens 3 Pesos/ 
proTag für Verpflegung: Tortillas, Reis, 
Bphnen und Kaffee; einmal die Woche 
Eintopf... 

Die Provinz Chiapas ist das Armen¬ 
haus Mexikos. Nach der Einteilung von 
Subcomandante Marcos lebt in Armut, 
wer weniger als zwei Mindestlöhne 
verdient. Bei allen Landbesetzungen 
erhöhten sich die Campesinos/as ihren 
Lohn drastisch auf das bis zu Fünffache. 

Aber selbst die Zahlung des Mindest¬ 
lohns ist mehr als zweifelhaft. Mittler¬ 
weile liegen drei voneinander unab¬ 
hängige Quellen vor, die alle besagen, 
daß auf Finca Irlanda die Löhne der 
guatemaltekischen Saisonarbeiter 
erheblich unter dem Mindestlohn liegen. 

1 .Das Interview mitG.Cruz, ehemaliges 
Mitglied der chiapanekischen Gegen- 


Hamburg 1995 

2 .Der Bericht von Stefan Bockemühl 
(El Puente), in CONTRASTE Januar 
96, dem Arbeiterinnen in einem guate¬ 
maltekischen Dorf in der Nähe der 

mavn _ _ _ 


wie aui aen anderen Fincas auch. 
Die Bezahlung erfolge während der 
Erntezeit nach libras (ein Akkordlohn 
der zur Ernte im Kaffeeanbau üblich 
ist). Der daraus resultierende Lohn sei 
schlecht, könne gerade den guatemalte¬ 
kischen Mindestlohn erreichen, der 
noch beträchtlich unter dem mexika¬ 
nischen liegt. Nur wenige Pflücker er¬ 
zielten mehr. 

3.Der Bericht von zwei mexikanischen 
Journalistinnen, denen es gelang bis 
zur Finca Irlanda vorzudringen Aus 
Angst vor Repressalien waren die Ar 

beiterlnnen nicht bereit, vorder Kamera 

Interviews zu geben. Zusammengefaßt 
lauten die Aussagen: 

Der Lohn betrage zwischen 12-18 
mex Pesos, wieauf den anderen Fincas- 
der Lohn pro caja (= 66 kg) betrage z. 
Zt. 28 Pesos, eine caja werde aber von 
zwei Personen gemeinsam gepflückt 
Gewerkschaftliche oder andere Orga' 
msierung sei nicht gestattet 
Als einziges Positivum wurde her 
vorgehoben, “guardias blancas” Z 

waffnete private Sicherheitskräfte) gäbe 


es auf der Finca zwar auch, sie seien 
hier aber besser als z.B. auf der Nach- 
barfinca Hamburgo, die Ende 95 einen 
Landarbeiter, der “organisieren ” wbllte, 
ermordet hätten. 


Auch die vorliegenden wissenschaft¬ 
lichen Arbeiten widersprechen diesen 
Aussagen nicht und belegen in keinem 
Fall, daß die Arbeitsbedingungen sich 
positiv von den übrigen Fincas abheben. 
Im Gegenteil, aus der Untersuchung 
von Christine Junghans, der aktuellsten 
Arbeit von 1993, geht hervor, daß alle 
Finqueros erhebliche Schwierigkeiten 
haben, überhaupt noch mexikanische 
Arbeitskräfte für die Arbeit auf den 
Kaffeefincas zu gewinnen. Die Löhne 
seien für Mexikaner zu niedrig, und 
man sei seit Mitte der 70er Jahre deshalb 
zunehmend gezwungen, auf Arbeiter¬ 
innen aus Guatemala auszuweichen. 

Lt. Junghans arbeiteten 1993 ca. 30 
Festangestellte auf Irlanda; während der 
Kultivierungszeit (März bis Juli) 
benötige man auf Irlanda etwa 200 
Arbeitskräfte, für die Erntezeit über500. 
1992, zum Zeitpunkt der letzten Er¬ 
hebung, kamen 95 % der Emtearbeiter- 
Innen auf Finca Irlanda aus Guatemala! 

In der Literatur findet man! die 
Aussage, daß die Landwirtschaft im 
Soconusco in den letzten zwanzig Jahren 


SPANIEN - LITERATUR 

„Land and Freedom“. Ken Loachs Film zum Spanischen Bür¬ 
gerkrieg. Film, Diskussion, Geschichte, mit einem,Interview 
mit Ken Loach, Beiträgen von Victor Alba, Andy Durgan, Ulrich 
Gregor. Arthur Lehning, Abel Paz, Georg Seeßlen, Christian Sem- 
ler, Reiner Tosstorff. Reiner Wandler u.a. sowie zahlreichen Fotos 
ca. 180 Seiten, ca. 28,- DM - erscheint im September '96 
(bei Subskription bis zum 30.9.96: 22,- DM) 

Norbert Rehrmann: „Ein sagenhafter Ort der Begegnung“. 

Lion Feuchtwangers Roman „Die Jüdin von Toledo'' im Spiegel von 
Kulturgeschichte und Literaturwissenschaft - 107 S., 24,- DM 
Richard Faber: Erinnern und Darstellen des Unauslöschlichen 
Über Jorge Semprüns KZ-Literatur - 135 Seiten, 28,- DM 
Vor 60 Jahren: Beginn des Spanischen Bürgerkriegs. 
Themenschwerpunkt der Zeitschrift ‘Tranvia. Revue der Iberischen 
Halbinsel (u.a. Revolution und Stalinismus, republikanische Pres¬ 
se, Fotografie, Helden, Schwindler & Spione) - 68 Seiten, 9DM 
Hanns-Erich Kaminski: Barcelona, ein Tag und seine Folgen. 
Reportagen eines deutschen Emigranten aus Bürgerkrieg und 
Revolution 1936. „Von großem dokumentarischem Wert“ (Basler 
Zeitung) - 208 Seiten, 29,80 DM 

edition tranvia - Postfach 30 36 26 - D-10727 Berlin 


Konrad Hecker 


ruscnisrrius 

und seine 

demokratische 

Bewältigung 


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[20] SF 2/96 









aufgrund der guatemaltekischen Ar¬ 
beiter einen enormen Aufschwung ver¬ 
zeichnen konnte... FENNER (1986, 
S.98) stel 11 fest, daß * die G uatemalteken, 
bedingt durch die Völkermordpolitik in 
ihrer Heimat, zur bevorzugten, weil 
billigeren Arbeitskraft im Soconusco... 
geworden waren’” (Junghans, S. 40/ 
41). 

<t ^ uc hdieUnterbringungistmiserabel: 
Die ständig auf der Finca Beschäftigten 
wohnen mit ihren Familien in den zur 
Finca gehörenden Ranchos. Die Häuser 
sind aus Holz oder Zement, die meist 
ein bis zwei Räume mit spärlicher In¬ 
nenausstattung haben. In der Regel sind 
die Häuser mit Elektrizität versorgt, 
Ausnahme der Finca Irlanda... In 
Irlanda, wo meinem Eindruck nach der 
Standard dieser Häuser sehr schlecht 
w ar, soll in den nächsten Jahren gerade 
In diesen Bereich investiert werden, 
w °bei an die bauliche Verbesserung 
der Häuser und die Versorgung mit 
trom und Wasser (!) gedacht ist.” 
( Ju nghans, S. 32) 

Aber das sind die Hütten der Privile¬ 
gierten, der heute 50 - 60 Festange¬ 
stellten. Junghans: “Anders stellt sich 
le Situation für die saisonalen Arbeits¬ 
orte dar. Sie sind untergebracht in den 
s °genannten ‘galeras’” - das heißt in 
scheunenartigen Massenunterkünften 
ür mehrere Hundert Personen. Auch 
le Finq U e ros gestanden Junghans ein, 
a ß die Zustände während der Ernte- 
Monate menschenunwürdig seien. 
Niedrigste Löhne also und Arbeits¬ 
tagungen, die um kein Deut besser 
Sln d als in den umliegenden Fincas. 

Während das Geld für die dring- 
lc hsicn Verbesserungen für die Arbei- 
P rinnen nicht vorhanden ist, leistet sich 
amiüePetersein bescheidenes Hobby: 
0cca hühner, truthahnähnliche Tiere, 
j! 0m Aussterben bedroht. Ein halbes 
, Ut fcnd lebt hinter dem Wohnhaus; 

2s C |v? er in den USA zahlen bis zu 
X0 °0>- Dollar, proS tück (ND18.2.96). 


Lebensbaum - 
Uie große Fairführung 

q' 1 |J' CSCm Irlanda-Kaffee begann der 
einj händlcr LEB ENSBAUM vor 
(lr"'^ Cn ^ abrcn einen gezielten Vcr- 
3JTgung s wctl bcwerb im Altemativ- 
fcc 'Markt der BRD. Als “fair 

0l °- Hcrby Sachs/Vcrsion 



gehandelter” Bio-Kaffee wurde der Ir- hafthehreZiele.Natiirlichgehtes nicht 
landa-Kaffee mit großem Werbeauf- darum, den übrigen tatsächlich fair ge- 
wand in den Bioläden plaziert. Da man handelten Kaffee vom Markt zu fegen, 
das offizielle Siegel “TransFair” für ein Auch werden wir ausdrücklich darauf 

solches Produkt nicht bekommen hingewiesen, daß der Billigpreis von 

konnte, der Einfachheit halber mildern DM 11,90/Pfund nicht bedeute, “daß 

selbstgebastelten Label “FairTrade”. zum Beispiel der Plantagen-Kaffee aus 

Kaum ein/e Käuferin im Bioladen wird dem mexikanischen Hochland bisher 

auf den Unterschied zwischen diesem zu teuer verkauft wurde.” Es geht um 

Bluff-Siegel und dem offiziellen andere Dimensionen; der Konsum von 

“TransFair”-Siegel geachtet haben. Lebensbaum-Produkten soll uns unge¬ 

ahnte Glückgefühle vermitteln; “Es 
Der Gedanke des fairen Handels ist entsteht ein Erlebnis, in dem auch 
unmittelbar daran geknüpft, mit Klein- Sehnsucht mitschwingt. Nach Glück, 
bauern und Genossenschaften in der nach Zukunft.” Lebensbaum-Produkte 
“Dritten Welt” zu kooperieren, um ihnen sollen uns bei der Bewältigung des All¬ 
einen Marktzugang zu wenigstens eini- tags helfen; “Der Mensch muß sich in 

gemäßen akzeptablen Bedingungen zu Reservate zurückziehen, um seine 

ermöglichen. Während Konkurrenten Aggressivität,seinelntoleranzundseine 

von Lebensbaum, wie zum Beispiel El Rücksichtslosigkeit - gegenüber den 
Puente, Hildesheim, den Finca Irlanda- Mitmenschen und gegenüber der Natur 

Kaffee vor einigen Jahren aus dem - mindestens soweit zu erkennen, daß 
Programm nahmen, als klar wurde, daß sie nicht unkontrolliert entgleisen. Der 

essichumeinreinesPrivatuntemehmen Mensch braucht Reservate... Ist die 
handelte, startete Lebensbaum eine Bio-Branche ein solches Reservat?” 
großangelegte Werbekampagne. Mit Auch zur Frage des fairen Handels 
aufwendigen Vierfarb-Prospekten und teilt uns U. Walter, der Inhaber von 

dem selbstgebastelten Label wurde - Lebensbaum, gerne seine Ein- und 

zunächst erfolgreich - das Image vom Ansichten mit. So fing die Geschickte 
guten biologisch angebauten und “fair an: “Angela und Ulrich Walter legten 
gehandelten” Kaffee aufgebaut. schon immer Wert auf gesundes, fri- 

Im neuen Prospekt, mitdem im März sches Essen. Sie buken ihr eigenes Brot 
zur Biofach 96 der 500g-Billig-Pack zu mit selbst gemahlenem Mehl aus De- 
Niedrigstpreisen auf den Markt gewor- meter-Getreide.... “ 

fen wurde, setzt sich Lebensbaum wahr- 


SF 2/96 [21] 









Und soweit ist Uli Walter heute: “Not 
lindem auf der Welt ist dringend not¬ 
wendig. Spenden für die dritte Welt 
oder für Kriegsregionen können zwar 
Hilfe zum Leben leisten, sie ändern 
aber selten die Ursache der Not. Als 
Unternehmer habe ich die Chance, 
wirtschaftlicheGrundlagen aufzubauen, 
die stabilere Lebensgrundlagen schaf¬ 
fen. Sichtbare Resultate wirken zudem 
weiter: AuchMenschen,dienichtdirekt 
von einem Projekt profitieren, werden 
aus ihrer Verdrossenheit aufgerüttelt, 
fassen Mut zum Leben...” 

Die Arbeiter und Arbeiterinnen auf 
den Plantagen, von denen Lebensbaum 
seine Produkte bezieht, kommen in der 
ganzen schönen Lebensbaum-Werbe- 
welt kaum vor. Welchen Anteil, ganz 
konkret, sie von dem von den Käufer¬ 
innen gezahlten Aufpreis für den “fair 
gehandelten” Irlanda-Kaffee erhalten, 


Arbmltmlmnmn 
Gewerkschaften 
Soziale Bewegungen 










In dem kleinen Ländchen im Süden Lateiname¬ 
rikas entstehen heute noch Bewegungen, die 
eigentlich längst aus der Mode’ sind, wie z.B. 
1994 ein Generalstreik für das Asylrecht. 

Die Broschüre enthält Artikel und Interviews 
★ zur Geschichte der Klassenkämpfe in Uru¬ 
guay ★ zur Vorgeschichte der Tupamaros: ge¬ 
werkschaftliche und bewaffnete Kämpfe der 
Zuckerrohrarbeiterinnen ★ zum Bauarbeiter¬ 
streik 1993 ★ zu Arbeitsbedingungen, Streiks 
und Fabrikbesetzungen ★ zu Kämpfen im Ge¬ 
sundheitswesen ★ zur allgemeinen Lage und 
Perspektive der Linken ★ zur Freihandelszone 
MERCOSUR und ★ zur Erinnerung an denTupa- 
maro und Arbeiter Rony Scarzella, der 1993 von 
Todesschwadronen ermordet wurde. 

64 Seiten, 6 Mark plus 1,50 für Porto, 

als Scheck oder in Briefmarken. Bestellungen an: 

Projektgruppe Internationalismus, 

c/o Jugendclub Courage, Bismarckstr. 40, 50672 Köln 


erfahren wir nirgends.-Aber immerhin, 
Menschen aus der Verdrossenheit auf¬ 
zurütteln ist ja auch ein löbliches Vor¬ 
haben, das einen Mehrpreis gegenüber 
dem Konzemkaffee sicher durchaus 
rechtfertigt. 

Aufgerüttelt wurden in jedem Fall 
Teile des “Bio-Reservats”: Nachdem 
Herr Walter enttäuscht feststellen muß- 
te, daß der “mündige Bio-Konsument” 
bk korrekter Information durchaus 

ungeplanteeigene Kaufentscheidungen 

toffl und der Umsatz von Lebensbaum- 

Kaffee kriüsch absackte, entschied man 

sich zu Mittdn zu greifen, die zu den 
friedlichen Lebensbaum-Werbesprü- 
chcn seltsam kontrastieren* 

-Auf der Biofach in Frankfurt (März 

96) nef Herr Walter über die Messelei 
tung die Polizei zu Hilfe', um diePerso- 
nalien von Personen feststellen zu las- 
sen die der Presse Fragen zu seinem 
Jvattee beantworten wollten. 

- Durch Anrufe bei interessierten 
Journalisten soll die FAU in eine extre¬ 
mistische Ecke gedrängt werden. So 
meldete sich eine angebliche “Ex- 
Ko legin” aus der Biobranche und ließ 
verlauten Kerr waj^ bekomme ^ 

nächsten Tag die kompletten Verfas- 
sungsschutzakten zur FAU überreicht. 

- Die Kollegin entpuppte sich später 

- Der Arbeitgeber des presserechtlich 
Verantwortlichen der DA-Kaffeebei- 
lage vom Herbst wurde wiederholt 
aufgefordert, diesen “untragbaren” 
Mitarbeiter zu entlassen. 

Gespannt warten wir noch auf die 
enchte der “unabhängigen” Delega- 
hon die die Lage auf Finca Irlanda vor 

Ort prüfen sollte,bestehendausLebens- 

baum-Geschäftsführer Uli Walter 

SfeF Ö Tm Undeiner ‘‘ Journalistin ” 

des Bio-Fachblatts “Mahlzeit! Die für 

Februar geplante Reise war aus dring- 

lichen Gründen plötzlich auf Dezember 

vorverlegt worden. Während die Con- 

traste-Redaktion wieder ausgeladen 

Tn? TIl WOllejanichtden Eindruck 
von Bestechung erwecken), durfte die 

Anzeigen-Verantworüichevon“MahL 
Ttoo’ ST“ mit Frein “s 

p IS“ 0 ™” Übr '8 ens - ei n anderes 
Fachblatt, hatte seine Unabhängigkeit 

gleich dadurch bewiesen, daß selbst 
eine bezahlte Anzeige der FAU (Ana 


und ’Maria) nicht angenommen wurde. 

Apropos Ana-Maria: Die Kaffee¬ 
plantagen liegen zwar etwas entfernt 
vom lakandonischen Urwald, und die 
Lebensbaum-Büros erst recht. Aber 
trotzdem sollte es sich auch bis zu den 
Unternehmern des pseudo-fairen Han¬ 
dels herumgesprochen haben 1 , daß 
niemand von “sogenannten Zapatisten” 
spricht, außer U. Walter. Die “soge¬ 
nannten Anarcho-Syndikalisten” wol¬ 
len wir ihm - als ex-ML-er - ja noch 
durchgehen lassen, j 

VIVA MARIA! 

LAND UND FREIHEIT! 


Infos/Material: 

Deutsche Kaffeebarone und Landbesctzun- 
gen in Chiapas, Reader, Mai 1995, er- 
schienen bei: ZapaPress, Große Brun - 
nenstr. 74,22765 Hamburg 

Infopaket zur Kaffee-Kampagne (alle Zcit- 
schriftenartikel, Dokumente, inkl. Zapa- 
Press-Reader u.a.): DM 20,- bei: Direkte 
Aktion, Bismarckstr Al a,47441 Moers 

CONTR ASTE - Monats Zeitung für Selbst- 
Verwaltung; siehe die letzten 5 Aus¬ 
gaben: CONTRASTE-Vertrieb, Postfach 
10 45 20, 69035 Heidelberg 

Umbrüche, Schwerpunktheft Chiapas, Dez* 
95; bei: BAOBAB-Infoladen Eine V/eit, 
Winsstr. 53,10405 Berlin \ 

Land und Freiheit, Sonderblätter der Zeit" 
schrift DIE AKTION zur Solidarität 
mit den Aufständischen in Chiapas; Abu 
10 Ausg. (6 Mon.) DM 20,-/bei: edition 
nautilus, Am Brink 10,21029 Hamburg 

Justus Fenner Lebens- und Arbeitssituation 
der indianischen Kaffeeplantagen-ar- 

beiter in Soconusco, Chiapasi, Magister¬ 
arbeit Universität Hamburg, 1986 (un¬ 
veröffentlicht) 

Christiane Junghans: Die Beziehungen 
zwischen den Indianern der Kamm- 
region der Sierra Madre de Soconusco 
und den Fincas der Kaffeezone im Soco- 

nusco, Südmexiko, Magisterarbeit 

Fr i edrAlex ander-Universität Erl an' 
gen-Nümberg, 1993 (unv.) 


[22] SF 2/96 


















Ya basta! 




"Es ist nicht notwendig, 
die Welt zu erobern.Es 
reicht, sie neu zu 

schaffen. Durch uns. 
Heute." 


HK 

■ 








Im Januar dieses Jahres wartete die 
Zapatistische Nationale Befreiungs¬ 
armee (EZLN) aus Chiapas mit einer 
Überraschung auf. In Ihrer Neujahrs¬ 
erklärung zum zweiten Jahrestag des 
indianischen Aufstandes im Süden Me¬ 
xikos rufen die Zapatistasfür den 2 7 Juli 
bis zum 3August zu einer Woche der 
internationalen Begegnung und Diskus¬ 
sion in La Realidad, einem Dorf mitten 
in den Aufstandsgebieten in Chiapas 
auf 

Der Titel des Treffens, zu dem Ver¬ 
treterinnen sozialer, kultureller und 
politischer Widerstandsbewegungen 
weltweit eingeladen sind, lautet "Inter¬ 
kontinentales Treffen für eine mensch¬ 
liche Gesellschaft und gegen den Neo¬ 
liberalismus". Es soll über die poli¬ 
tischen, wirtschaftlichen, sozialen und 
kulturellen Folgen des "Neoliberalis¬ 
mus" und unsere Widerstandsperspek¬ 
tiven diskutiert werden. 


Denkrichtungen hinweg”.schreibendie 
Zapatistas in ihrem Aufruf. Zur Vorbe¬ 
reitung des Interkontinentalen Treffens 
in Chiapas sollen auf Initiative des 
EZLN Kontinentale Vorbereitungstref- 
fen stattfmden, das europäische vom 
30.Mai bis 2.Juni in Berlin. 

Wie soll der Diskussionsprozeß or¬ 
ganisiert werden? In Berlin wird es zu 
verschiedensten Themen Arbeitsgrup- 
pen geben. Bisher haben wir Angebote 
für Diskussionskreise über "Autono¬ 
mie und Demokratie", "Politische Ge- 
fangne weltweit, Kampagne für ihre 

Freiheit , Neues Verständnis der Soli¬ 
daritätsarbeit", "Frauenmigration", 
Klassenkampf m Europa am Beispiel 
des Massenstreiks in Frankreich" 
Menschenbild in der Gentechnik"! 
Kaffeekampagne,- Welthandel", "Po¬ 
litisierung der Subsistenz”, "Was ist 
Neoliberalismus?", "Bruchsteine für 
Perspektiven". 


Diskutieren und Handeln 
verbinden 

Im Titel des Treffens taucht das Wort 
"Neoliberalismus" auf. Was ist damit 
gemeint? Das YA BASTA der Zapa¬ 
tistas ist eine Kriegserklärung gegen 
eine sich weltweit verschärfende Ten¬ 
denz, deren Auswirkungen nicht überall 
einheitlich sind, aber einer Grundidee 
folgen: Menschen dienen ausschließlich 
Verwertungsinteressen - wer als Ar¬ 
beitskraft oder Verbraucherin nicht in 
den Vermarktungsprozeß einbezogen 
werden kann oder sich nicht einbinden 
lassen will, wird ausgeschlossen, abge¬ 
schoben, dem wird das Lebensrecht und 
das Recht auf eine eigene Identität 
abgesprochen. Durch Privatisierung» 
Rationalisierung, Abbau des Gesund¬ 
ste- und Bildungsbereiches, wach¬ 
sende Diskriminierung Menschen 
dunkler Hautfarbe ... werden immer 


Gegen die Internationale 
des Terrors 

"Über die Grenzen hinweg erniedrigt 
die Macht des Geldes die Würde, belei¬ 
digt die Ehrlichkeit und tötet die Hoff¬ 
nungen. ... Statt Menschlichkeit bietet 
sie uns Börsennachrichten, statt Würde 
Globalisierung des Elends, statt Hoff¬ 
nung Leere, statt Leben die Internatio¬ 
nale des Terors. Gegen die Internatio¬ 
nale der Unmenschlichkeit, die der Neo¬ 
liberalismus darstellt, müssen wir die 
internationale der Hoffnung errichten, 
die Einheit und Zusammenarbeit all 
derer,die das Leben vorziehen - über 
Grenzen, Sprachbarrieren, Hautfarben, 
Kulturen, Geschlechter, Strategien und 


Aufkleber „gegen den Strom“ 
von „Anarchie“ bis „Zukunft“. 
115 versch. Motive. Prospekt bei 
P.R.O. Peter Rose, 
Herzogstr. 73/IV, 80796 München. 
Wir drucken und entwerfen auch 
nach Euren Vorlagen + Ideen. 
T.089/3081235 Fax 089/3081854 


[24] SF 2/96 


Eine gleichberechtigte 
Diskussion führen 

“«tonische Historiker und 
Mitglied der Zapatistischen Nationalen 
Befreiungsfront (EZLN) Antonio 
Garcia de Leön wird das "PolitkvM 
ständnis der Zapatistas" zur IDiskussimi 

stellemM^iaRojasausCubaSüber 

die Koordinierung der Volksbewe¬ 
gungen Lateinamerikas" reden 7 „ m 
Konflikt im zerfallenen ehemaligen Ju- 
goslawien und zu den "Perspektiven 

sozialen Widerstands in Berlin Verden 

Arbeitsguppen vorbereitet. 

scWedTna'5t BguPP '" Solle " * w- 

schiedenen Themen unter den gemein. 

dp m w'H 3eS1ChtSPUnkten ’ der Analyse 
des Widerstands, der Perspektiven und 

immer auch unter dem Blickwinkel 
feministischer. Fragestellungen disku 
üert werden. Die Frage, o b w£ £ 

zapahstische Politikverständnis, das die 

Wurde des Menschens und d^Res 
pektvor der Unterschiedlichkeit ind e „ 

Mittelpunkt stellt, für uns umsetzb* 
machen können, soll ebenfalls in die 
einzelnen AGs einfließen. So hoffen 

wtr, eine Vernetzung der Diskussfonen 

zu schaffen. Dabei dürfte allen klar 
sein, daß wir auf dem Treffen in Berlin 
und auch in Chiapas lediglich Diskus¬ 
sionsprozeße anschieben können die 
dann weiter entwickelt werden müssen 


«errscnart insbesondere Frauen - von 
der Gesellschaft ausgeschlossen und 
als "überflüssig" in Armut und Hoff" 
nungslosigkeit abgeschoben. Wer nicht 

ganz oben steht, spürt die schmerzhaften 
Fplgen dieser weltweiten Politik, wenn 
die Auswirkungen auch in den ver- 
schiedenen Ländern und Kontinenten 

unterschiedlich brutal sind. 1 

Üen indianischen Völkern in Mexiko 
wird ihr Recht auf eine eigene kulturelle 
Identität, eine eigene Wirtschaftsweise 
und kollektive Eigentumsformen des 
Bodens abgesprochen. Sie stellen für 
die Yuppies und geschniegelten Mobil' 
funktelefonträger an den Börsen* in den 
Regierungspalästen und Chefetagen der 

verspiegelten Glas-Beton-Machtzen- 
fralen ein "Modemisierungshindernis 
dar. Deshalb sollen sie verschwinden. 
Boch die Zapatistas haben mit ihrem 
seit zwei Jahren währenden Aufstand 
das wacklige Kartenhaus einer Politik 
die sich gegen die Mehrheit der BevöP 
kerung richtet, ins Wanken gebracht- 
üie Zapatistas nennen ihren Feind 
Neoliberalismus", Ob wir mit diesem 
Wort auch unsere Wirklchkeit be¬ 
schreiben können, wollen wir auf dem 
Treffen diskutieren. 


Boris Kanzl&iW 


Foto: Kenneth Jarecke 














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dem Film erschien auch das Buch 
"Manufacturing Consent", dessen erste 

Auflage mit 10.000 Exemplaren nach 
kurzer Zeit vergriffen war. Im Septem¬ 
ber 1996 wird nun endlich die von Hel¬ 
mut Richter übersetzte deutsche Fas¬ 
sung lieferbar: Das Buch Wege zur 
intellektuellen S elbstverteidigung 
wurde in Kooproduktion vom Marino- 
Verlag, München und vom Trotzdem- 
Verlag, Grafenau produziert. Beide 
Verlage werden auch ein Video mit 
deutschen Untertiteln anbieten. In¬ 
teressant ist nicht nur der Inhalt, son¬ 
dern auch der Aufbau des Buches: ein 

inhaltlicher Punktwirdnichtdurcheine 

Interviewantwort abgehakt, stattdessen 
werden verschiedene sich ergänzende 
Äußerungen Chomskys zusammen¬ 
montiert, so daß der Szenencharakter 
des Films durchscheint und sich eine 
Antwort langsam wie ein Mosaik zu- 
sammensetzt 


I 


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FERNSEHWERBUNG 


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Aufgenommen auf einem Fernseher im 

Schaufenster 

Ansager 

Wenn Sie denken, Amerikas militä¬ 
risches Engagement in Südostasien sei 
zu Ende, dann täuschen Sie sich. 


5 ÜS / S:^ 
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Anonyme Stimme 

Die Roten Khmer sind die schlimm 
sten Massenmörder der Welt. 


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Ansager 

Peter Jennings berichtet von den Fel¬ 
dern des Todes - am kommenden Don¬ 
nerstag. 






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K :; . : v;Z: - ' : r' ' 


I 






































IM MIT, CAMBRIDGE, USA 

Chomsky 

Nehmen wir den Genozid der jüngsten 
Vergangenheit - Pol Pot 1975 bis 1978 
und seine Brutalitäten; ich glaube, es 
läßtsich kein vergleichbar entsetzliches 
Beispiel finden, wo die Entrüstung so 
getobt hat usw. usw. Hier haben wir 
also ein solches Verbrechen. Und in 
diesem Fall hat der geschichtliche Zufall 
tatsächlich ein kontrolliertes Experi¬ 
ment durchgeführt. 

“OPERATION WELCOME 
HOME”. KONFETTIPARADE 
NACH DEM GOLFKRIEG, 
NEW YORK 

Katherine Asals 

Haben Sie schon mal von einer Ge¬ 
gend namens Osttimor gehört? 

Mann rechts 
Könnt’ ich nicht sagen. 

Mann links 
Wo? 

Katherine Asals 
Osttimor. 

Mann links 
Nee. 

IM MIT, CAMBRIDGE,USA 

Chomsky 

Wie nämlich der Zufall so spielt, trug 
sich genau zur gleichen Zeh ein anderes 
Verbrechen zu - ganz ähnlich, miteinem 
einzigen Unterschied: Wir waren dafür 
verantworüich - nicht Pol Pot. 

CBC RADIO, MONTREAL, 
KANADA 

Louise Penney 

Hallo, hier ist das “Mittagsradio” mit 
Louise Penney. Wenn Sie uns in den 
letzten Monaten regelmäßiger zugehört 
haben, dann wissen Sie ja, daß die Spra¬ 
che mehrfach auf Osttimor gekommen 
ist, vor allem wenn es um Auslandshilfe 
und um Krieg ging und um eine neue 
Weltordnung. Die Menschen haben sich 
gefragt, warum die UNO - wenn sie es 
denn mit der neuen Weltordnung ernst 
meint- nichts tut, um Osttimor zu helfen. 
1975 sind die Indonesier in dieses Land 
eingefallen; es gab Berichte über Ver¬ 
brechen gegen das Volk von Timor. 


Und dennoch hat Kanada, zusammen 
mit anderen Ländern, immer wieder 
gegen UNO-Resolutionen zur Beendi¬ 
gung der Besetzung gestimmt. Heute 
wollen wir uns Osttimor mal etwas ge¬ 
nauer ansehen. Wollen sehen, was dort 
passiert ist und warum die internationale 
Gemeinschaft die Hilfe verweigert. 

Eine der eifrigsten Aktivistinnen ist 
EJaine Briäre, Bildjoumalistin aus Bri¬ 
tisch Columbia. Sie hat die Osttimor- 
Alarmkette gegründet, und ich begrüße 
sie jetzt bei mir im Studio. 

Was die Tragödie noch tragischer 
macht, ist, daß die meisten Leute nichts 
über Osttimor wissen. Wo liegt es über¬ 
haupt? 

Elaine Brie re 

Osttimor liegt hart nördlich von Aus¬ 
tralien, etwa420 km entfernt, zwischen 
dem Indischen Ozean und dem Pazifik. 
Direkt südlich von Osttimor verläuft 
eine Tiefseerinne und bildeteinen idea¬ 
len Durch schlupf für amerikanische U- 
Boote. Und dann gibt es da noch riesige 
Erdöllagerstätten. 

Was das Besoridere an Osttimor ist: 
Dort hat eine der letzten urzeitlichen 
Kulturen dieser Region überlebt. 

Es waren 700 000 Menschen, und sie 
sprachen 30 verschiedene Sprachen und 
Dialekte. 

Heute lebt nicht einmal mehr fünf 
Prozent der Weltbevölkerung so wie 
die Leute von Osttimor, praktisch als 
Selbstversorger. Sie existieren außer¬ 
halb des Weltwirtschaftssystems. 

Solche kleinen Gesellschaften wie 
die auf Osttimor sind viel demokrati¬ 
scher, viel egalitärer, viel mehr auf die 
Aufteilung von Macht und Wohlstand 
bedacht. Vor der indonesischen Inva¬ 
sion lebten die meisten Menschen dort 
in kleinen Dörfern. 

Die alten Leute spielten die Rolle der 
Universität. Sie gaben das Stammes¬ 
wissen von einerGeneration zuranderen 
weiter. Die Kinder wuchsen in einer 
gesunden, anregenden und nährenden 
Umgebung auf. 

Ich war entsetzt, als ich - ein Jahr, 
nachdem ich die Insel verlassen hatte - 
erfuhr, daß die Indonesier dort einge¬ 
fallen waren. Sie waren dagegen daß 
ein kleines unabhängiges Land der 
Region zum Vorbild dienen könnte 


[ 26 ] SF 2/96 







IM MIT, CAMBRIDGE, USA 

Chomsky 

Osttimor war eine portugiesische 
Kolonie. Indonesien konnte keine An¬ 
sprüche darauf geltend machen und hat 
das auch offen zugegeben. Während 
der Kolonialzeit wurden die Menschen 
dort ziemlich politisiert, und es entstan¬ 
den verschiedene Gruppierungen. 1975 
brach ein Bürgerkrieg aus, der mit dem 
Sieg der FRETILIN endete. Das war 
eine dieser Gruppen, sie galt als popu¬ 
listisch und katholisch und führte eine 
ziemlich linke Propaganda im Munde. 
Sofort griff Indonesien ein. 

AUF OSTTIMOR 
(OKTOBER 1975) 

Interviewer 

Wie ist die Lage? Wann sind diese 
Schiffe gekommen? 

Josi Ramos-Horta 
Die kommen seit Montag. Sechs, sie¬ 
ben Schiffegleichzeitig, dichtan unserer 
Grenze. Wissen Sie, die sind nicht zum 

Spaß da. Die bereiteneine große Aktion 
vor. 

UNBEKANNTES DORF AUF 
TIMOR 

Filmdokument von Greg Shackleton 
des Senders Channel 7, Melbourne, 
Australien, vom 15. Oktober 1975 

Greg Shackleton 

Hier ist etwas passiert, das uns tief 
aufgewühlt hat. Das war so fremd, so 
absolut neuartig für uns Australier, daß 
wir es Ihnen kaum vermitteln können. 
Wir wollen es aber versuchen. 

Wir saßen also auf Bastmatten unter 
einem Blätterdach in einer Hütte ohne 
Wände, und auf uns prasselten die Fra¬ 
gen herab - Fragen von Menschen, die 
wissen, daß sie vielleicht schon morgen 
sterben müssen, und die nicht begreifen 
können, warum die übrige Welt sich 
nicht um sie kümmert. Denn mehr wol¬ 
len sie gar nicht: Die UNO soll Notiz 
von dem nehmen, was hier vorgeht. Die 
Gefühle hier waren so intensiv gestern 
abend, daß wir drei geradezu meinten, 
sie in der warmen Nacht mit Händen 
greifen zu können. 


IM MIT, CAMBRIDGE, USA 

Chomsky 

Ford und Kissinger besuchten Dja- 
karta - ich glaube, am 5. Dezember. 

Wie wir wissen, hatten sie die Indo¬ 
nesier ersucht, die Invasion so lange 
aufzuschieben, bis sie das Land wieder 
verlassen hätten, weil es ihnen sonst zu 
peinlich gewesen wäre. Wenige Stun¬ 
den, nachdem sie wieder weg waren, 
erfolgte dann am 7.Dezember die Inva¬ 
sion. 

DUNKELKAMMER 

Elaine Briire 

Was sich am 7.Dezember abspielte, 
ist einfach eine der größten Untaten in 
der Geschichte. 

Seit dem frühen Morgen fielen Bom¬ 
ben auf Dili [die Hauptstadt von Ost¬ 
timor]. Dann marschierten mehr Solda¬ 
ten ein, als die Stadt Einwohner hat. 

Und dann gab es zwei, drei Wochen 
lang nichts als... sie brachten die Leute 
einfach um. 

AUS “BURIED ALIVE” (1959) 

Carlos Alfonso (Flüchtling aus Ost¬ 
timor) 

Als ich den Befehl “Feuer!” hörte, 
warf ich mich zu Boden, unddann spürte 
ich, wie die Körper auf mich niederfielen 
- wie Blätter. Die Menschen schrieen, 
man rief nach der Frau, der Mutter - es 
war entsetzlich... 

IN DER UNO, NEW YORK 

Josi Ramos-Horta (Vertreter von 
Osttimor bei der UNO) 

Der Rat muß die indonesische Agg¬ 
ression gegen Osttimor als Hauptdis - 
kussionspunkt betrachten. 

(DieVollversammlung (mit Ent¬ 
schließung Nr.3845) und der Sicher¬ 
heitsrat haben Indonesien aufgefordert, 
unverzüglich sämtliche Truppen aus 
dem Gebiet zurückzuziehen. Die indo¬ 
nesische Invasion in Osttimor stellt eine 
Verletzung des Völkerrechts und der 
UNO-Charta dar). 

Chomsky 

Nach dem indonesischen Einfall rea¬ 
gierten die Vereinten Nationen in der 
üblichen Weise, also mit einer Verur- 


SF 2/96 [ 27 ] 







■Ill, it.lliiililillliiSiliilniil.il _I_ ULLMlLL iULUitLiäSälli iiUüiLjOiiäjfiliiiiy^ L iläi i^iliiL 


£3®®? SJ teilung, der Forderung nach Sanktionen 
,v ;■ p : S Sp usw. Einige verwässerte Entschließun- 

FMiMsmm «m irH^n vp.rahsr.H i . aber die USA 


IM MIT, CAMBRIDGE, USA 


| gen wurden verabschiedet, aber die US A 
waren offensichtlich entschlossen, jede 


praktische Auswirkung zu verhindern. 


DUNKELKAMMER 




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I wi, | jjHjp wsM«iS$ß 

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Elaine Briirc 

Danach flüchteten die Timoresen zu 
Tausenden in den Dschungel. Um die 
Jahreswende 1977-78 richteten die 
Indonesier “Empfangszentren” für die¬ 
jenigen Timoresen ein, die mit einer 
weißen Flagge aus dem Dschungel 
auftauchten. Jeder, den die Indonesier 
für überdurchschnittlich gebildet hielten 
oderim Verdachthatten, derFRETILIN 
oder anderen Oppositionsparteien an¬ 
zugehören, wurde sofort umgebracht. 
Die Frauen schaffte man beiseite und 
flog sie in Hubschraubern nach Dili, wo 
sich die indonesischen Soldaten ihrer 
bedienen durften. Auch Kinder wurden 
umgebracht, sogar Babies. Aber die 
eigentliche strategische Waffe damals 
war der Hunger. 


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Chomsky 

Im Jahre 1978 hatte es die Ausmaße 
eines V ölkermords angenommen. Nach 
Schätzungen der Kirche und anderer 
Quellen waren etwa200 000 Menschen 
umgekommen. 

pie USA standen voll dahinter. Sie 
lieferten 90 Prozent der Waffen. Un- 
, mittelbar nach der Invasion wurden die 
Waffenlieferungen noch verstärkt. Als 
den Indonesiern 1978 die Waffen aus¬ 
zugehen begannen, kam die Carter-Re¬ 
gierung ihnen zu Hilfe und erhöhte den 
Umfang der Waffenverkäufe. Das glei¬ 
che taten andere westliche Länder. Ka¬ 
nada, England, Holland - jeder, der 
schnell Geld verdienen wollte, war da, 
um sie in die Lage zu versetzen, noch 
. mehr Timoresen umzubringen. 

Im Westen regt sich niemand über 
Aggression, Grausamkeiten, Ver¬ 
letzungen der Menschenrechte usw. auf 
i wenn nur ein Profit in Sicht ist Das 
wird nirgends so deutlich wie in diesem 


iSl 


testwelle in Sachen Kambodscha rollte* 
Das Ausmaß der Untaten war ungefähr 
gleich - ich meine sogar, auf die Ge- 
sam tbevölkerung bezogen war es in 
Timor noch erheblich schlimmen 
Genau genommen hatte sich auch in 
Kambodscha schon vorher - 1973/75 - 
ein vergleichbares Verbrechen ereignet, 
für das aber wir verantwortlich gewesen 
waren. 


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IM MIT, CAMBRIDGE 


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Der Hauptangriff der USA auf Kam' 
bodscha begann mit den Bombarde- 
ments Anfang der siebziger Jahre; 
erreichten ihren Höhepunkt 1973 un 
gingen noch bis 1975 weiter. Sie rieh' 
teten sich gegen das Landesinnere. M# 1 
weiß sehr wenig darüber, denn die M 6- 
dien wollten sie geheimhalten. Sie wuß' 
ten zwar, daß sie stattfanden, aber s# 
wollten gar nicht so genau wissen, was 
da vorging. Nach Schätzungen des CIA 
kamen in diesen fünf Jahren an d^ 
600.000 Menschen ums Leben, entwe' 

der direkt durch die amerikanische 11 
Bomben oder durch den von lins untef 
stützten Krieg. Das ist schon ein zie# 
liches Blutopfer. Und Kambodscha wut' 
de in einem solchen Zustand hinterla s 
sen, daß hohe US-Beamte schon kor*' 
men sahen, daß anschließend Hung ef 
und Krankheit vielleicht eine MiH l0rl 
Tote fordern würden, weil das Land 111 
Trümmern lag. 

Nach amerikanischen Regierung 5 
quellen sowie nach Meinung von 
senschaftlem spricht übrigens viel daf^j 

daß die intensiven Bombardements el 

wesentlicher Grund -vielleicht & 
Hauptgrund- dafür waren, daß die Lan 
bevölkerung sich auf die Seite der R°^f 
Khmer schlug, die vorher nur eine Ran 
erscheinung gewesen waren. Sehen S lC ’ 
und das ist eben die falsche Story* ^ 


IM MIT, CAMBRIDGE, USA 




W9Sm 

,^ rl — 
























a No das schwankt. Der CIA gibt an, 
daß 50.000 bis 100.000 Menschen um¬ 
gebracht wurden und daß vielleicht eine 
^fülion aus anderen Gründen starben. 
Einer, der die Sache besonders genau 
untersucht hat, ist Michael Vickery, 
und er setzt die Zahl der Toten auf 
^50.000 überder normalen Sterbeziffer 
uu- Andere, z.B. Ben Kieman, vermuten 
noch höhere Werte, allerdings bislang 
ohne Detailuntersuchungen. Jedenfalls 
War es furchtbar. 

Nun waren die Verbrechen -die tat¬ 
sächlich verübten Verbrechen- zwar 
schlimm, aber für den gewünschten 
Zweck noch nicht schlimm genug. 

Schon wenige Wochen nach der 
Machtübernahme durch die Roten 
Khmer beschuldigte die New York 
Times sie des Völkermords - zu einem 
Zeitpunkt, als vielleicht einige hundert 
°der tausend Menschen umgebracht 
Worden waren. Und von dem Moment 
an wurde getrommelt und gebrüllt: 

Völkermord! 

p Der Bestseller über das Kambodscha 
°1 Pots trägt den Titel Murder in a 
Senile Land. Bis zum 17. April 1975 
j^ar dies ein Land voll friedlicher und 
achelnder Menschen gewesen, und 

auu setzte ein furchtbarer Holocaust 

cm. 

Umgehend stand die Zahl der Toten 
cj 2 Millionen. Es hieß sogar, dieRoten 
hmer hätten sich selbst gerühmt, 2 
ulionen Menschen ermordetzu haben, 
as waren dramaüsche Fakten. Hier 
e ging der amtliche Feind die Greuel- 
te n, hier konnte man sich ungeheuer 
entrüsten, konnte übertreiben, bedurfte 
einer Beweise, konnte Fotos fälschen 
alles war erlaubt. 


IIV| Mit, CAMBRIDGE, USA 

Chonisky 

Und cs wurde gewaltig gelogen - will 
^ a gcn, es wurde in einem Ausmaß ge- 
®§en, das selbst einen Stalin hätte er- 
g Cl1 lassen. Es war schlicht und einfach 
etr ug. Wir wissen, daß es Betrug war, 
l enn wir brauchen uns nur die Reak- 
'°nen auf Verbrechen anzusehen, für 
'^die USA verantwortlich waren. 
Kambodscha und Timor in den frühen 
jetzigem sind ein geeignetes Ver- 
° e 'chspaar. Ja, und nun das beein- 
ru ckcnde Medienecho: 


NEW YORK TIMES INDEX 
1975-1979: 
“TIMOR”- GESAMTE 
SPALTEN LÄNGE 170 CM 
“KAMBODSCHA”- GESAMTE 
SPALTENLÄNGE 2900 CM 


PODIUMSDISKUSSION, 
HARVARD UNIVERSITY, 
CAMBRIDGE, USA 


Im Rahmen einer internationalen Ta¬ 
gung zum Thema “Die USA und der 
Antikommunismus: Vorgeschichte und 
Konsequenzen”, 11.-13.11.1988, 
unterstützt vom Institute of Media Ana¬ 
lysis 

Karl E. Meyer (Leitartikler der New 
York Times) 

Im Jahre 1980hielt ich eine Vorlesung 
an der Tufts University. Und da trat nun 
Chomsky vor den Studenten auf und 
trug ein leidenschaftliches Plädoyer vor 
- des Inhalts, die Presse hätte die 
Tatsache heruntergespielt, daß die 
indonesische Regierung 1975 diese 

ehemalige portugiesische Kolonie an¬ 
nektierte. Und wenn man das beispiels¬ 
weise mit Kambodscha vergleichen 
würde, wo kilometerlang Berichte er¬ 
schienen, dann sei das eine eben ein 
kommunistischer Greuel und das andere 
kein kommunistischer Greuel.. Das hat 
mich nun schon interessiert, und so 
habe ich den damaligen stellvertreten¬ 
den außenpolitischen Ressortleiter der 
New York Times angesprochen. 

Ich habe zu ihm gesagt: “Wissen Sie, 
unsere Berichterstattung auf dem Gebiet 
war sehr schwach.” Und er sagte: a 
haben Sie völlig recht; auf der Welt 
passieren ein Dutzend Greuel, über die 
wir nichts bringen. Dies war auch so 
einer, und das hatte seine Gründe.’ Da 
bin ich der Sache nachgegangen. 


mcgill-university, 
MONTRAL, KANADA 

Arnold Kohen (Journalist) 

Ich war damals als Reporter und Tex¬ 
ter an einem kleinen alternativen Ra¬ 
diosender irgendwo im Staat New York 
tätig. Wir bekamen Tonaufnahmen von 
Interviews mit timoresischen Führungs¬ 


leuten und waren sehr überrascht (wo 
doch die USA so stark darin verwickelt 
waren), daß in den großen amerikani¬ 
schen Medien so wenig - praktisch über¬ 
haupt nicht - über diese Massenmorde 
der Indonesier berichtet wurde. Wir 
haben uns dann mit ein paar Leuten 
zusammengetan: wir wollten versuchen, 
den Gang der Dinge zu verfolgen und 
vielleicht nach und nach die Aufmerk¬ 
samkeit der Öffentlichkeit auf das zu 
lenken, was sich in Osttimor abspielte. 

BÜRO IM MIT, CAMBRIDGE 

Chomsky 

Es waren buchstäblich nur ein halbes 
Dutzend Leute, die sich mit großem 
Engagement der Aufgabe widmeten, 
diese Berichte an die Öffentlichkeit zu 
bringen. Sie sind an einige Kongreßab¬ 
geordnete herangekommen. Sie kamen 



beiträge 

zur Religions^ und Staatskritik 

^ ^Nr.8 

ISSN 0948-4302 

In dieser Ausgabe mit dem 
Schweipunkt Staats- und 
Schulkritik finden Sie 

beiträge von 

Johannes Agnoli, Ilse Bindseil, 
Joachim Bruhn, Freerk Huisken, 
Heinz Jacobi, Waltraud Kern, 
Katrin Kraus, Christina Kuriert 
Ulrich Klemm, Michael 
Schmidt-Salomon, Franz 
Schandl, Zapapres 

auf ea. lhö Seiteii, 

;V ; ;;DM'15y(+P& V:'./; 

: AKÄZ ’ Birkenfelderstr. i3 : V; 

. P:':: ' 

; : . ifjix 06533-3105 


SF 2/96 [29] 




beispielsweise auch zu mir, und so 
konnte ich vor der UNO aussagen und 
einiges darüber schreiben. Und sie 
ließen nicht ab und ließen nicht ab. 
Alles was wir darüber wissen - das 
verdanken wir praktisch alles ihrer 
Arbeit. Sonst gibt es so gut wie nichts. 

PODIUMSDISKUSSIÖN, 
HARVARD UNIVERSITY, 
CAMBRIDGE, USA 

Karl F. Meyer 

Zuerst schrieb ich einen Kommentar 
mit dem Titel “Der ungerechte Krieg in 
Osttimor”. Er enthielt eine Landkarte 
und beschrieb genau, was dort passiert 
war. Wir brachten dann noch ein 
Dutzend anderer Beiträge dazu. Diese 
wurden gelesen, sie wurden in die 

Kongreßakten aufgenommen, einige 
Kongreßabgeordnete griffen die Sache 
auf, und das führte dazu, daß sich das 
Parlament damit befaßte. 


MCGILL UNIVERSITY, 
MONTRAL, KANADA 

Arnold Koken 

Als nun die New York Times am 
Heiligen Abend diesen Kommentar 
brachte, sah die Sache für uns schon 
ganz anders aus. Das, worum wir uns so 
lange bemüht hatten, erhielt jetzt einen 
hohen Grad an Legitimität - nämlich 
das Wissen um die Tatsache, da- sich in 
Osttimor eine Tragödie großen Ausma¬ 
ßes ereignete. 


IN DER NEW YORK TIMES 

Karl F. Meyer 

Nimmt man die diversen Theorien 
wörtlich, die Professor Chomsky vor¬ 
bringt, dann müßte man annehmen, es 
gäbe zwischen der etablierten Presse 
und der Regierung in Washington eine 
stille Verschwörung mit dem Ziel, sich 
auf bestimmte Sachen zu konzentrieren 
und andere Sachen zu ignorieren. Das 



heißt, sollten wir etwa die Spielregel 
verletzen, dann würden wir sofort eine 
Reaktion - eine scharfe Reaktion - von 
unseren Meistern in Washington zu 
spüren bekommen. Die würden zu uns 
sagen: "He, was fällt euch denn ein, 
euch zu Osttimor zu äußern? Das woll¬ 
ten wir doch unter der Decke halten.’ 
Wir bekamen aber abolut nichts zu hö¬ 
ren. Allerdings erfuhren wir - interes¬ 
santerweise - daß es da einen Typ na¬ 
mens Arnold Kohen gab und daß der 
eine Ein-Mann-Lobby gebildet hatte. 

j 

I 

MCGILL UNIVERSITY, 
MONTRAL, KANADA 

Arnold Kohen ' 

Also wissen Sie, ich bin Karl Meyer 
ja dankbar für die schönen Sachen, die 
er in seinem Interview über mich gesagt 
hat; aber ich muß doch der Vorstellung 
widersprechen, es hätte da eine Ein- 
Mann-Lobby oder sowas gegeben. Denn 
ich glaube, wenn es kein weit gespanntes 
Netz gegeben hätte, mit der amerikani¬ 
schen katholischen Bischofskonferenz- 
mit anderen kirchlichen Gruppen, mit 
Menschenrechtsgruppen, mitengagier¬ 
ten Bürgern usw., und ein damit ver¬ 
knüpftes Interesse in den Nachrich¬ 
tenmedien - wäre dies nicht gewesen, 
dann hätte man zu keiner Zeit irgend¬ 
etwas erreichen können, und schon gar 
nicht hätten wir die Sache so lange in 
Gang halten können, wie es dann ge¬ 
schah. 


IN DER NEW YORK TIMES 

Karl F, Meyer 

Professor Chomsky und viele der 
Leute, die solche Analysen der Presse¬ 
organe veranstalten, haben eines ge¬ 
meinsam: Die meisten von ihnen haben 
noch nie für eine Zeitung gearbeitet* 
und viele haben keine Ahnung, wie es 
in einer Zeitung zugeht. 

Als Chomsky da auftrat, hatte er eine 
Sammlung mit allen Artikeln, die in der 
New York Times, der Washington Post 
und anderen Blättern über Osttimor er¬ 
schienen waren. Er nahm es dann ganz 
genau: War zum Beispiel in der Londo¬ 
ner Times etwas über Osttimor erschie¬ 
nen und hatte die New York Times das 
übernommen, aber um einen Absatz 
gekürzt, dann sagteer: "Sehtmal, dieser 


Foto: Hias Schaschko 


Ifc! 




entscheidende Absatz hier gegen Ende, 
er alles auf den Punkt bringt, den hat 
New Y ork Times aus dem Text der 
rimes gestrichen.” 


böro im mit, Cambridge 

Chomsky 

der Londoner Times gab es einen 
Ziemlich zutreffenden Bericht. Den hat 
die New York Times radikal verändert. 
ie hatnichtnur einen einzelnen Absatz 
We ggelassen, sie hat ihn überarbeitet 
Un d ihm eine völlig neue Färbung ge¬ 
geben. 

E*er wurde dann - so wie die New 
ork Times ihn gebracht haue - von 
ewsw eek aufgegriffen. Zum Schluß 
^ es eine einzige Weißwäsche, wo¬ 
gegen das Original von den Greueln 

handelte. 


Podiumsdiskussion, 
Harvard university, 

CAMBRIDGE, USA 

Kaf l F. Meyer 

Und ich habe zu ihm gesagt: “Es 
°nntedoch sein, daß SiedieUnkennt- 
jds, die Hast, den Zeitdruck bis zum 
^aktionsschluß usw. mißverstehen 
dnd dann eine Art bewußtes Handeln 
u ** teilweisen Unterdrückung einer Ge- 
c hichte zu erkennen glauben.” 

orauf er sagte: “Ja, wenn es nur ein 
j , Cr zwei oder drei Mal vorkäme, würde 
w !hnen ja zustimmen. Aber, Mr. 
d e y c L wenn es ein dutzendmal passiert, 
_ a ! ln mu ß os da noch etwas anderes 

geben.” 


ß ÜRO IM MIT, CAMBRIDGE 

Chomsky 

^ es * st nicht einmal, zweimal, 
n mal, hundertmal vorgekommen - 
Is t ständig vorgekommen. 


■N der NEW YORK TIMES 

Fori F, Meyer ' 

Ich sagte: “Professor Chomsky, ich 
* Cnnc diese Branche. Es passiert ein 
a uizcndmal - es sind eben unvollkom¬ 
mene Insiitulioncn.” 


BÜRO IM MIT, CAMBRIDGE im MIT, CAMBRIDGE, USA 


Chomsky 

Und als man dann darüber berichtete, 
geschah das aus Sicht der ... also die 
USA wurden nur reingewaschen. Wis¬ 
sen Sie, das war kein unbeabsichtigter 
Ausrutscher. Das ist systematisch und 
konsequent - und gerade in diesem Fall 
ohne eine einzige Ausnahme. 


IN DER NEW YORK TIMES 

Karl F. Meyer 

Das läuft alles viel hintergründiger 
ab als in der Dampfhammer-Rhetorik 
dieser Leute, die da zwischen A und B 
eine Gleichung aufstellen: Was tut die 
Regierung, was denkt die Bevölkerung, 
was schreiben die Zeitungen. Was die 
New York Times schreibt, hat manch¬ 
mal enorme Auswirkungen, manchmal 
aber überhaupt keine. 


CBC RADIO, MONTREAL, 
KANADA 

Elaine Briire 

Und so nimmt diese Tragödie in 
Osttimor - eine der schlimmsten unse¬ 
rer Tage - ungehindert ihren Verlauf. 
Schätzungsweise ein Drittel der Bevöl¬ 
kerung haben die Indonesier umge¬ 
bracht. Viele sind in Konzentrations¬ 
lagern eingesperrt. Gegen diejenigen, 
die noch Widerstand leisten, führen sie 
großangelegte Militäroperationen 
durch, unter Namen wie “Operation 
Ausrottung” oder “Operation Ausfe¬ 
gen”. Die Frauen in Timor zwingen sie 
zur Geburtenkontrolle. Darüberhinaus 
holen sie ständig indonesische Siedler 
ins Land, die sich den Boden aneignen. 
Und wenn mal einige Menschen den 
Mut aufbringen, auf der Straße zu de¬ 
monstrieren oder die geringste Wider- 
setzlichkeitzu zeigen, werden sie sofort 
massakriert. 

Wenn wir - also die Völkergemein¬ 
schaft - den Indonesiern erlauben, in 
Osttimor zu bleiben, dann werden sie 
Osttimor sozusagen aufsaugen und ... 
na ja, sie möchten es einfach als Beute¬ 
masse ansehen. 


Chomsky 

Ich denke, hier wird keineswegs nur 
gezeigt, wie sich die Medien der Macht 
unterwerfen. In diesem Fall sind sie 
regelrecht Komplizen des Völkermords. 
Denn nur, weil niemand etwas davon 
weiß, können diese Verbrechen unge¬ 
hindert weitergehen. Wenn etwas darü¬ 
ber bekannt würde, dann gäbe es Pro¬ 
teste und Druck, um sie zu stoppen. 
Indem also die Medien die Fakten un¬ 
terdrücken, tragen sie einen wesent¬ 
lichen Teil der Schuld an einem der - 
also vielleicht an dem schlimmsten Völ¬ 
kermord seit dem Holocaust [bezogen 
auf die Gesamtbevölkerung]. 


Antifasthistisehes 



Das Antifaschistische Infoblatt gibt es seit 
'87. Es erscheint alle 2-3 Monate bundes¬ 
weit mit ca. 60 Seiten. Schwerpunkte sind: 

- Entwicklungen und Aktivitäten der Neonazis in der 
BRD und international 

* Entlarvung und Veröffentlichung ihrer Führer Innen 

- Neue Rechte und Braunzone 

- Antifaschistische Aktivitäten in der 

BRD und international t * 

- Repression gegen Arttifas ** 

- Dokumentation von, und Beteiligung an * * 

Diskussionen über Antifaarbeit ** Das 

- Rassismus, Nationalismus * ' Antifa Info ist 

und Sexismus in / * Arbeitsgrundlage für 

der Gesell- . . 'antifaschistische Aktivitäten 
schaft * r. r 

. * von tmzelpersonen, Gruppen 

und Organisationen. 
Es ist eine mchkommerzielle Zeitung, 
die von aktiven Antifaschistinnen im Eigen¬ 
verlag herausgegeben wird. 

Ihr könnt das Antifa Info für 5.-DM + 2.-DM 
Porto bestellen. 
Ein Abo über 5 Ausgaben kostet 30.-DM. 

Antifa fnfobfatt 
c/o I_. Meyer 
Gneisenaustr. 2a 
10961 Berlin 


SF 2/96 [31] 




















“IDEAS”, CBC RADIO, 
KANADA 

David Frum (Journalist) 

Nach Ihren Worten ignorieren die 
Medien bestimmte Greueltaten, wenn 
diese von uns oder unseren Freunden 
begangen werden, spielen es aber 
ungeheuer hoch, wenn die andere Seite 
-unsere Feinde- Greuel begehen. Und 
Sie postulieren einen Test der morali¬ 
schen Ehrlichkeit, indem man sozusa¬ 
gen die Leichen gleich behandeln müs¬ 
se. 

Chomsky 

Nach den gleichen Grundsätzen. 
David Frum 

Ich meine, daß im Prinzip alle Toten 
gleich sind. 

Chomsky 

Das behaupte ich keineswegs. 

David Frum 

Aha, zum Glück sagen Sie sowas 
nicht, denn Sie tun’s ja auch nicht. 

Chomsky 

Natürlich tue ich sowas nicht und 
würde es auch nie fordern. Ich sage 
doch gerade das Gegenteil - daß wir 
nämlich in erster Linie die Verantwor¬ 
tung für unsere eigenen Handlungen 
übernehmen sollten. 

David Frum 

Ihre Methode sieht also so aus, daß 
Sie nicht nur die Opfer der anderen 
Seite ignorieren, sondern auch alle Lei¬ 
chen, die keiner Seite anzulasten sind 
und die mit Ihrer ideologischen Position 
nichts zu tun haben. 

Chomsky 

Das ist völlig falsch. 

David Frum 

Gut, dann will ich Ihnen ein Beispiel 
nennen. Sie engagieren sich ja stark für 
die palästinensische Sache, und jede 
palästinensische Leiche lastet schwer 
auf Ihrem Gewissen. Eine kurdische 
Leiche aber nicht. 

Chomsky 

Das stimmt überhaupt nicht. Ich ar¬ 
beite schon jahrelang in kurdischen Un¬ 
terstützergruppen. Das ist völlig falsch, 


fragen Sie mal die Kurden - ich meine 
die Leute, die da mitmachen - also wis¬ 
sen Sie, die kommen zu mir, ich unter¬ 
schreibe ihre Aufrufe usw. Oder lesen 
Sie mal, was wir alles geschrieben ha¬ 
ben, werfen Sie nur mal einen Blick ... 
Ich meine, ich bin doch nicht Amnesty 
International, ich kann nicht alles ma¬ 
chen. Ich bin nur ein einzelner Mensch. 
Aber schauen Sie beispielsweise mal in 
das Buch, das Edward S. Herman und 
ich zu diesem Thema geschrieben ha¬ 
ben. Wir behandeln darin drei Arten 
von Greueln. Einmal die, die wir als 
“gutartige Blutbäder” bezeichnen und 
die allen egal sind, dann die konstruk¬ 
tiven Blutbäder, die uns Zusagen, und 
schließlich dieabscheulichen Blutbäder, 
also was die Bösen anrichten. Das Prin¬ 
zip, nach dem wir uns meiner Meinung 
nach richten sollten, lautet nicht so, wie 
Sie es formuliert haben. Ethisch ist es 
doch eine ganz einfache Sache: Man ist 
für die zu erwartenden Konsequenzen 


der eigenen Handlungen verantwortlich. 
Für die zu erwartenden Konsequenzen 
der Handlungen anderer ist man nicht 
verantwortlich. Für mich und für Sie ist 
es am wichtigsten, über die Folgen 
unserer Handlungen nachzudenken. 
Also über das, was Sie und ich beein¬ 
flussen können. 


IM MIT, CAMBRIDGE, USA 

Chomsky 

Dies muß man im Auge behalten. 
Wir machen hier doch keine akade¬ 
mischen Übungen. Wir analysieren 
nicht die Medien auf dem Mars oder die 
des 18 Jahrhunderts oder dergleichen. 
Wir haben es mit realen Menschen zu 
tun, die leiden oder sterben müssen, die 
gefoltert werden oder verhungern, und 
zwar infolge einer Politik, in die wir 
verwickelt sind, in die wir als Bürger 
einer demokratischen Gesellschaft di- 



[32] SF 2/96 


Foto: Emst Volland 
















f ekt verwickelt sind und für die wir 
Verantwortung tragen. Und die Medien 
sorgen nun dafür, daß wir unserer Ver¬ 
antwortung nicht gerecht werden, daß 
stattderBedürfnisseder leidenden Men¬ 
schen die Interessen der Macht berück¬ 
sichtigt werden - nicht einmal die Wün¬ 
sche der Menschen in Amerika, denn 
die wären ja entsetzt, wenn sie das Blut 
erkennen würden, das an ihren Händen 
klebt, nur weil sie es zulassen, vom 
System derartig irregeleitet und mani¬ 
puliert zu werden. 

UNION HALL, CAMBRIDGE, 
ENGLAND 

Chomsky 

Was ist mit der Dritten Welt? Nun, 
h*otz allem Schlimmen und Häßlichen 
ist dieser Kampf noch nicht zu Ende. 
Eter Kampf um Freiheit und Unab¬ 
hängigkeit hört nie ganz auf. 

der Mut dieser Menschen ist wirklich 
beeindruckend. Ich selbst habe mehr¬ 
mals das Privileg genossen (und es ist 
gewiß ein Privileg), in Dörfern in Süd¬ 
ostasien und Mittelamerika und kürzlich 
a uch im besetzten Westbank-Gebiet 
davon Zeuge zu sein, und es ist in der 
Tat erstaunlich. 

MALASPINA COLLEGE, 
NANAIMO, KANADA 

Chomsky 

Es ist immer beeindruckend - also 
We nigstens mich beeindruckt es - ich 
yerstehe es gar nicht, es bewegt und 
Aspiriert einen auch, es erweckt gera¬ 
den Ehrfurcht. Für sie hängt alles von 
dem Spielraum zum Überleben ab, der 
J hnen durch Unruhe und Dissens inner¬ 
halb der herrschenden Systeme geschaf- 
fen wird. Und von uns wiederum hängt 
es a b> wie groß dieser Spielraum ist. 

übersetzt von 

Helmut Richter 


W>rabdruck aus: 

3 \v / ^ c * 1 * )ar (Hg.): Noam Chomsky - 
e ge zur intellektuellen Selbstver¬ 
sorgung. Medien, Demokratie und 
ie Fabrikation von Konsens, Marino- 
cr l a g, München und Trotzdem Verlag, 
rafenau, übersetzt von Helmut Richter, 
Ca -280 S., 200 Abbildungen, Format 23 
* 1.5 cm, DM 39.-DM. Lieferbar ab 
c ptcmber 1996. Vorausbestellungen 

an SF-Redaktion. 


Termine 


btr. FLI-Treffen (Forum für 
Libertäre Information) 


Vom 6.-10.12.95 fand in Rade nach 6- 
jährigem Pausieren wieder ein Treffen 
des FLI statt. Vorbereitet mit einem 
liebevoll gestalteten, inhaltlich jedoch 
leider etwas dürftigem Reader, fanden 
sich knapp 20 Teilnehmerinnen zu¬ 
sammen - und damit weniger als er¬ 
wartet, Es wurde über Antipädagogik, 
Anarcho-Syndikalismus und über 
Sprachkritik diskutiert. Beim abend¬ 
lichen Kaminfeuer tauschte man sich 
überden “Stand der Szene” aus. 

Wenn auch die Resonanz noch recht 

geringausfiel.wardieAtmosphäredoch 

anregend und die Anwesenden zeigten 
sich wild entschlossen, einen zweiten 
Anlauf anzusetzen. Hierfür stand vom 
15-19.5. ein Tagungshaus in Wiesen im 
Spessart zur Verfügung, das 30reguläre 
Plätze bot. Themen standen nicht fest. 
Ein Thema sollte jedoch Überlegungen 
zu einer (organisationsübergreifenden) 
anarchistischen (Wochen-) Zeitung sein 
- daß daran Interesse bestand, wurde 


schon auf dem ersten Treffen deutlich. 

Infos bei: Hans-Willm Meeuw, PF 
3643,26026 Oldenburg 

Lesereise von Mauricio 
Rosencof 

Mauricio Rosencof reist seit dem 
14.5. durch die B undesrepublik. Er liest 
am4.6.inderStadtbibliothekinEssen 
am 7.ö.ImBuchladen "RoteZora"in 
Merzig 

am 9.6. in Tübingen 
am 11.6. im Kommunalen Kino in 
Konstanz 

am 13.6. in der Stadtbibliothek in 
Nürnberg 

am 15.6.'im Virus Galerieca.fi (Org. 

Basis Buchhandl.) München 
am 21.6. im EVAG oder in der 

Neuen Gesellschaft .Hamburg 
am 23.6. im KHG in Koblenz 
am 25.6. im Stadt garten in Köln (Org. 

vom Anderen Buchladen) 
am 1.7. im Red House in Düsseldorf 
und am 2.7. in der JVA Ossendorf 



Foto: Wolfgang Haug/Trotzdem 


SF 2/96 [33] 








Anfänge der Dritte- Welt¬ 
öffentlichkeit 

Zu Beginn der siebziger Jahre führte 
dje Enttäuschung über die scheinbare 
Folgenlosigkeitder Proteste gegen Viet¬ 
nam und Chile u.a. zu einer ersten nach¬ 
haltigen Erschütterung des Glaubens in 
die Möglichkeiten einer massenwirk¬ 
samen Aufklärung mit Hilfe der bür¬ 
gerlichen Medien. Gleichzeitig stand 
die sich formierende Dritte-Welt-Be¬ 
wegung unter dem Eindruck einer 
zunehmenden Ausgrenzung aus den 
bürgerlichen Medien. 

Angesichts der frustrierenden Erfah¬ 
rungen mit den Mechanismen der bür¬ 
gerlichen Öffentlichkeit 1 begannen sich 
die Akteurlnnen des Protestes von dieser 
abzuwenden und verstärkt Schritte hin 
zur Etablierung einer eigenen (Gegen) 
Öffentlichkeit zu unternehmen 2 . 


So wird zu Beginn der siebziger Jahre 
eine Vielzahl von Dritte Welt-spezifi¬ 
schen Zeitschriften gegründet. Im Laufe 
des Jahrzehnts kommen immer mehr 
Dritte Welt-bezogene Zeitschriften 
hinzu: 

1970 beginnt das Informationszent¬ 
rum Dritte Welt in Freiburg mit der 
Herausgabe der Blätter des iz3w. Im 
selben Jahr erscheint die Entwick¬ 
lungspolitische Korrespondenz . 1971 
folgt der Informationsdienst südliches 
Afrika (issa). 

Ab Juni 1973 gibt das Komitee So- 
lidarität mit Chile die Chile Nach¬ 
richten heraus, die sich schon bald als 
Diskussionsmedium der Bewegung 
etablieren können. Nach dem Abflauen 
des Interesses an Chile Mitte der sieb¬ 
ziger Jahre wird die Zeitschrift 1977 in 
LateinamerikaNachrichten umbenannt. 


1974 gründet sich der Freund- 
schaftsverein BRD-Kuba und gibt die 
Zeitschrift cuba libre heraus. Zwei Jahre 
später, 1976, erscheint erstmals die ila 
der Informationsstelle Lateinamerika 
in Bonn. Ab 1978 erscheint das Forum 
des Bundeskongresses entwicklungs- 
politischer Gruppen (BUKO). 

Norbert Minhorst faßt die inhaltliche 
Orientierung der Zeitschriften aus dem 

Spektrum der Solidaritätsbewegung 

folgendermaßen zusammen: 

“Zusammenfassend ist das Hauptan¬ 
liegen der Zeitschriften aus der Soli- 
daritätsbewegung die Darstellung vorl 
politischen Verhältnissen in den Ent - 
wicklungsländern, weniger bedeutsam 
ist deren Einordnung in die internatio¬ 
nalen politischen Zusammenhänge . Die 
Zeitschriften sind also schwerpunkt¬ 
mäßig ausgerichtet auf die innen- 


[34] SF 2/96 


Alle Photos: Umbruch Bildarchiv 


3 










Politische Berichterstattung über die 
Länder der Dritten Welt bzw . ihrer 
Region, zumeist entlang der inneren 
Konfliktlinien. Wirtschaftliche und 
gesellschaftliche Themen werden in den 
Zeitschriften behandelt, erfahren aber 
bedeutend weniger Aufmerksamkeit als 
die politischen Themen . Noch geringer 
lst die Beschäftigung mit Entwick- 
htngspolitik, die sich größtenteils auf 
Institutionen' als Trägern von 
' ntwicklungspolitik beschränken. Eine 
^einandersetzung mit ‘Theorien von 
Entwicklung und Unterentwicklung 
sowie mit r Entwicklungsstrategien* 
landet kaum statt, es geht also in den 
- e Itschriften kaum um theoretische 
eflexion von Standpunkten oder die 
iskussion von Strategien zur Über¬ 
windung der Unterentwicklung. Die 
°tivation für die Beschäftigung mit 


Ländern und Themen der Dritten Welt 
scheint sehr viel mehr im eigenen 
politischen Selbstverständnis als in der 
Lage und den Problemen der Entwick¬ 
lungsländer zu liegen." 3 

Die Medien der Dritte-Welt-Bewe- 
gung erfüllen verschiedene Funktionen: 

“Erstens sind die Zeitschriften für 
die Mitglieder der Solidaritätsbewe¬ 
gung nicht nurlnformationsorgane über 
die Länder der Dritten Welt. Diese 
sollen vielmehr auch zum Austausch 
und zur Information zwischen den 
einzelnen Solidaritätsgruppen bei¬ 
tragen." 4 

Die Öffentlichkeit der 
Alternativbewegung. 

Der Wandel der Dritte-Welt-Öffent- 
lichkeit vollzieht sich vor dem Hinter¬ 
grund eines tiefgreifenden Struktur¬ 


wandels. Unter dem Eindruck des 
fortschreitenden Zerfalls- und Ent¬ 
mischungsprozesses der Linken und 
parallel zur Entstehung der Altemativ- 
bewegung Mitte der siebziger Jahre 
beginnt sich in der Bundesrepublik, eine 
neue Form der Öffentlichkeit zu for¬ 
mieren. 

Der Konstitutionsprozeß dieser al¬ 
ternativen Öffentlichkeit läßt sich mit 
der konstitutiven Phase bürgerlicher 
Öffentlichkeit vergleichen: 

“Das vom aufstrebenden Bürgertum 
initiierte öffentliche Räsonnement, das 
den Machtanspruch ausblendet und 
Herrschaft an sich verhindern will, wird 
somit von den neuen sozialen Bewe¬ 
gungen romantisch verzerrt reaktiviert. 
Mit der Hypostasierung eines Freirau¬ 
mes 'räsonierender Privatleute’ aber, 
werden die Topoi bürgerlicher Öf- 


SF 2/96 [35] 






fentlichkeit revitalisiert, was dazuführt , 
daß diese 'neue* Öffentlichkeit durchaus 
Züge der klassischen trägt, aus deren 
Schoße sie entstanden ist” 5 
Dabei geht es nicht primär um die 
Nutzbarmachung der Strukturen bür¬ 
gerlicher Öffentlichkeit, sondern um 
die Entwicklung einer Alternative: d.h. 
die Schaffung autonomer kommunika¬ 
tiver Strukturen mit zumeist deutlich 
politisierender Absicht. Gegenöffent¬ 
lichkeit wird dadurch - anders als es der 
Terminus vermuten läßt - positiv 
definiert. Entsprechend der resignativen 
Einschätzung von der Reformierbarkeit 
der bürgerlichen Gesellschaft steht nicht 
die Aufklärung der bürgerlichen Öf¬ 
fentlichkeit, sondern die Selbstauf¬ 
klärung der Beteiligten im Vordergrund. 
Die Form der langsam entstehenden 
Gegenöffentlichkeit wird als eine En¬ 
klave im vorherrschenden Gesell¬ 
schaftssystem verstanden, die es erlaubt, 
Freiheit - wenn auch beschränkt - zu 
antizipieren. Gegenöffentlichkeit gerät 
somit zu einem Ort kollektiver, poli¬ 
tischer Identitätsbildung. 

Gleichzeitig soll eine Vernetzung der 
verschiedenen Akteure erreicht werden. 
Formuliert wird ein Anspruch, nach 
dem Medien nicht nur andere Infor¬ 
mationen zu liefern haben, sondern die 
Bereiche des Öffentlichen und des Pri¬ 
vaten miteinander verbunden werden, 
das Private gegenüber dem Öffentlichen 
entgrenzt wird. In den Mittelpunkt des 
Interesses gerät die Produktion und 
Verarbeitung ‘authentischer Erfah¬ 
rung ’ .Jener ‘Produktionsöffentlichkeit 
von Erfahrung’ liegt ein eigenes Kon¬ 
zept zugrunde: die ‘authentische Öf¬ 
fentlichkeit*. 

"' Authentisch 9 nicht nur deshalb, weil 
uns der Begriff f Gegenöffentlichkeit > 
nicht differenziert genug erscheint, 
sondern t weil mit Authentizität eine 
politische Perspektive bezeichnet wird, 
die von der antiauloritären Revolte 
ihren Ausgang nimmt, Mitte der sieb - 
ziger Jahre nicht nur in der Alterna¬ 
tivbewegung sich durchsetzt und mitt¬ 
lerweile auch Teile der Gesamtge¬ 
sellschaft erfaßt hat. Das ist die 
Hinwendung nach 'unten , zu den je 
individuellen Erfahrungen der 
Menschen, zu den Erlebniswelten der 
Betroffenen, die aus der traditionellen 
Politikperspektive meist ausgegrenzt 
und von ihr abgespalten werden. 1 Au¬ 
thentisch ’ aber auch deshalb, weil dieser 
Begriff Massen- und schichtenunab- 

[36] SF 2/96 


hängig ist, d.h. diese Kategorie ist 
sowohl unterhalb als auch jenseits einer 
möglichen kategorialen Bestimmung 
wie ‘bürgerlich’ oder ‘proletarisch’ 
angesiedelt, bezeichnet sie doch weniger 
einen Idealtypus, hat mithin weniger 
metaphorischen Charakter, wie etwa 
proletarische Öffentlichkeit, sondern 
bezieht sich weitestgehend auf real 
empirische Erfahrungslagen, Lebens¬ 
zusammenhänge und Interaktionspro- 
zesse von Betroffenen. ” 6 
Dennoch geht das Konzept der 
authentischen Öffentlichkeit gerade 
über eine reine Reproduktion von All¬ 
tagserfahrung hinaus. Öffentlichkeit 
wird als eine reflexive Instanz ver¬ 
standen, die es ermöglicht, alltägliche 
Erfahrungen zu überdenken und zu 
politisch verallgemeinerbaren Stra¬ 
tegien theoretisch zu verarbeiten. 7 

"Die von der Alternativbewegung 
produzierten Strukturen einer ‘aut¬ 
hentischen Öffentlichkeit' - eine Öf¬ 
fentlichkeit, die die Erfahrungen kol¬ 
lektiv und öffentlich diskutiert, diese zu 
verallgemeinerbaren Perspektiven, also 
theoretisch, verarbeitet und dabei die 
Dimension des praktischen Handelns 
nicht ausschließt - ist damit das Medium 
kollektiver Gegenidentitätsbildun g.das 
Medium alternativer Sinnproduktion, 
die in 'politischenldentitätsstrukturen' 
sich vergegenständlicht.’’ 8 

Neben diesen beiden Aspekten bein¬ 
haltet authentische Öffentlichkeit aber 
auch den Versuch, die typischen Merk¬ 
male der Ein-Weg-Kommunikation 
nämlich die Grenzen zwischen Rezi- 
pientlnnen und Senderinnen zu über¬ 
winden. 

Das Konzept der authentischen 
Öffentlichkeit findet sich auch im Falle 
der Dritte-Welt-Öffentlichkeit wieder 
Strukturell besteht der Unterschied der 
Dritte-Welt-Öffentlichkeit - Metadis¬ 
kurse ausgenommen - in der räumlichen 
Trennung der Akteure, der Dritte-Welt- 
Bewegung, und ihrem Objekt. Eine 
einfache Übertragung des erfahrungs¬ 
geleiteten Ansatzes der Altemativbe- 
wegung auf die Dritte-Welt-Bewegung 
ist kaum möglich. Stattdessen kann im 

Falleder Dritte-Welt-Öffentlichkeit nur 

von einer mittelbaren Produktion und 
Verarbeitung ‘authentischerErfahrung’ 
ausgegangen werden. 

Übertragen auf die spezifische Situ¬ 
ation der Dritte-Welt-Öffentlichkeit 
kann unter authentischer Erfahrung nur 
die möglichst direkte Aneignung von 


Erfahrungen der südlichen ‘Counter- 
parts’ durch die Dritte-Welt-Bewegung 
verstanden werden. Unter authentischer 
Erfahrung wäre demnach der Versuch 
zu verstehen, jene räumliche Distanz 
durch eine möglichst große inhaltliche 
Nähe zu den Counterparts zu über¬ 
winden. In wieweit dies durch die Dritte- 
Welt-Bewegung, deren Handeln keines¬ 
wegs eigeninteresselos ist, geleistet 
wurde und wird, sei hier zunächst nicht 
diskutiert. 9 

Weitere Konsolidierung 
und beginnende 
Professionalisierung: Die 
achtziger Jahre 

Die achtziger Jahre sind von der 
Konsolidierung und vom Aufkeimen 
neuer sozialer Bewegungen gekenn¬ 
zeichnet, seien es die Friedensbe¬ 
wegung, die Ökologiebewegung oder 
die Frauenbewegung - um nur einige zu 
nennen. Die Bewegungen stehen nicht 
isoliert, sondern sind weitgehend mit¬ 
einander vernetzt. Auch die Dritte-Welt- 
Bewegung. 1 ^ 

Zu Beginn der achtziger Jahre steht 
die Dritte-Welt-Bewegung unter dem 
Eindruck der Gründung des Bundes¬ 
kongresses entwicklun gspolitischer 
Aktionsgruppen (BUKÖ) und der ihm 
angeschlossenen Kampagnen 11 . 1977 
gegründet, wirkt sich seine Funktion 
als Zusammenschluß der Dritte Welt- 
Gruppen, -Läden und Solidaritäts- 
komitees erst in den achtziger Jahren 
nachhaltiger aus. Der BUKO stellte 
einen wichtigen - wenn auch nicht 
unumstrittenen - Versuch zu einer tem¬ 
porären Stabilisierungder Dritte-’V^elt- 
Bewegung und der Erhöhung der 
politischen Durchsetzungskraft dar. 

Das Aufgreifen der Themen der an¬ 
grenzenden neuen sozialen Bewe¬ 
gungen trägt zu einer weitergehenden 
Stabilisierung der Dritte-Welt-Bewe¬ 
gung bei. Die Offenheit der Bewegung 
für neue Themen, die für die Diskussion 
einer internationalen Solidarität geeig¬ 
net sind, und deren hohe Anschlu߬ 
fähigkeit ermöglichen diese schnelle 
Absorpüon der neuen Frage- und Prob¬ 
lemstellungen. 

Gegen Ende der achtziger Jahre 
nimmt die Mobilisierung breiterer Be¬ 
wölkerungsschichten stetig ab. U.a. ist 
dies miteiner zunehmenden politischen 
Resignation zu erklären. Zentrale An¬ 
liegen der sozialen Bewegungen konn- 












ten Politisch nicht durchgesetzt werden 
( Z -B. die Verhinderung des NATO- 
Doppelbeschlusses). Zugleich trägt die 
Parteigründung der Grünen nicht uner¬ 
heblich zu einer Institutionalisierung 
des außerparlamentarischen Protests 
bei. 

In der Dritte-Welt-Bewegung 
herrscht zunehmende Unzufriedenheit 
über die Begrenztheit des lokalen oder 
regionalen Zugangs der jeweiligen 
dritte Welt-Gruppe und der Unfähig¬ 
keit, - trotz BUKO - Einfluß auf 
bundesweite sowie internationale Zu¬ 
sammenhänge ausüben zu können. 

Unter dem Eindruck dieser Ent¬ 
wicklungen beginnt sich auch im Rah- 
m en der Dritte-Welt-Bewegung ein 
Politikmodell zu etablieren, bei dem 
hauptamtlich Beschäftigte immer häu¬ 
figer an die Stelle der Basisaktivistinnen 
h’cten. Dieser Professionalisierungs- 
schub trägt nicht unerheblich zu einer 
Spezialisierung der Betroffenen bei. 

Ini Rahmen der sozialen Bewegungen 
werden neue Themen diskutiert. Die 
Polle der Frau, ökologische Themen 
oder die Frage des Weltfriedens finden 
Nicht nur dort, sondern auch in der 
bundesrepublikanischen Öffentlichkeit 
embreitesEcho. Diese Themen werden 
v on der Dritte-Welt-Bewegung aufge¬ 
nommen und in die eigenen Diskus¬ 
sionen integriert. Doch ist die Dritte- 
Welt-Bewegung der achtziger Jahre 
Noch stärker durch zwei tiefgreifende 
Veränderungen in Zentralamerika ge¬ 
prägt: die sandinistische Revolution in 
Nicaragua und der Bürgerkrieg in EI 
Salvador. 

Ab dem Jahr 1978 beginnt sich in der 
BRD ein Kreis von Unterstützer- 
komiiees zu Nicaragua zu formieren. 
Schon im selben Jahr gründet die 
entstehende, aber schnell erstarkende 
Bewegung eine Informations- und Ko¬ 
ordinationsstelle, der eine wichtige 
Punktion für die weitere Entwicklung 
der Bewegung zukommen wird. Diese 
ist stark von kirchlich orientierten Grup¬ 
pen und Organisationen aus dem Um¬ 
feld der undogmatischen Linken ge¬ 
prägt. Christlich-humanitäre Beweg¬ 
gründe konkurrieren so mit politischen 
Motiven. 

Im Gegensatz zu früheren Bewegun¬ 
gen innerhalb der Dritte-Welt-Bewe¬ 
gung profiliert sich die Nicaragua- 
Solidarität als eine stabile Bewegung, 
die es schafft, den Mobilisierungsgrad 
auch nach der Machtübernahme durch 


die Sandinisten relativ kontinuierlich 
zu halten 12 . Allerdings verursacht die 
Unübersichtlichkeit des revolutionären 
Prozesses in den frühen achtziger Jahren 
innerhalb der Bewegung eine Art Para¬ 
digmenwechsel. Immer mehr Gruppen 


Einem Spezifikum der Nicargua-Soli- 
darität, die Anwesenheit deutscher 
Brigadistlnnen vor Oft, kommt eine 
entscheidende Funktion zu: 

“Tatsächlich trug die Anwesenheit 
vieler Brigadistlnnen, die in Ernte¬ 



orientieren sich hin zu konkreter Pro¬ 
jektarbeit vor Ort. Ein weiterer Para¬ 
digmenwechsel setzt nahezu parallel 
dazu ein: Als Form konkreter Unter¬ 
stützung reisen ab 1983 verstärkt deut¬ 
sche Brigadistlnnen nach Nicaragua 13 . 

Allerdings bleiben die Ereignisse in 
El Salvador nicht ohne Auswirkung auf 
die Nicaragua-Bewegung. Bereits ab 
1980 hatte sich die Nicaragua-Solidari¬ 
tätsbewegung für eine Ausdehnung i hrer 
Unterstützungsarbeit auf Zentraiameri- 
ka entschieden, um so adäquater auf die 
politischen Prozesse in El Salvador oder 
Guatemala reagieren zu können. Im 
selben Jahr begann sich die deutsche 
Dritte-Welt-Bewegung, immer stärker 
um El Salvador zu kümmern. U.a. 
schienen dort die politischen Verhäl¬ 
tnisse einfacher durchschaubar zu sein. 

Eine eigene Bewegung 14 , die wie¬ 
derum stark von konfessionellen Grup¬ 
pen geprägt war, begann sich zu for¬ 
mieren. 

Bedeutung für die Dritte- 
Welt-Öffentlich keif 

Das Thema Nicaragua spielt eine 
zentrale Rolle innerhalb der Dritte-Welt- 
Öffentlichkeit der achtziger Jahre. 


einsätzen und in Projekten arbeiteten , 
und deren anschließende Informa¬ 
tionsarbeit in der Bundesrepublik dazu 
bei t daß das 'Thema Nicaragua , im 
Vergleich zu anderen Ländern der 
Dritten Welt , in der öffentlichen Dis¬ 
kussion verhältnismäßig präsent blieb . 

Die Herstellung von Gegen- 
öjfentlichkeit stellt den größten Erfolg 
der Projektarbeit der Solidaritätsbe¬ 
wegung dar." 15 

Doch nicht nur im Bereich der 
Nicaragua-Solidarität sind entschei¬ 
dende Erfolge zu verzeichnen. Mitte 
der achtziger Jahre beschreiben Werner 
Balsen und Karl Rössel das Spektrum 
der Dritte Welt-Medien folgender¬ 
maßen: 

“Darüber hinaus kann die Bewegung 
zwischen ein paar dutzend Zeitungen 
und Zeitschriften wählen [...]. Darüber 
hinaus gibt es heute Buchverlage , die 
sich fast vollständig auf Dritte Welt- 
Literatur konzentriert haben . [...] Spe¬ 
zialisierte Verleihe bieten Filme und 
Videos aus und über die Dritte Welt an . 
Und es gibt kaum noch einen Zipfel der 
Erde , über den sich nicht auch schon 
von Dritte Welt-Gruppen erstellte 
Unterrichtsmaterialien finden ließen 
t-l ." 16 







In den knapp zwei Jahrzehnten ihrer 
Existenz hat sich die Dritte-Welt-Be- 
wegung ein breites Angebot an Medien 
und Institutionen geschaffen, die ihr 
einen umfassenden Informations- und 
Gedankenausstausch garantiert. Doch 
beginnt sich in den achtziger Jahren, 
bereits eine gegenläufige Entwicklung 
abzuzeichnen. 

In der alternativen Öffentlichkeit sind 
-kaum erstaunlich - jeneRisse wahrzu¬ 
nehmen, die auch in der Bewegung 
festzustellen sind. Ein Ereignis ist von 
zentraler Bedeutung. Im Anschluß an 
den ‘Deutschen Herbst* 1977 wird sich 
die alternative Bewegung angesichts 
der staatlichen Repression über die Be¬ 
grenztheit ihres lokalistischen respek¬ 
tive regionalistischen Ansatzes bewußt. 
Ähnliches trifft auf die Erfahrungen 
angesichts der vom Bundespresseamt 
verhängten Nachrichtensperre zu. Hier¬ 
durch wird man sich über die Be¬ 
schränktheit dezentraler Basiskommu¬ 
nikation klar. An die Stelle des Autono¬ 
mieansatzes tritt eine Form von Etatis¬ 
mus und die Vorstellung von zentrali- 
stischeren, professionalisierten Prob¬ 
lemlösungen. 

Diese Erfahrungen, das sukzessive 
Auseinanderbrechen der Bewegung und 
die parallel voranschreitende Institu¬ 
tionalisierung und Professionalisierung 
der gegenkulturellen Lebenszusam¬ 
menhänge hat direkte Auswirkungen 
auf die alternativen Kommunikations¬ 
strukturen. 

Am Beispiel der tageszeitung (taz) 
und deren Rolle für die Dritte-Welt-Öf- 
fentlichkeit läßt sich der Trend wechsel 
exemplarisch aufzeigen. Idealistisch 
gesehen könnte man ihre Funktion für 
die Dritte-Welt-Öffentlichkeit folgen¬ 
dermaßen skizzieren: 

"Vor allen Dingen aber gibt es seit 
einigen Jahren 'die tageszeitung', die 
mit den Dritte Welt-Zeitschriften die 
Perspektive teilt [...] und die vor allen 
Dingen von einem Tag zum anderen 
publizieren kann 917 

Beleuchtet man die Funktion der taz 
etwas kritischer, so zeigt sich folgendes 
Bild: 

" Angetreten , um der dezentralen 
Linken ein Sprachrohr zu sein, den Ge¬ 
genpluralismus abzubilden, hat sie nun 
selbst eine zentralisierende Funktion, 
sie wird zum geheimen Zentralorgan. 
Sie ist der Filter, durch den alles hin¬ 
durch muß , sie ist der Zensor, ohne den 
Publizität sich vermeintlich nicht ent¬ 


falten kann. Kraft ihrer Existenz ist sie 
zu einem Machtfaktor geworden, scheint 
sich dessen aber nicht bewußt zu sein, 
nimmt man die Sorglosigkeit im Um¬ 
gang mit Informationen und Infor¬ 
manten als Indiz” 18 
Betrachtet man diese Entwicklung, 
darf ein weiterer, entscheidender und 
bereits benannter Punkt für den Struk¬ 
turwandel nicht außer acht gelassen 
werden. Nach einigen Jahren symbio¬ 
tischen Austauschs konsolidieren sich 
das Private und das Öffenüiche erneut 
als eigenständige Bereiche. Offensicht¬ 
lich wird dies beispielsweise in der Re¬ 
aktivierung traditioneller, vom persön¬ 
lichen Erfahrungshorizont losgelöster 
Politikmuster, wie sie sich schon bald 
in den frühen achtziger Jahren bei den 
Grünen herauszubilden beginnen. In 
diesem Zusammenhang nehmen Me¬ 
dien zunehmend die Rolle des Vermitt¬ 
lers zwischen den beiden genannten 
Bereichen ein. An die Stelle einer Dis¬ 
kussionsöffentlichkeit, die einen Prozeß 
gemeinsamer Willensbildung fördern 
soll, treten jetzt zunehmend wieder 
bürgerliche Formen repräsentativer 
Öffentlichkeit. Die Gefährdung einer 
sich als authentisch verstehenden Öf¬ 
fentlichkeit im bereits erwähnten Sinne 
ist offensichtlich: Dort w© das Private 
und das Öffentliche bereits getrennt 
sind, spielt die Kollektivierung von in¬ 
dividuellen Erfahrungen keine Rolle 
mehr. Der erneute Strukturwandel be¬ 
droht das Fortbestehen des eigenüichen 
Wesens der alternativen Öffentlich¬ 
keitsproduktion. 

Krise: Die neunziger Jahre 

Zu Beginn der neunziger Jahre sieht 
sich die Dritte Welt-Bewegung neuen 
Fragestellungen und Anforderungen 
ausgesetzt. Häufig wird die aktuelle 
Situation mit dem Begriff Krise asso¬ 
ziiert. Verantwortlich für diesen Para¬ 
digmenwechsel sind veränderte poli¬ 
tische und gesellschaftliche Rahmen¬ 
bedingungen. Einige Merkmale: 

- Die Dritte-Welt-Bewegung wird von 
denselben Selbstzweifeln erfaßt wie die 
Linke generell. Seit Anbeginn ist die 
Dritte-Welt-Bewegung von der Suche 
nach (radikalen) Alternativen zum 
dominanten kapitalistischen Wirt¬ 
schaftsmodell geprägt. Dabei orientierte 
sich die Mehrzahl der Aktivistinnen 
nicht am Modell des real existierenden 
Sozialismus. Vielmehr wurden zumeist 


Formen nationaler Emanzipation un¬ 
terstützt, die sich jenseits des üblichen 
Blockschemas bewegten. Dennoch hat 
die veränderte weltpolitische Macht¬ 
konstellation tiefgreifende Auswirkun¬ 
gen auf die ideologische Positionierung 
der Akteurlnnen. Denn durch die Über¬ 
windung des Systemantagonismus prä¬ 
sentiert sich das kapitalistische Modell 
des freien Marktes und das Modell des 
bürgerlichen Mehrparteiensystems als 
höchste Stufe gesellschaftlicher Ent¬ 
wicklung. 

- Bereits zu Beginn der achtziger Jahre 
setzte die Erosion der großen entwick¬ 
lungspolitischen Theorien (Modemi- 
sierungs- versus Dependenztheorien 
etc.) ein. Auch wenn dieseEntWicklung 
zeitlich vor Beginn der neunziger Jahre 
liegt, wird sie jetzt durch die ideolo¬ 
gische Krise potenziert. Eine nachlas¬ 
sende Diskussion um entwicklungspo¬ 
litische Alternativen innerhalb der 
Dritte-Welt-Bewegung und genauere 
länderspezifische Analysen sind die 
Folge. 

- Die beginnenden neunziger Jahre 
sind aber auch von den Erfahrungen in 
Nicaragua, El Salvador oder Cuba 
geprägt. Die Dritte-Welt-Bewegung 
gelangt einmal mehr zu der Einsicht, 
daß sich das Objekt ihres Engagements, 
die Befreiungsbewegungen und Op¬ 
positionsgruppen in der Dritten Welt, 
nicht immer konform zu den eigenen 
Vorstellungen verhält. 

- Die Dritte-Welt-Bewegung hat aber 
auch mit einem generellen Interessens- 
verlust in der Öffentlichkeit an ent- 
wicklunspolitischen Belangen zu 
kämpfen. Denn unter ökonomischen 
Gesichtspunkten kommt der Öffnung 
der Marktederehemaligen Warschauer- 
Pakt-Staaten eine zentrale Bedeutung 
zu. Sie führt zu einer Verlagerung der 
deutschen Außen- und Wirtschafts- 
polititik und - in ihrem Schlepptau - der 
offiziellen Entwicklungspolitik gen 
Osten. Parallel dazu verliert seit einiger 
Zeit der Süden seine traditionelle Rolle 
al s Rohstofflieferant für die Ökonom ien 
des Nordens. Dadurch aber verringert 
sich die Bedeutung des Südens für die 
Wirtschaftsmetropolen. Für die Dritte- 
Welt-Bewegung wird es deshalb um so 
schwerer, für die Belange des Südens 
Öffentlichkeit zu schaffen. 

Die Veränderung der politischen und 
gesellschaftlichen Rahmenbedinungcn 
hat tiefgreifende Folgen für die Struk¬ 
turen der Dritte-Welt-Bewegung. 


[38] SF 2/96 










Die Professionalisierung ist in den 
achtziger Jahren deutlich vorange¬ 
schritten. Häufig wurden diese pro¬ 
fessionellen Strukturen durch staatli¬ 
che Förderungsprogramme (ABM) erst 
Möglich. Mit den Kürzungen im So¬ 
zialbereich wird jetzt eine wichtige 
Stütze der Dritte-Welt-Bewegung ge¬ 
kappt. Reduzierte ehrenamtliche Struk¬ 
turen können diesen Eingriff allerdings 
nicht mehr auffangen. 

Traditionelle Organisationsformen 
wie z.B. der BUKO verlieren an Be¬ 
deutung. An deren Stelle treten neue 
länderbezogene Zusammenschlüsse 
(z.B. VEN in Niedersachsen). Häufig 
sind sie eng an bestimmte landespoli¬ 
tische Konstellationen (rot-grüne Re¬ 
gierungsbündnisse) gebunden. 

Der Zusammenbruch des Ostblocks, 
die als neue weltpolitische Verantwor¬ 
tung deklarierte neue Rolle Deut¬ 
schlands, die Konsolidierung der EU 
und die Ablösung des GATT durch die 
WTO haben dazu geführt, in der Dritte- 
Welt-Bewegung neue Themen zu 
generieren. Diskutiert wird jetzt über 
Militärische Einsätze Deutschlands, 
Nationalismus, Migrationsbewegun¬ 
gen, Rassismus oder die Neuordnung 
der Welthandelsbeziehungen. Die als 
v erlorenes Jahrzehnt deklarierten acht¬ 
ziger Jahre stellten zudem die Frage 
nach der Relevanz der Dritten Welt für 
die In dustrienationen unter einem neuen 
Aspekt. Durch die UN-Konferenz für 
Ökologie und Entwicklung (UNCED) 
M Rio de Janeiro 1992 und die aktive 
Rolle der NROs können sich sowohl 
dicÖkologiealsThemader Dritte-Welt- 
Bewegung, als auch die NROs als neue 
Hoffnungsträger von alternativer Ent¬ 
wicklung profilieren. 

Grundsätzlich hat sich die Vorstel¬ 
lig, bestimmte Analysen und Utopien 
besäßen allgemeine Gültigkeit, als ob¬ 
solet erwiesen. Statt dessen setzt sich 
die Einsicht durch, daß Alternativen in 
jedem nationalen oder kulturellen 
Kontext neu zu definieren seien. 

Bedeutung für die Dritte- 
Welt-Öffentlichkeit 

In den neunziger Jahren wird die 
strukturelle Schwäche der Dritte Welt¬ 
öffentlichkeit durch die Konjunktur der 
veränderten weltpolitischen Lage po¬ 
tenziert. Bei dem Versuch, ihre Themen 
7 ' u lancieren, stoßen die Akteurlnnen 
£'eht nur an die typischen Durchlässig¬ 
tutsbarrieren massenmedialer Kom¬ 


munikation, sondern müssen auch gegen 
eine generelle Abnahme des gesell¬ 
schaftlichen Interesses für die Belange 
der Dritten Welt kämpfen. 

In ihrer Jubiläumsnummer schildern 
die Blätter des iz3w die inhaltlichen 
Schwierigkeiten, zu Beginn der neun¬ 
ziger Jahre eine Zeitschrift mit interna¬ 
tionalistischem Anspruch zu machen: 

"Müssen wir uns also Beliebigkeit 
vorwerfen? Ja und Nein! Ja, weil das 
Nebeneinander von sich möglicher¬ 
weise ausschließenden Standpunkten 
tatsächlich eine gewisse Orien¬ 
tierungslosigkeit in der ADW anzeigt. 
Es gibt sie derzeit nicht, die ‘Hand¬ 
schrift’ einer Redaktion, die sich mit 
klaren Positionen zu Wort meldet; diese 
müssen erst errungen werden. Es gibt 
sie nicht mehr, die klaren Bekenntnisse 
zu den Befreiungsbewegungen und die 
einheitliche und umfassende theo¬ 
retische Basis, wie es die Dependenz- 
theorie einmal gewesen ist; diese Zeiten 
sind vorbei."' 9 

Auch Norbert Minhorst analysiert im 
Falle der Auseinandersetzung um 
Entwicklungstheorien für die von ihm 
ausgewerteten Zeitschriften der Soli¬ 
daritätsszene eine ähnliche Tendenz: 

“In der zeitlichen Abfolge findet in 
den Zeitschriften der Solidaritälsbe- 
we gung zuerst eine Auseinandersetzung 
mit der Dependenciatheorie und dann 


mit den dazugehörigen Strategien statt. 
Ab Mitte der 80er Jahre ist die - wieder 
geringer gewordene - Auseinanderset¬ 
zung dann auf alle drei 'Richtungen' 
[Dependencia-, Modernisierungs- und 
sonstige Entwicklungstheorien, B.S.] 
verteilt. In den 90er Jahren läßt die 
Auseinandersetzung weiter nach und 
verschwindet dann.” 20 

Doch scheintzu Beginn der neunziger 
Jahre ein neuer Strukturwandel inner¬ 
halb der Dritte-Welt-Öffentlichkeit 
stattzufinden, der sich nicht nur auf 
einer inhaltlich-thematischen Ebene 
vollzieht. Der Strukturwandel der 
bundesrepublikanischen Gesellschaft 
und der Dritte-Welt-Bewegung führt 
zu direkten Konsequenzen für die Dritte- 
Welt-Öffentlichkeit. 

Erklärtes Ziel vieler Dritte Welt-Be¬ 
wegter ist, das Nischendasein zu ver¬ 
lassen und gesellschaftliche Entschei¬ 
dungsträger für die Belange der Dritten 
Welt zu gewinnen. Daher werden immer 
häufiger Versuche unternommen, auf 
eine Öffentlichkeit jenseits der Dritte- 
Welt-Bewegung Einfluß zu nehmen. 

Breite, basisgestützte Aktionsformen 
treten in den Hintergrund; fürdie Dritte- 
Welt-Bewegung typische Formen der 
Bewußtseins- und Basisarbeit verlieren 
an Relevanz. 21 An deren Stelleetablieren 
sich Formen der klassischen öffent- 
lichkeits- und Pressearbeit, die auf eine 

SF 2/96 [39] 



















Verwertbarkeit durch die bürgerlich¬ 
liberale Presse abzielen bzw. sich di¬ 
rekt an die entsprechenden Entschei¬ 
dungsträger richten. 22 

Gleichzeitig scheint sich aber ein 
Phänomen herauszubilden, daß bisher 
typisch für das Verhältnis der NROs 
gegenüber der Dritte-Welt-Bewegung 
war: 

“Gegenüber den staatlichen Orga¬ 
nisationen müssen solche NRO das Bild 
seriöser, kooperationsbereiter und pro¬ 
fessioneller Organisationen abgeben. 
Hier kann also nicht im Modus der 
Protestkommunikation verblieben wer¬ 
den. Dies konfligiert jedoch mit dem 
Bild von Nichtregierungsorganisa¬ 
tionen , das sie gegenüber Spendern und 
der Bewegung plausibel zu machen 
versuchen. [...] Gegenüber den Mit¬ 
gliedern der Dritte-Welt-Bewegung 
wird sich [seitens derNRO t B.S. ] daher 
einer bewegungsnahen Rhetorik und 
Symbolik bedient. Da man andererseits 
bei den Medien über sehr gute Repu¬ 
tation verfügt, [...] ist diese Infrastruktur 
für die Bewegungskommunikation ein 
bedeutsames Terrain, das bei aller 
Kritik an Organisation, die mit Protest 
nicht kompatibel zu machen ist, auch 
nicht auf gegeben werden kann.” 23 

M. E. lassen sich diese Beobach- , 
tungen hinsichtlich des Verhältnisses 
NRO : Dritte-Welt-Bewegung analog 
auf die Strukturen innerhalb der Dritte- 
Welt-Bewegung übertragen. Dort 
müssen die Akteure zunehmend den 
Spagat zwischen Außen- und Binnen¬ 
kommunikation leisten. Ihr Anfor¬ 
derungsprofil besteht jetzt darin, sowohl 
den Zugang zur etablierten Öffent¬ 
lichkeit suchen zu wollen, als auch den 
Kommunikationstraditionen der Dritte- 
Welt-Bewegung verpflichtet zu sein. 
So gesehen könnte man von einem Pa¬ 
radigmenwechsel innerhalb der Öf¬ 
fentlichkeitsarbeit der Dritte-Welt-Be¬ 
wegung sprechen. 

Dieser Paradigmenwechsel weistaber 
auch auf einen tiefgreifenden Struk¬ 
turwandel innerhalb der Dritte-Welt- 
Öffentlichkeit hin. Nachdem die Pro¬ 
duktion alternativer Öffentl ichkeit über 
Jahre hinweg auf die Entwicklung 
selbstbezüglicher Kommunikations¬ 
strukturen ausgerichtet war, deren Ziel 
die Vermittlung authentischer Erfah¬ 
rung war, orientiert man sich jetzt an 
einer eher klassischen Form von 
Gegenöffentlichkeit: 

“Unter Gegenöffentlichkeit sind ent- 

[40] SF 2/96 


weder unabhängige, gegebenenfalls 
spontane Vereinigungen vonlndividuen 
oder staatsrechtlich verankerte Insti¬ 
tutionen zu verstehen , deren erklärtes 
Ziel darin besteht, diejenigen Interessen 
und Bedürfnisse einer Gesellschaft, 
welche herkömmlicherweise als nicht 
oder tendenziell nur wenig Organisa¬ 
tion- und konfliktfähig gelten, durch 
zielgerichtete Aktionen oder systemin- 
teme Einflußnahme im pluralistischen 
Meinungsprozeß ‘wettbewerbsfähig' 
und damit im staatlichen bzw . admi¬ 
nistrativen Handlungsvollzug verwert¬ 
bar bzw. bedingt berücksichtigungs¬ 
fähig zu machen.” 24 

Das typische Merkmal der Altema- 
tivbewegung, die authentische Öffent¬ 
lichkeit, scheint so sukzessive wieder 
zugunstendes ‘etablierteren’ Konzeptes 
der Gegenöffentlichkeit zu weichen. 

Neue Wege? 

25 Jahre ist die Dritte Welt-Bewegung 
jetzt alt. Analog zu den z.T. konträren 

Politik- und Gesellschaftsauffassungen 
der unterschiedlichen Akteure der 
Dritte-Welt-Bewegung oszilliert deren 
Öffentlichkeitsproduktion zwischen 
gegensätzlichen Polen: Einem alterna¬ 
tiven, um Authentizität bemühten Mo¬ 
dell stehtein eher pragmatisches Kon¬ 
zept gegenüber, das für ein instru- 
mentelles Verhältnis zu den etablierten 
Medien plädiert. 

Beide Modelle lassen sich im Ver¬ 
hältnis zur bürgerlichen Öffentlichkeit 
positionieren. Eine Prognose für die 
weitere Entwicklung der Dritte-Welt¬ 
öffentlichkeit als Teil einer alternativen 
Öffentlichkeitsproduktion kann dem¬ 
nach nicht von diesem Verhältnis ab¬ 
strahieren. Stamm verwirft gängige 
Vorstellungen: 

“Wir halten sowohl die Position von 
der totalen Vorherrschaft, von der Do¬ 
minanz bürgerlicher Öffentlichkeit als 
auch diejenige, die von einer Polarität 
[zwischen bürgerlicher und alternativer 
Öffentlichkeit, B.S.] ausgeht, für nicht 
ausreichend...” 25 

Statt dessen schlägt er ein Modell 
vor, bei dem sich beide Typen dyna¬ 
misch verschränken. 

“Es kommt tendenziell zu einer Ver¬ 
schränkung und Durchdringung von 
bürgerlicher und alternativer Öffent¬ 
lichkeit. [...] Da wo alte und neue For¬ 
men von Öffentlichkeit sich überei¬ 
nander schieben, werden die Formele¬ 


mente einer neuen Öffentlichkeit aus¬ 
differenziert. Dieser neue Typus von 
Öffentlichkeit hält einerseits fest an den 
positiven Elementen bürgerlicher Öf¬ 
fentlichkeitsproduktion (Professio¬ 
nalismus, Ästhetik, Investigativ- 
Journalism # ... usw.), reaktiviert fliese, 
wirft aber auch die erhaltenswerten 
Teile einer alternativen Medienpro¬ 
duktion nicht auf den Müllhaufen der 
Geschichte: radikale Subjektivität, Er¬ 
fahrungsverarbeitung , Parteilichkeit 
usw.” 26 I 

Doch stellt sich die Frage, ob eine 
solcherart skizzierte harmonische Ver¬ 
schränkung überhaupt realistisch ist? 
Ist nicht vielmehr davon auszugehen, 
daß angesichts sich rapide verändernder 
Medienrezeptionsgewohnheiten breiter 
Bevölkerungsschichten jene positiven 
Merkmale der alternativen Medien¬ 
produktion nicht doch ‘auf dem Müll¬ 
haufen der Geschichte" landen werden? 
Sigrid Baringhorsts Analyse der Trans¬ 
formationen politisch-moralischen 
Protests erlauben wenig Hoffnung: 

"- die Taten [z.B. im Falle öffentlich¬ 
keitswirksamer Aktionen bekannter 
Elmweltschutzorganisationen, B.S.] 
müssen für sich sprechen, nur spärliche 
Transparente zeugen noch von der an¬ 
fänglichen Diskursorientierung links¬ 
alternativer Gegenöffentlichkeit. 

Erf olgs- und Erlebniskommunikation 
ersetzen dabei zunehmend die in den 
80er Jahren dominierende Angstkom¬ 
munikation. Die sog. ‘neuen sozialen 
Bewegungen* wie Friedens-, Öko- und 
Anti-Atombewegung mobilisierten ihre 
Anhängerschaft durch eine permanent 
erzeugte 5-vor-12-Stimmung. Dieser 
ständige Appell an rationale, wie zum 
Teil aber auch irrationale Ängste 
scheint zunehmend leerzulaufen. Die 
unablässige Erzeugung von Bedro- 
hungsgefühlen auf höchstem Niveau 
mu ß am Ende unweigerlich zum Glaub- 
würdigkei tsverlust und Abstumpfen der 
moralischen Empörung führen. Die 
Folgenfür die Aufopferungsbereitschaft 
der Anhänger sind evident: Die neue 
Generation Jugendlicher ist nicht mehr 
zur Selbstkasteiung bereit - Engagement 
ja, aber nur wenn' s Spaß macht und der 
Aufwand nicht zu groß ist. ” 

Die Dritte-Welt-Bewegung scheint 
also erneut vor einem tiefgreifenden 
Paradigmenwechsel zu stehen. Doch 
stellt sich angesichts eines solchen 
Wandels die Frage, in wieweit die Dritte- 
Welt-Bewegung bereit ist, ihr Wesen 
den Kapriolen des Zeitgeists zu opfern? 












Literaturempfehlung: 

Dieser Text istTeil einer umfassenderen 
wissenschaftlichen Arbeit: Boris 
Scharlowski, Pressearbeit in der Dritten 
Welt, rund 100 Seiten. Zu beziehen 
über die SF-Redaktion. 

Anmerkungen: 

Gemeint sind hier u.a. der Vertrauens - 
Verlust der Protestierenden in das 
Mediensystem (mangelnde Möglich¬ 
keiten der Massen au fklärung durch die 
Medien, verstärkte Mediatisierung der 
Protestaktionen zulasten des Inhalts, 
etc.), in das Parteiensystem (z.B. das 
Entstehen der großen Koalition) sowie 
in das Wirtschaftssystem. 

2 K. Seitz macht die Erfahrung der DWB 
mit den Frustrationen der Studenten¬ 
bewegung dafür verantwortlich, daß 
konkretes entwicklungspolitisches 
Handeln durch Bildungsarbeit ersetzt 
wird:”Attc/i hier muß man wohl das 
Pädagog isch- Werden der politischen 
Aktion als Resultat der Erfahrung 
politischer Ohnmacht beklagen. Hinter 
der Strategie ' Bewußtseinsbildung ' 
offenbart sich so gesehen umgeleitete 
politische Resignation ” (Seitz, Klaus. 
Entwicklungsdienst., op. cit. S. 17.) 
Minhorst, Norbert. Das Dritte Welt- 
Bild in den bundesdeutschen Fachpe¬ 
riodika im Zeitraum von 1960-1992. 
Eine inhaltsanalytische Untersuchung. 
Halle 1995. S. 222. 

s Minhorst, Norbert, op. cit.. S. 215. 
Stamm, Karl-Heinz. Alternative 
Öffentlichkeit. Die Erfahrungsproduk- 
lion neuer sozialer Bewegungen. 

6 Frankfurt/New York 1988. S. 272. 

7 Stamm, Karl-Heinz, op.cit.. S. 100. 

a Stamm, Karl-Heinz, op. cit. S. 264. 

Dieser Vorstellung liegt jene von Peter 
Brückner vorgestellte These zugrunde, 
Politische Identität bilde sich durch ein 
harmonisches Zusammenwirken dreier 
Faktoren heraus: 1. die kollektive 
Erfahrungsproduktion; 2. die 
Wiederaneignung von Lebensgelände 
u nd 3. die theoretische Reflexion, s. 
dazu: Brückner, Peter. Zerstörung des 
Gehorsams. Aufsätze zur politischen 

9 Fsychologie. Berlin 1983. S. 191. 

10 Stamm, Karl-Heinz.. S. 149. 

s * dazu: Balsen, Werner / Rössel, Karl. 
Doch die internationale Solidarität. Zur 
beschichte der Dritte Welt-Bewegung 
* n der Bundesrepublik. Köln 1986. 
Vertrieb jetzt über Trotzdem Verlag, 
Grafenau. Zur Kritik der Dritte Welt- 
„ Be wegung. S. 540 ff. 

Doch ist das Verhältnis der einzelnen 
Bewegungen untereinander keineswegs 
konfliktfrei. So versucht sich die 
Friedensbewegung von jenem Flügel 
der DWB zu distanzieren, der sich 
Positiv zur Gewaltfrage im Rahmen 


emanzipativer Prozesse äußert. 

12 Gemeint sind die BUKO-Pharmakam- 
pagne, die BUKO-Kampagne “Stoppt 
den Rüstungsexport”, die Agraikoordi- 
nation und die Frauenkoordination, die 
in dieser Reihenfolge nacheinander ge¬ 
gründet wurden. 

13 Dennoch läßt es sich nicht vermeiden, 
daß bestimmte Differenzen mit der Po¬ 
litik der Sandinisten (u.a. die Miskito- 
frage) zu konjunkturellen Schwankun¬ 
gen und Einbrüchen innerhalb der Be¬ 
wegung führen. 

14 Zur Wahrnehmung dieser Unterstüt¬ 
zungsleistung aus Sicht der betroffenen 
Nicaraguanerlnnen s. u.a.: Karges, 
Rosemarie. Solidarität oder Entwick¬ 
lungshilfe. Münster 1995. s. auch 
Schwarzer Faden Nr. 55. 

15 s. dazu u.a.: Beier, Thomas / Schmidt, 

Susanne. Das Fremde als Projektion?! 
Solidaritätsbewegung am Beispiel El 
Salvador. Frankfort 1992. % 

16 Karges, Rosemarie, op. cit.. S. 137 f.. 

17 Balsen, Werner /Rössel, Karl. op. cit.. 

S. 505. 

18 Wilke-Launer, Renate. Haben Grüne 
und tazdie Solidaritätspresseüberflüssig 

gemacht? In: medium 1/91. S. 51. 

19 Stamm, Karl-Heinz, op.cit.. S. 252. 

20 Konkret bedeutet dies: Die Beteiligten 
des Kommunikationsprozesses fallen 
erneut in Produzentlnnen und Konsu¬ 
mentinnen auseinander. Der idealiter 


als Zwei-Weg-Kommunikation be¬ 
schriebene Prozeß verengt sich wieder 
zu einer Ein-Weg-Kommunikation. 
Und: Die alternativen Medien verlieren 
parallel dazu ihre ursprüngliche Orga¬ 
nisationsfunktion. 

21 Editorial zur Nummer Internationa¬ 
lismus in den 90em. Blätter des iz3w. 
Nr 200. September 1994. S. 4. 

22 Minhorst, Norbert, op. cit.. S. 204. 

23 Im Falle des Dritte-Welt-Handels wären 
hier die, Bestrebungen von Transfair 
oder die Profilierungskampagne der 
Arbeitsgemeinschaft Dritte-Welt-Läden 
zu nennen. 

24 Dies können u.a. Presseerklärungen, 
öffentlichkeitswirksame Aktionen etc. 
sein. Als einen Ausdruck dieser neuen 
Form der gezielten Öffentlichkeitsarbeit 
könnte man aber auch das Lobbying 
(z.B. German Watch) verstehen. 

25 B ommes Michael / Heuer, M ichael. op. 
cit. S. 70. 

26 Oeckl, Walter. Chancen von Gegenöf¬ 
fentlichkeit. In: Reimann/Reimann. In¬ 
formation. München 1977. S. 73. Zitiert 
nach: Stamm, Karl-Heinz, op.cit.. S. 
135. 

27 Stamm, Karl-Heinz, op.cit.. S. 259. 

28 Stamm, Karl-Heinz, op.cit.. S. 259. 

29 Baringhorst, Sigrid. Protest und Mitleid. 
Politik als Kampagne. In: epd-Entwick- 
lungspolitik. 15/94. S. 23. 


SF 2/96 [41] 








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Am 18. Juli 1986jährtsich zum60.Mal 
der Beginn des Spanischen Bürgerkrie¬ 
ges. Zum 50. Jahrestag schrieb Federica 
Montseny, die während des Bürger¬ 
krieges für die anarchistische Ge¬ 
werkschaft Confederaciön Nacional del 
Trabajo (CNT) in der spanischen Volks¬ 
frontregierung das Amt der Gesund¬ 
heitsministerin innehatte, in der großen 
spanischen Tageszeitung El Pais unter 
dem Titel: “Die euphorischen Tage” 
einen Rückblick auf ihre Erfahrungen 
v on 1936-1939. Sie begann ihre Aus¬ 
führungen mit den Worten 1 : “Wir haben 
gesagt, daß wir, nachdem wir die 
Julitage 1936 in Barcelona erlebt 
hatten, ruhig sterben konnten, denn wir 
würden nie wieder etwas Vergleich¬ 
bares erleben. In der Tat: Das groß - 
ar tige Schauspiel eines Volkes, das sich 
spontan auf die Straße warf, ohne 
W aff en oder nur mit denen, die es durch 
Jen Überfall auf Kasernen ergattern 
konnte, bei nur mangelhafter Unter¬ 
stützung durch die legale Regierung, 
eines Volkes, das sich den aufständi- 
schen Militärs entgegenwarf sie schlug 
und besiegte, das sieht man kein zweites 
Mal in einem Leben ” 

Diese Einschätzung Federica Mont- 
senys läßt deuüich werden, daß Anar¬ 
chisten bis heute eine Art Mythos um 
die Volksaktionen vom Sommer 1936 
au frechterhalten, insbesondere um die 
Haltung ihrer eigenen millionenstarken 
Organisation, der CNT. Es ist zweifellos 
richtig, daß im Juli 1936 in Spanien das 
geschah, was 1922 in Italien und 1933 
* n Deutschland unterblieb: der mutige 
u nd entschiedene Widerstand gegen die 
Machtergreifung der Rechten. Federica 
Montseny selbst ist jedoch ein gutes 
Beispiel dafür, daß der Einsatz der 
Anarchisten im Straßenkampf und in 
Milizen sowie bei den Kollektivierun¬ 
gen und Sozialisierungen der folgenden 
Monate die Rolle der Anarchisten im 
Bürgerkrieg nur unvollständig reflek- 
riert. Vor allem versperrt der einseitige 
Bück auf die “heroischen” Aspekte des 
Bürgerkriegsanarchismus - etwa die 
Konzentration auf das “konstruktive 
^erk der spanischen Revolution” 
(Gaston Leval) - den Zugang zu jenen 
^ Anarchismus selbst angelegten 
r oblemen, deren Kenntnis jedoch un- 
abdingbare Voraussetzung zum Ver¬ 
ständnis des anarchistischen Nieder- 
Sangs in der zweiten B ürgerkriegshälfte 


Wenn im folgenden schwerpunkt- 
mäßigauf das Verhältnis des spanischen 
Anarchismus zum Staat im sozial¬ 
historischen Kontext des Bürgerkrieges 
eingegangen wird, so deshalb, weil diese 
Thematik einen Aspekt in den Mittel¬ 
punkt der Betrachtung rückt, der bei der 
Analyse des Anarchismus zumeist zu 
kurz kommt. In der vorliegenden Lite¬ 
ratur werden vor allem zwei Elemente 
hervor gehoben, die als Erklärungs¬ 
faktoren für den Rückgang der Revo¬ 
lution und den Positionsverlust des 
Anarchismus in den Jahren 1937 und 
1938 angeführt werden: zum einen der 
Vormarsch der franquistischen Trup¬ 
pen, die alle revolutionären Errungen¬ 
schaften in der republikanischen Zone 
zunichte machte; zum anderen die 
Haltung der Volksfrontregierung, ins¬ 
besondere der Kommunistischen Partei, 
die sich ebenfalls gegen die soziale 
Revolution in der republikanischen 
Zone wandte und durch dieses Verhalten 
zu einem Versanden der Revolution 
beitrug. So richtig diese beiden Faktoren 
sind, so unvollständig sind sie zugleich 
bei dem Versuch, den Niedergang der 
Revolution in all seinen Aspekten zu 
erklären. Hierzu bedarf es eines dritten 
Aspektes, der im Mittelpunkt der 
folgenden Überlegungen stehen soll: 
die Frage nach den inneren Wider¬ 
sprüchen der anarchistischen Bewe¬ 
gung und die Auswirkungen dieser 
Widersprüche auf S trategie und Taktik 
des Anarchismus im Bürgerkrieg. 

Dabei sei einleitend deutlich das er¬ 
kenntnisleitende Interesse des folgenden 

Beitrages formuliert: Es geht nicht da¬ 
rum, in polemischer Absicht die Wider¬ 
sprüche zwischen Theorie und Praxis 
im spanischen Anarchismus aufzuzei¬ 
gen, den Mythos des angeblich “guten” 
Anarchismus zu zerstören, der den 
“bösen” Kräften aus dem eigenen und 
gegnerischen Lager deswegen erlegen 
ist, weil er sich primär dem revolu¬ 
tionären Aufbau einer neuen Gesell¬ 
schaft widmete und dabei in naiver 
Verkennung der realpolitischen Situa¬ 
tion die Entwicklung von Abwehrposi¬ 
tionen und Offensivstrategien vernach¬ 
lässigte. Der Beitrag verfolgt eine viel 
bescheidenere Absicht: Durch Beto¬ 
nung eines bisher eher vernachlässigten 
Aspektes sollen den zumeist heraus¬ 
gestellten “exogenen” Gründen für den 
Niedergang der Revolution nunmehr 
“endogene”, in der anarchistischen 
Bewegung selbst liegende Gründe 


hinzugefügt werden. Erst dadu r ch wird 
ein historisch-kritischer Zugang zum 
Gesamtphänomen der “Sozialen Revo¬ 
lution” im Spanischen Bürgerkrieg 
möglich; nureine vorurteilslose Analyse 
aller Positionen, auch und gerade der 
anarchistischen, verhindert die Ent¬ 
stehung unhistorischer Legenden 2 , an 
denen Anarchisten selbst am wenigsten 
interessiert sein dürften. 

Bis zum Bürgerkrieg von 1936-1939 
war in Spanien der Anarchosyndi¬ 
kalismus die wahrscheinlich größte 
Organisation der Arbeiterschaft. Die 
Massenbewegung verlor während des 
Krieges an Bedeutung, wurde nach dem 
franquistischen Sieg im Landesinneren 
nahezu völlig zerschlagen und erlebte 
kurz nach der Wiederzulassung der 
Gewerkschaftsfreiheit in Spanien 
(1977) nur eine kurze (Schein-)Blüte, 
bevor sie sich spaltete, in ideologische 
Grabenkämpfe verwickelte und sich 
selbst zur Einflußlosigkeit verurteilte. 
Bedeutsam für die Entwicklung der 
Organisation während des Franquismus 
und danach war vor allem das Verhalten 
der anarchosyndikalistischen Gewerk¬ 
schaft Confederaciön Nacional del 
Trabajo (CNT) im Krieg: ihr Eintritt in 
die Regional- und Zentralregierungen, 
ihre partielle Hintanstellung der ‘So¬ 
zialen Revolution’ zugunsten des mili¬ 
tärischen Sieges, ihr allmählicher Poli¬ 
tisierungsprozeß. Für viele Basismit¬ 
glieder hatten damit die “Verant¬ 
wortlichen” der Organisation ihre 
Glaubwürdigkeit verloren, die ideolo¬ 
gischen Gegner des Anarchosyndika¬ 
lismus sahen sich in ihren früher bereits 
vorgebrachten Kritiken an der Untaug¬ 
lichkeit der anarchosyndikalistischen 
“Lehre” als Orientierung für praktisches 
Handeln bestätigt. Innerhalb der liber¬ 
tären Bewegung selbst reaktivierten der 
Sündenfall des Regierungseintritts und 
die “reformistische” Zusammenarbeit 
mit anderen Gewerkschaften und Par¬ 
teien alte Flügelkämpfe, die wie ein 
roter Faden die Geschichte des spani¬ 
schen Anarchismus und Anarcho¬ 
syndikalismus durchziehen. 

Alle anarchistischen Autoren, die sich 
selbstkritisch mit ihrer Bewegung und 
deren Rolle in der neueren Geschichte 
Spaniens auseinandersetzen, weisen auf 
die mangelnde Übereinstimmung der 
Anarchisten in der Konzeption und 
Realisation des angestrebten Zustandes 
hin, den die Gewerkschaft CNT und die 
“rein” anarchistische Federaciön Anar- 


SF 2/96 [43] 





quista Iberica (FAI) übereinstimmend 
“libertärer Kommunismus” nannten. 
Inner-anarchistische Auseinander¬ 
setzungen und fehlender Konsens in 
ideologischen und praktischen Fragen 
lassen sich bis in die Anfänge der Be¬ 
wegung zurückverfolgen: Bereits auf 
dem ersten spanischen Arbeiterkongreß 
1870in Barcelona wurde das Programm 
der Juraföderation erst nach einer 
Kampfabstimmung angenommen, die 
bereits den zukünftigen Dissens zwi¬ 
schen ‘Reformisten* und revolutionären 
Aktivisten vorwegnahm. Die Ausein¬ 
andersetzungen zwischen den ver¬ 
schiedenen Flügeln ließen in den fol¬ 
genden Jahrzehnten nicht nach, sondern 
wurden eher verschärft und erreichten 
in den Jahren der II. Republik (1931- 
1936/39) einen Höhepunkt. 1931 
zerbrach die anarchosyndikalistische 
Gewerkschaft gar, und das Verhältnis 
zwischen der CNT und der FAI war 
niemals ungetrübt. Es bedürfte einer 
genaueren und ausführlicheren Analyse, 
um in jedem Einzelfall die Gründe der 
Divergenzen herauszuarbeiten; allge¬ 
mein läßt sich jedoch so viel sagen, daß 
sie in engerem oder weiterem Sinne alle 
um die Frage von Strategie und Taktik 
drehten, um das Problem somit, ob der 
“Endzustand des ‘libertären Kommu¬ 
nismus’ allmählich und quasi-refor¬ 
mistisch oder unmittelbar, sozusagen 
als Willensakt des revolutionären Gei¬ 
stes zu erreichen sei. Auf dem Zaragoza¬ 
kongreß vom Mai 1936 kam es zwar 
zur Wiedervereinigung der abgespal¬ 
tenen “Oppositionsgewerkschaften”, 
ideologische Differenzen blieben im 
Schoß der libertären Bewegung jedoch 
weiterbestehen. 3 

Der Beginn des Bürgerkriges über¬ 
raschte den spanischen Anarchismus 
und Anarchosyndikalismus somit in 
einer Entwicklungsphase, in der (rein 
äußerlich) die Einheit der Bewegung 
hergestellt war, in der faktisch aber 
wichtige Fragen bezüglich der ange¬ 
strebten Revolution unentschieden 
waren; diese Ambivalenz sollte erheb¬ 
liche Rückwirkungen auf jene zugleich 
mit dem Bürgerkrieg einsetzende ‘So¬ 
ziale Revolution’ haben, deren Träger 
in den republikanisch gebliebenen 
Landesteilen vor allem die in der CNT 
gewerkschaftlich organisierten Arbeiter 
waren. In einigen Landesteilen wurde 
innerhalb weniger Wochen das beste¬ 
hende politische, soziale und Ökono¬ 
mische System weitgehend abgeschafft 

[44] SF 2/96 


und die traditionelle Form der Herr¬ 
schaft liquidiert. Die Regierungen in 
Madrid und Barcelona blieben zwar 
bestehen, die tatsächliche Machtaus¬ 
übung aber ging (vorübergehend) an 
neue soziale Gruppen und Institutionen 
über. 

Als sich nach der Niederschlagung 
des Militärputsches am 19. Juli 1936 
die Soziale Revolution’ unkoordiniert 
und unkontrolliert wie ein Lauffeuer 
über weite Teile des republikanischen 
Territoriums ausbreitete, stellte sich für 
Träger dieser Revolution nicht nur 
die Frage der wirtschaftlichen Neu¬ 
strukturierung auf kollektivistischer 
Grundlage; zugleich galt es, das poli¬ 
tische Verhältnis des organisierten 
Anarchismus zum bisher radikal abge¬ 
lehnten Staat neu zu bestimmen. Der 
Militäraufstand hatte den Staat in seinen 
Grundfesten erschüttert; die Institutio¬ 
nen, in denen die Anarchisten den 
Unterdrückungsapparat “Staat” sym¬ 
bolisiert sahen - Polizei, Heer, Ver¬ 
waltung, Regierung - bestanden nicht 
mehr, waren machtlos oder in Auflösung 
begriffen. In dieser kritischen Situation 
mußte die weitere Entwicklung davon 
abhängen, wie sich die realen Macht¬ 
träger,d.h.dieanarchosyndikalistischen 

Organisationen der Arbeiter, verhalten 
würden: Sollten sie den Staat vollends 
zerschlagen und — entsprechend ihrem 
Vorentwurf-durch horizontal und ver¬ 
tikal miteinander verbundene Produ¬ 
zentenvereinigungen und Selbstver¬ 
waltungsorgane miteinander ersetzen? 
Den anarchistischen und anarchosyn- 
dikalistischen Komitees war sofort klar, 
daß sich in der historischen Situation 
des fehlgeschlagenen Militäraufstandes 
die erste (und wohl einmalige) Chance 
bot, den seit Jahrzehnten programma¬ 
tisch verkündeten “freiheitlichen Kom¬ 
munismus” zu realisieren. 

Diesen Vorentwurf in den Wirren der 
ersten Kriegs- und Revolutionstage zu 
realisieren, konnte nicht schwierig er¬ 
scheinen. Alle zeitgenössischen Beo¬ 
bachter summen darin überein, daß am 
19. Juli 1936 der republikanische S taat 
praktisch zusammengebrochen war und 
die Macht auf der Straße lag. Die 
Bedingungen zur Durchsetzung des 
freiheitlichen Kommunismus schienen 
ideal. 

Betrachtet man demgegenüber die 
soziopolitischc Konstellation ein Jahr 
nach Kriegsbeginn, so fällt die augen¬ 
scheinliche Umkehrung der Ausgangs¬ 


situation ins Auge. Die vor allem im 
Osten des Landes (Katalonien, Arago- 
nien, Levante) nahezu allmächtige und 
auch in anderen Landesteileh cin- 
flußreicheCNT war Mitte 1937politisch 
ausgeschaltet, sozial und wirtschaftlich 
marginalisiert, innerlich zerstritten, 
nach außen geschwächt. Die zuvor fast 
einflußlosen Kommunisten waren zur 
bedeutendste Partei im republikani¬ 
schen Herrschaftsgebiet geworden und 
konnten in der Volksfrontregierung 
schon seit längerem ihren Willen 
durchsetzen. Vor allem aber: Das 
zusammengebrochene Staatswesen 
hatte sich erstaunlich schnell wieder 
aufgerichtet, Regierungschef Juan 
Negrin hielt als “starker Mann” der 
Republik die Zügel straff in der Hand, 
die Revolution war auf allen Gebieten 
zurückgedrängt, z.T. gewaltsam liqui¬ 
diert worden. 

Aus der Gegenüberstellung der 
Machtrelationen im Sommer 1936bzw. 
1937 und der auffälligen Veränderung, 
die das Verhältnis von Staat und Revo¬ 
lution im Vergleichszeitraum erfuhr, 
ergibt sich die Frage nach den Gründen 
für diesen Wandel sowie nach den 
Stationen, die in diesem Prozeß des 
Niedergangs der Revolution und der 
Restauration des Staates durchlaufen 
worden sind. 

Als die Anarchisten nach der Niixier- 
schlagung rebellierender Truppenteile 
m eini S en Gegenden Spaniens im Juli 
1936 sehr schnell erkannten, daß die 
vollständige Realisierung ihres Gesell- 
schaftsprogmmmseineranarchistischen 
Diktatur gleichkommen würde, ent¬ 
schlossen sie sich, unter Mißachtung 
ihrer Ideologie und jahrzehntelangen 
antistaatlichen Praxis, zur Zusammen¬ 
arbeit mit Regierung und Staat. Ent¬ 
scheidend für die Fortentwicklung der 
anarchistischen Revolution war dabei 
die Frage sowohl nach der Organisation 
dieser Zusammenarbeit als auch nach 
den Veränderungen, denen die Macht 
der Anarchisten im Kriegs- und Revo¬ 
lutionsverlauf unterzogen sein würde - 
eine Frage, die mutatis mutandis auch 
für die Russische Revolution gestellt 
worden ist. 4 

Der Anarchist Juan Garicia Oliver, 
der später Justizministerr der Republik 
wurde, hat in einem Rückblick! die 
Entscheidungssituation von CNT iund 
FAI deutlich werden lassen. Für ihn 
standen zur Alternative: “Entweder 
freihei tlicher Kom munismus, was einer 






Mojeres Libres (Freie Frauen) 

Anarchistischen Diktatur gleichkam, wandel von absoluter Ablehnung des 
oder Demokratie, was Zusammenarbeit Staates über dessen (durch die Aus¬ 
bedeutete” 5 Die katalanischen CNT- nahmesituation des Krieges bedingten) 

Bezirkskomitees beschlossen, mit den Hinnahme bis zu seiner Stärkung und 

übrigen ‘antifaschistischen’ Kräften in Verteidigung verlief in deutlich unter- 

einem gemeinsamen Gremium, dem scheidbaren Stufen: Das katalanische 

Zentralkomitee der Antifaschistischen Zentralkomitee der Antifaschistischen 

Milizen, zusammenzuarbeiten. Damit Milizen konstituierte sich zwar als 

gewann - wenige Wochen nach dem ‘revolutionäres Machtorgan, arbeitete 

radikalen” Zaragozakongreß der CNT, de facto aber - was sich schon aus seiner 

auf dem die anarchistisch-orthodoxe personellen Zusammensetzung ergab- 

Linie der FAI sich voll durchgesetzt von Anfang an mit der Regierung zu¬ 
hatte - jener “revisionistische” Flügel sammen. Sehr schnell erkannten die 

des organisierten Anarchismus die Anarchisten auch, daß ihr eigentliches 

Oberhand, der schon seit längerem da- Anliegen, nämlich das beschleunigte 

rauf hingewiesen hatte, daß der Über- Vorantreiben der Sozialen Revolution, 

gang vom Kapitalismus zum herr- zum großen Teil eine Macht-Frage war, 

schaftsfreien Kommunismus nicht vor- daß also die Ablehnung jeglicher 

bchaltlos vollzogen werden könne. Mit Herrschaftsausübung von ihren ideo- 

einem Schlag wurde den katalanischen logischen Gegnern im republikanischen 

Anarchisten deutlich, daß sie keine Lager gegen sie verwendet werden 

Strategie als Handlungsanleitung für konnte (und wurde). In einem zweiten 

die Phase des Übergangs von einer Schritt forderten sie daher die Ein- 

Gesellschaftsordnung in die andere setzung eines “Nationalen Verteidi- 

ent wickelt hatten. gungsrates” 6 , der an die Stelle der Re- 

Ihre Entscheidung, mit der Regierung gierung treten sollte. In diesem Organ 

und den politischen Parteien zusann- (das nichts anderes als eine Regierung 
uicnzuarbciten, war der Anfang einer mit anderer Bezeichnung gewesen wäre) 

ideologischen Entwicklung, die nicht sollte die CNT mit der UGT und den 
n ur zur Akzeptierung des Staatsap- Republikanern unter Vorsitz des UGT- 
parates und der Regierung, sondern Führers Francisco Largo Caballero 
konsequenterweise auch zur Teilhabe verantwortliche Posten übernehmen, 
an der Macht führte. Der Gesinnungs- Als dieser-Plan einer Gewerkschafts- 


Organ der 

anarchosyndikalistischen 
Jugend F.I.J.L. 



h orave situBciön de los frentes eisige un Gobierno 
I * de (odas las Oroanizaciones polificas y sindicales 


regierung am Widerstand aller poli¬ 
tischen Lager sowie des liberalen 
Staatspräsidenten Manuel Azana 
scheiterte, waren die Anarchisten (be¬ 
zeichnenderweise zuerst in Katalonien) 
bereit, Regierungsverantwortung zu 
übernehmen. Sie setzten zwar durch, 
daß die Regionalregierung Generalität 
in Zukunft die revolutionäre Bezeich¬ 
nung “Rat” (Consejö) erhielt, änderten 
jedoch nichts am exekutiven Charakter 
dieser Institution. Mit ihrer Regie¬ 
rungsbeteiligung hatten die Anarchisten 
nicht nur verbal, sondern auch faktisch 
eines ihrer Prinzipien durchbrochen. Es 
lag in der Konsequenz dieser Entwick¬ 
lung, daß sie - als letzte Phase in dem 
einmal begonnenen Anpassungsprozeß 
- weitere sechs Wochen später der 
Zentralregierung in Madrid beitraten. 

Der Politisierungsprozeß des organi¬ 
sierten Anarchismus Spaniens hat hef- 



Anarchistisches Theoriemagazin 

tige Diskussionen im eigenen Lager, 
auf der Ebene des internationalen 
Anarchismus, bei den Gegnern der 
Anarchisten auf republikanischer und 
nationalistischer Seite und schließlich 
unter den Historikern jeglicher Couleur 
hervorgerufen 7 . Die Stellungnahmen 
reichen von überzeugter Zustimmung 
über sämtliche Schattierungen an Recht¬ 
fertigungen, Zweifeln, Einwendungen 
bis hin zu radikaler Ablehnung. Die 
Verunsicherung im anarchistischen 
Lager war nicht zu übersehen - ebenso- 


SF 2/96 [45] 








JiiäluJililiiLili 1 1 ili illi — - - III iJLulilil _iAS^j^^iiii_li_iiiJLfattla^jjjj!i!i&ljLIJJLi_llii l iMJjfijUjjil jtljiUE 




Organ der Katalanischen CNT 


wenig wie das Hohngelächter der anar¬ 
chistischen Gegner zu überhören war, 
' die im Regierungseintritt von CNT und 

FAI nicht eine ausnahmebedingte 
Taktik, sondern das faktische Einge¬ 
ständnis der Niederlage der antistaat- 
i liehen und antipolitischen Einstellung 

sahen. 

■ Als die CNT/FAI-Minister die Re¬ 

gierung verlassen hatten, legten sie 


Organ der CNT Valencias 





öffentlich Rechenschaft über ihre Tä¬ 
tigkeit ab. Der Bericht Federcia Mont- 
senys 8 zeigt exemplarisch die Zweifel, 
Gewissensbisse und inneren Wider¬ 
sprüche auf, die die Teilnahme an der 
Macht für den Anarchismus mit sich 
brachte. Er macht zugleich deutlich, 
daß den Anarchisten infolge ihrer 
früheren radikalen Ablehnung der 

bestehenden (Staats-)Ordnung jegliche 
Kenntnis der Regierungsgeschäfte und 
der Staatsverwaltung fehlte; diese 
politische Unkenntnis wurde von Repu¬ 
blikanern und Kommunisten im Mai 
1937 dazu verwendet, die Anarchisten 
wieder aus der Regierung auszuboten. 
Als die CNT/FAI im September bzw. 
November 1936Regierungsverantwor- 
tung übernahmen, befand sich die 
Soziale Revolution auf dem Höhepunkt. 
Es lag daher im Interesse aller 
republikanischen (nicht-anarchisti¬ 
schen) Organisationen, durch Integra¬ 
tion des Anarchismus in das bestehende 
Staatsgefüge und Übertragung von 
Verantwortung eine gemäßigtere Hal¬ 
tung der Führungsgremien und damit 
eine Eindämmung der Radikalität an 
der Basis zu erzielen. Diese Rechnung 
ist letzten Endes auch aufgegangen. Die 
anarchistischen Minister trugen selbst 
zur “Legalisierung” der revolutionären 
Errungenschaften bei; dies bedeutete in 
den meisten Fällen jedoch Kontrolle, 
Kompetenzeingrenzung der Basisor¬ 
gane, Mitspracherecht des Staates, 
Zurückdrängung der Revolution. 

Ein Beispiel hierfür ist die Ersetzung 
der in den ersten Kriegstagen spontan 
entstandenen Komitees, in denen zu¬ 
meist die gewerkschaftlich organisier¬ 
ten Arbeiter tonangebend waren, durch 
Gemeinderäte, deren Mitglieder jedoch 
nicht gewählt, sondern von den politi¬ 
schen und gewerkschaftlichen Organi¬ 
sationen proportional zu ihrer jeweiligen 
Stärke am Ort delegiert wurden. Diese 
folgenreiche Umstrukturierung lokaler 
Leitungsorgane wurde in Katalonien 
bereits am 5.0ktober 1936, für das 
restliche republikanische Territorium 
am 4.Januar 1937 dekretiert. Obwohl 
dies für die Anarchisten in den meisten 
Fällen eine Machteinbuße darstellen 
mußte, akzeptierten sie die Regie¬ 
rungsmaßnahmen; sie wiesen lediglich 
in einem Rundschreiben 9 ihre Lokal- 
Organisationen an, auf die proportionale 
Verteilung der Posten in den neuen 
Gremien zu achten. Die Anarchisten 


hatten vom Kabinett aus miterlebt, wie 
die Ortskomitees als nahezu autonome 
Lokal-”Regierungen” ihre eigene Poli¬ 
tik betrieben, Regierungserlässe mi߬ 
achteten und auf örtlicher Ebene zahl¬ 
reiche staatliche Funktionen usurpier¬ 
ten. Schließlich stimmten die GNT- 
Minister der vor allem von kommuni¬ 
stischer und republikanischer Seile 
geforderten Auflösung der Lokalkomi- 
tees zu. Die anarchistische “Basis” 
wiederum konnte sich nur ungleich 
schwieriger als früher dem Erlaß einer 
Regierung widersetzen, in der ihre ei¬ 
genen Vertreter saßen. Die diszipli¬ 
nierende Wirkung der anarchistischen 
Regierungsbeteiligung ist offensicht¬ 
lich. Sie läßt sich ebenso deutlich an 
einem weiteren Beispiel ablesen: 

Als es Anfang Mai 1937 in Barcelona 
zu schweren bewaffneten Auseinan¬ 
dersetzungen zwischen Kommunisten 
und Anarchisten kam, fuhren die CNT- 
Minister nach Barcelona, wirkten 
mäßigend auf ihre dortigen Genossen 
ein und trugen dadurch zur Beilegung 
desKonfliktesbei 10 . Nachträglich haben 
sich Anarchisten vorgeworfen, versöh¬ 
nend in den Straßenkampfeingegriffen 
zu haben 11 , da ausschließlich Kom¬ 
munisten und Republikaner Nutzen aus 
diesem Eingriff gezogen hätten. In 
unmittelbarem Zusammenhang damit 
standen auch Krise und Fall der Re¬ 
gierung Largo Caballero und das Aus¬ 
scheiden der Anarchisten aus dem 
Kabinett. Inzwischen aber konnte das 
anarchistische Abseitsstehen vom poli¬ 
tischen Geschehen relativ gefahrlos 
verwunden werden: Die Machtrelatio¬ 
nen hatten sich im Frühsommer 1937 
gegenüber Herbst 1936 grundsätzlich 
geändert. Durch die Intemationalisie- 
rung und Verlängerung des Krieges, 
hatten die Kommunisten, dank ihrer 
Verbindung zum Waffenlieferanten 
Moskau, derart an Einfluß und Macht 
gewonnen, daß sie von einem gelegent¬ 
lichen Aufbäumen der (ideologisch 
verunsicherten) Anarchisten nichts 
mehr zu befürchten hatten. 

In historischer Perspektive führte der 
Regierungseintritt von CNT und FAI 
somit nicht nur zu einer Identitätskrisc 
der libertären Bewegung, sondern trug 
zugleich direkt zur Domestizierung der 
Revolution und indirekt zur Machter¬ 
weiterung der Kommunisten bei. Nach 
seinem Ausscheiden aus dem republi¬ 
kanischen Industrieministerium gestand 









Joan Peirö öffentlich ein: "Wir sind so 
ehrlich gewesen t daß wir uns wie 
aüs gesprochene Naivlinge benommen 
haben . ” 12 Diese Einsicht führte bei den 
Anarchisten jedoch nicht zur Rückbe- 
Sl nnungaufihrerevolutionäreTradition 
üzr direkten Aktion, des Antipoli- 
üzismus und der Staatsveraeinung - 
auc h dann nicht, als die Angriffe auf die 
Evolutionären Errungenschaften, wie 
c hva i n Aragonien, immer massiver 
Wurden. Das Millionenpotential von 
CNT/FAI blieb im innerrepublikani¬ 
schen Machtkampf ungenutzt. Die 
a narchosyndikalistische Gewerkschaft 
begnügte sich mit verbalen Protesten 
Ur *d der Drohung, ihre Mitglieder aus 
a ben Komitees zurückzuziehen, wenn 
die antifaschistischen Organisationen 
nichtunverzüglich an die “Ausarbeitung 
e ines gemeinsamen Programms” 13 
Singen. Zu diesem Zeitpunkt (Herbst 
1937) wurden allerdings derartige 
öroh ungen n icht mehr ernst genommen, 
davon ihnen nichts Ernstes zu befürch¬ 
ten war. Der spanische Anarchismus 
batte den Höhepunkt seiner Macht 
überschritten. 

Neben das katalanische Zentralko¬ 
mitee und die Unzahl revolutionärer 
Komitees auf lokaler Ebene trat in 
Aragonien ein drittes Organ, das sich 
einerseits als Revolutionsinstrument, 
andererseits als Keimzelle eines neuen 
Staatsaufbaus verstand: der “Regionale 
Verteidigungsrat”, der Consejo Regio- 
n al de Defensa de Aragon 14 . Als dieCNT 
Ende September 1936 auf einer Ver¬ 
sammlung der Stadt- und Dorfkomitees 
im aragonesischen Bujaraloz die Ein¬ 
setzung dieses regionalen Zentralorgans 
beschloß, in dem ausschließlich Anar¬ 
chosyndikalisten vertreten waren, ver¬ 
folgte sie damit (nach eigenen Angaben) 
die Absicht, die Willkür katalanischer 
^ilizkolonnen zu beenden, die in Ara¬ 
gonien “wie in erobertem Gebiet” hau¬ 
sten, die wirtschaftliche Zusammenar¬ 
beit auf überlokaler Ebene zu effek¬ 
tivieren und die militärischen Aktionen, 
vor allem zur Rückeroberung der Haupt¬ 
stadt Zaragoza, zu koordinieren. 

Oie Bildung einer de-facto-Regio- 
nalregierung der Anarchisten entsprach 
deren Tradition isoliert-unkoordinierten 
Vorgehens: Die aragonesische CNT- 
Rcgionalföderation hatte ihre Absicht 
weder mit der benachbarten katalani¬ 
schen Regionalregierung, in der zu 
diesem Zeitpunkt bereits CNT-Vertreter 


saßen, noch mit dem CNT-National- 
komitee abgestimmt. Daß die Stalinisten 
des Partido Comunista de Espana (PCE) 
sich mit diesem fait accompli nicht 
abfinden würden, war abzusehen; vor¬ 
läufig mußten sie aber - wegen ihrer 
geringen Stärke in Aragonien - noch 
zurückhaltend taktieren. Anfang No¬ 
vember 1936 ersuchte der Regionalrat 
die Zentralregierung um seine Aner¬ 
kennung und betonte dabei seine “ab¬ 
solute Identifizierung mitder Regierung 
der Republik” 15 . Regierungschef Largo 
Caballero und Staatspräsident Azana 
zeigten sich der Idee einer Regional¬ 
regierung gegenüber nicht abgeneigt, 
forderten aber die Einbeziehung aller 
Volksfront-Organisationen. Der neu¬ 
strukturierte Verteidigungsrat, der am 
17. Dezember 1936 gegen den Willen 
der Kommunisten offiziell anerkannt 
wurde, hatte Vertreter der Izquierda 
Republicana, der UGT, des PCE und 
des Partido Sindicalistaaufgenommen; 
die CNT hatte nach wie vor die Schlüs¬ 
selstellungen inne 16 . In den Monaten 
nach seiner Legalisierung nahm der 
Consejo de defensa unter der Leitung 
von Joaquin Ascaso den Wiederaufbau 
der nahezu zusammengebrochenen 
aragonesischen Wirtschaft in Angriff: 
Er organisierte Agrarkollektivwirt¬ 
schaften, dehnteden Handel ins Ausland 
aus, erwarb Landwirtschaftsmaschinen 
und besorgte im Februar 1937 die Zu¬ 
sammenfassung aller agrarischen Kol¬ 
lektivwirtschaften zu einer Regional¬ 
organisation. 

Die Einsetzung des aragonesischen 
Verteidigungsrates stellte einen ekla- 
tantenBruch mitderbisherigen Theorie 
und Vorkriegspraxis des spanischen 
Anarchismus dar. Der Rat übernahm 
sämtliche Funktionen einer Regional¬ 
regierung; im Gegensatz zur katalani¬ 
schen Generalität aber, die ihre Legi¬ 
timation aus den Volksfrontwahlen vom 
Februar 1936 bezog, konnte der Ara- 
gonienrat nur auf eine Absprache in¬ 
nerhalb der Partei- und Gewerkschafts¬ 
apparate und seine Sanktionierung 
durch die Zentralregierung verweisen; 
eine demokratische Legitimation fehlte 
ihm. Als nach dem republikanischen 
Regierungswechsel im Mai 1937 der 
Einfluß der Linkskräfte deutlich im 
Sinken begriffen war, setzte gleichzeitig 
eine geschickte, hauptsächlich von den 
Kommunisten geschürte, von Rechts¬ 
sozialisten des Partido SocialistaObrero 


Espanol (PS OE) und Republikanern 
mitgetragene Kampagne gegen den von 
der CNT majorisierten Verteidigungsrat 
ein. Am II.August 1937 gab der offi¬ 
zielle S taatsanzeiger die Auflösung des 
Consejo bekannt; in den folgenden 
Tagen wurden von kommunistischen 
Truppen unter Enrique Lister viele 
Kollektivwirtschaften zerstört und 
CNT-Mitglieder aus den Gemeinde¬ 
räten ausgeschlossen 17 . 

Mit der gewaltsamen Auflösung des 
Verteidigungsrates erreichte der “Re- 
staurations”-Prozeß der zentralen 
Staatsgewalt seinen Höhepunkt; aus¬ 



Organ der FAI 


serdem konnten die Kommunisten und 
ihre Volksfront-Verbündeten in ihrer 
Auseinandersetzung mit den Anarchis¬ 
ten einen deutlichen Sieg verbuchen. 
Ideologische Gegensätze treffen auf das 
Bestreben derRegierungnachZentrali¬ 
sation der Militär- und Staatsgewalt 
und gehören zu den wichtigsten Be¬ 
dingungsfaktoren für die Auflösung des 
Rates. Die Verschärfung der Kriegs¬ 
führung und die Hinauszögerung des 
Kriegsendes akzentuierten die aus der 
spezifischen Konstellation der Klas¬ 
senkräfte resultierenden inneren Schwä¬ 
chen der revolutionären Bewegung und 
trugen zu ihrem Niedergang bei. 


SF 2/96 [47] 








Die Geschichte des revolutionären 
Syndikalismus im weiteren Kriegsver¬ 
lauf war sowohl im machtpolitischen 
wie im ideologischen Bereich weitge¬ 
hend ein Rückzugsgefecht, Auf wirt¬ 
schaftlichem Sektor wurden die Anar¬ 
chisten marginalisiert, auf politischem 
zum größten Teil ausgeschaltet; revo¬ 
lutionäre Errungenschaften (etwa kol¬ 
lektivierte Betriebe) blieben zwar bis 
Kriegsende bestehen, unterlagen aber 
staatlicher Kontrolle. Bedeutsam ange¬ 
sichts dieses effektiven Machtverlustes 
ist die Reaktion der CNT: Sie mobili¬ 
sierte nicht etwa ihre Massengefolg¬ 
schaft, besann sich nicht auf bisher pro¬ 
klamierte Mittel und Ziele, sondern 
flüchtete in einen verbalen Eskapismus, 
der deutlich werden läßt, daß sie 
schließlich nur noch eine Position der 
Selbstrechtfertigung zu verteidigen 
suchte. 

Daß die vom Krieg allen Organi¬ 
sationen des republikanischen Spanien 
aufgenötigte Zentralisierung, Bürokra¬ 
tisierung und Hierarchisierungauch vor 
dem organisierten Anarchismus nicht 
haltzumachen brauchte, war auf den 
Politisierungsprozeß zurückzuführen, 
der in CNT und FAI bereits in den 
ersten Tagen nach dem 19. Juli 1936 
eingesetzt hatte und im Juli 1937 zur 
Preisgabe wesentlicher Grundpositio¬ 
nen des klassischen spanischen Anar¬ 
chismus führte 18 . Die damals in Valencia 
von der FAI verabschiedete Resolution 
lehnte, obwohl ein Verzicht auf das 
angestrebte Endziel des herrschafts¬ 
freien Kommunismus explizit zurück¬ 
gewiesen wurde, den Staat nicht mehr 
schlechthin ab; die Anarchisten be¬ 
zeichnten sich nurmehr als “Feinde 
der Diktatoren” und der “totalitären 
Regierungsform”, forderten ihre Mit¬ 
glieder jedoch zur Mitarbeit in beste¬ 
henden Staatsinstitutionen auf. “Entge¬ 
gen unserer ablehnenden Haltung in 
der Vergangenheit ist es Pflicht aller 
Anarchisten, in all jenen öffentlichen 
Institutionen mitzuwirken, die dazu 
beitragen können, die neuen Verhält¬ 
nisse zu befesügen und voranzutrei¬ 
ben.” 19 

Allerdings fanden sich nicht alle 
Anarchisten mit dieser Haltung ab. So 
fanden etwa die (in der libertären 
Bewegung schon “traditionellen”) 
ideologischen Auseinandersetzungen 
über das “Wesen” des “wahren” Anar¬ 
chismus ihre Fortsetzung in dem Prin¬ 


zipienstreit zwischen den anarchisti¬ 
schen Gremien und der Jugendorga- 
nisation JuventudesLibertarias. In einer 
wahrscheinlich Ende 1937 erschienenen 
Broschüre 20 warfen die drei Anarchisten 
Santana Calero, Severino Campos und 
Jose Peirats den “kleinen Chefs” ihrer 
Organisation Verrat an den “ideolo¬ 
gischen Prinzipien des Anarchismus” 
von Die Autoren wandtensichdagegen, 
daß unter dem Vorwand: ‘Die Umstände 
erfordern es der Anarchismus in seinen 
Grundprinzipien verletzt wurde. Sie 
selbst verstanden sich als Sprachrohr 
der überlegten Opposition des bewu߬ 
ten Teils der libertären Bewegung”; 
ihre Kritik richtete sich sowohl gegen 

die “ideologische Desorientiertheit” und 
die“Anarcholeninisten”aIs auch gegen 
den “Autoritarismus”, der im anarchi¬ 
stischen Lager keine abweichende Mei¬ 
nung mehr zulasse. Die anarchistische 
Jugendorganisation konnte allerdings 
mit dieser Stellungnahme - die sich 
etwa mit der Position der Amigos de 
Durruti vergleichen ließe 21 - keine 
Revision der anarchosyndikalistischen 
Posiüon mehr erreichen. Diese hatte 
durch den katalanischen Entschluß vom 
20 . Juli 1936 zur Zusammenarbeit mit 
den anderen republikanischen Kräften 
ihre entscheidende Weichenstellung 
erfahren. As sich die Linkskräfte damals 
zum Verzicht auf die radikale Durch¬ 
führung ihres revolutionären Pro¬ 
gramms entschlossen, ermöglichten sie 
nicht nur ihre allmähliche Integration 
in das Staatswesen, sondern leiteten 
außerdem einen Prozeß ein, der seine 
inhaltliche Bestimmung in Zentrali¬ 
sierung, Bürokratisierung, Hierarchi- 
sierung und Politisierung der anarchi¬ 
stischen Organisationen fand. 

Dieser Prozeß lief parallel zu einer 
zunehmenden Distanzierung zwischen 

anarchisüscherGewerkschafts-”Basis” 
und CNT/FAI-”Führungsgremien”; 
diese Distanzierung wird in der neueren 
Forschung als ein wichtiger Grund für 
den Einflußverlust des Anarchismus 
gegenüber den restauraüven Kräften 
hervorgehoben. Noch während des 
Krieges, im Jahre 1938, schrieb Diego 
Abad de Santillän selbstkritisch (auf 
seine Organisation und sich selbst 
bezogen): “In allen Revoluüonen ver¬ 
suchen die fortschrittlichen Minder¬ 
heiten, so weit wie möglich auf dem 
Gebiet der Realisierung, der Zerstörung 
des alten Regimes und des Aufbaus 


neuer Lebensformen voranzuschreiten. 
In der spanischen Revolution haben 
diese Minderheiten nicht sozialen Fort- 
, sondern Rückschritt ermöglicht (...) 
In Spanien gab es eine breite Masse, die 
die Revolution wollte, und es gab 
sogenannte Führungsminderheiten, 
unter denen sich auch die unsrige be¬ 
fand, die zum Erreichen dieses Zieles 
nicht nurnichtangesport und aufgerufen 
und es somitermöglicht haben, sondern 
die diesem Bestreben außerdem mit 
allen Mitteln die Flügel stutzten.” 22 

Unterdem Schlagwort der nationalen 
Verteidigung und des nationalrevolu¬ 
tionären Krieges gegen den internatio¬ 
nalen Faschismus wurde dem Anar¬ 
chismus im Spanischen Bürgerkrieg 
sehr schnell ein politischer Burgfriede 
aufgenötigt, dessen Konsequenzen für 
den Fortgang der Revolution er aus 
politischer Naivitätzuerst verkannte und 
schließlich nicht verhindern konnte. Das 
Prinzip der von den Volksfrontparteien 
verfochtenen Legalität konnte I sich 
allmählich gegen das radikaldemokra- 
ti sch in terpretierte Prinzip der legi ti m en 
Volkssouveränität durchsetzen.; Ihre 
Forderung nach politischer und mili¬ 
tärischer Entscheidungszentralisierung, 
Wiederabschaffung der revolutionären 
Machtorgane und Kompetenzerweite¬ 
rung staaüicher Instanzen konnten die 
Volksfrontparteien mit dem einleuch¬ 
tenden Argumentbegründen,diencuen 
Elemente der Wirtschaftsstruktur und 
des politischen Systems funktional und 
effizient aufeinander abstimmen zu 
wollen; zu lange übersahen die sozial- 
revolutionären Kräfte “den unaufheb¬ 
baren Zusammenhang der ökonomi¬ 
schen mit der politischen Aktion in 
jeder, vor allem aber in der revolu¬ 
tionären Phase des proletarischen Klas¬ 
senkampfes” 23 . Im sozialpolitischen 
Kontext des Spanischen Bürgerkrieges, 
in dem der Staat immer mehr in den 
sozialen und ökonomischen Bereich 
eingriff, vernachlässigten die Revolu¬ 
tionäre, allen voran die Anarchisten, in 
den machtpolitisch weichenstellenden 
Monaten den staatlichen Bereich, was 
nicht nur zu ihrer baldigen Ausbootung 
aus allen Schaltstellen der republi¬ 
kanischen Politik, sondern außerdem 
zur rapiden Restauration des Staats¬ 
apparates und letztlich zum Niedergang 
der Revolution führte. Sie versäumten 
es, den spontanen Massenaufbruch vom 
Juli 1936 in Organisationsformen 


[48] SF 2/96 











hinüber^uführen, die die Erhaltung der 
Evolutionären Errungenschaften ge¬ 
sichert und ein Weiterführen der Revo¬ 
lution ermöglicht hätten. 

Statt dessen leisteten die Anarchisten 
durch ihren (inzwischen heftig von ih- 
nen selbst kritisierten) colaboracio- 
uismo und den Regierungseintritt, durch 
den sie des “Nimbus der totalen Alter¬ 
native’^ verlustig gingen,, der Ent¬ 
wicklung zum starken Staat Vorschub. 
Wesentliche Stationen dieser Entwick¬ 
lung waren die Zusammenarbeit zwi¬ 
schen Revolutionären und Vertretern 
der alten Ordnung in “halbstaatlichen” 
^ganen (z.B. dem katalanischen Miliz¬ 
komitee), die Regierungsbeteiligung der 
Anarchisten, Linkssozialisten und 
untistaatlichen Marxisten, der Aufbau 
der neuen Volksarmee im traditionell- 
ndlitärischen Stil, die Schaffung eines 
straffen Polizeiapparates unter Regie¬ 
rungskontrolle, die Ablösung der 
lokalen Revolutionskomitees durch 
von oben” eingesetzte Verwaltungs- 
0r gane und die allmähliche, z.T. auch 
gewaltsame Auflösung aller in den 
Wirren der Revolutionsmonate ent¬ 
standenen Institutionen (z.B. des Con- 
sejo de Aragon). Daß dieser Entwick¬ 
lung zum “starken” Staat relativ wenige 
Hindernisse in den Weg gelegt wurden, 
Ist vor allem darauf zurückzuführen, 
daß die breite Masse der revolutionären 
Anhängerschaft allmählich den im 
Namen der Staatsräson und unter Be¬ 
rücksichtigung der außenpolitischen 
Luge zusehends auch von ihren Vertre¬ 
tern vorgebrachten Argumenten der 
Mäßigung und Zurückhaltung erlag. 
Ohne eine klare Führung verlief der 
revolutionäre Impetus, dessen Träger 
ideologisch stark verunsichert waren, 
lnri Sande. In dem Maße, in dem die 
Spontaneität der Massen kanalisiert und 
kontrolliert wurde, nahm die Revolution 
v on ihren ursprünglichen Zielen und 
theoretischen Entwürfen Abstand; sie 
e ugte ihren eigenen Aktionsraum ein 
und erweiterte damit das Wirkungsfeld 
des schließlich in nahezu alle gesell¬ 
schaftlichen Bereiche vordringenden 
Staates. Damit hatte sich gegen Ende 
des Krieges das Verhältnis Gesellschaft 
“ Staat im Vergleich zu Juli 1936 nahezu 
v ollständig zugunsten des Staates ver¬ 
kehrt. 




■jqidJlLjlliJu.il . . I . lll 11 llil il I AÜflSijS 1 1 IlijjjJtlilillliLiliiiiliilLllUlll li El J 



In der Ausgabe der graswurzelrevolu- 
tion (Nr.206) ist Andrea Maihofers B uch 
“Geschlecht als Existenzweise” vorge¬ 
stellt worden. Damit hat die “sex/gen- 
der”-Diskussion nach der “interim” nun 
auch die GWR erreicht. Es gibt inzwi¬ 
schen einen Berg von Papieren, die sich 
genauso radikal wie akademisch mit 
dem “dekonstruktiven Feminismus” 
auseinandersetzen. Diese Artikel sind 
nicht nur deshalb schwer verständlich, 
weil sie das Selbst-Verständliche, daß 
wir entweder Frauen oder Männer sind, 
angreifen, sondern vor allem wegen 
dem Soziologinnendeutsch, welches 
allenfalls noch zum passiven Wort¬ 
schatz höherer Fachsemester im Uni- 
Ghetto gehört. 

Dennoch steht mit der Erkenntnis und 
den Konsequenzen der Konstruiertheit 
von Geschlecht ein Paradigmen wechsel 
im Anarchismus bevor. Unter Paradig¬ 
menwechsel verstehe ich, daß eine 
Theorie (z.B. der Anarchismus) neue 
Erklärungsmuster erhält, da die alten 
sich in der Praxis zunehmend als inef¬ 
fektiv oder falsch erwiesen haben. Ich 
denke, daß die anarchistische Szene in 
der BRD stagniert und nicht begeiste¬ 
rungsfähig ist. MeineErfahrung ist, daß 
anarchistische Zentren, Zeitungen, 
Gruppen, Zusammenhänge und Kon¬ 
gresse in der Praxis am patriarchalen 
Verhalten der Männer scheitern. In der 
Regel läuft dies so ab, daß zunächst ein 
Mann sich unerträglich sexistisch ver¬ 
hält, wogegen einige Frauen sich wehren 
- woraufhin die Männer aufgrund einer 
fehlenden profeministischen Struktur 
und mangelnder Auseinandersetzung 
mit dem Patriarchat kein angemessenes 
Verhalten hinkriegen, sondern sich 
wahlweise trotzig, hysterisch, gar nicht 


oder abgrenzend verhalten. Ich habe 
etliche Projekte so scheitern sehen und 
es werden sicherlich auch weiterhin 
anarchistischeProjekte in genau dieser 
Form scheitern. 


Monarchismus oder 
Freiheit stur? 

“Der Anarchismus stellt alles radikal 
infrage, auch sich selbst ”Zitataus Horst 
Stowassers “Leben ohne Chef und 
Staat , das Anarchafeministinnen ihm 
in einem offenen Brief vorhielten. 

Anarchismus heißt “gegen oder ohne 
Herrschaft”. Und Herrschaft ist für mich 
etwas anderes als Macht, Gewalt, Into¬ 
leranz oder Unfreiheit. Was genau unter 
Herrschaft zu verstehen ist, darüber 
streiten sich die anarchistischen Gei¬ 
sterinnen. Ich kenne jedoch in der anar¬ 
chistischen Szene niemandeN (außer 
Herrmann Cropp natürlich), der oder 
die abstreitet, daß das Patriarchat eine, 
wenn nicht sogar die, ursächliche Form 
von Herrschaft ist. Wer also von Anar¬ 
chismus spricht, kann übers Patriarchat 
nicht schweigen. 

Davon unbeeindruckt wühlen ältere 
anarchistische Theoretiker in den 
verstaubten Archiven des männlich¬ 


dominierten Anarchismus. In der 
Direkten Aktion 115 stellt “Thersites” 
kritisch zwei Musterexemplare männ¬ 
licher Anarchisterei vor: 

* Wolfram Beyer ist der Herausgeber 
von Anarchisten - Zur Aktualität 
anarchistischer Klassiker”^ wo acht 
männliche Autoren acht Anarchisten 
auf ihre Aktualität durchleuchten. Die¬ 
ses Buch ist mit Sicherheit interessant 
für Männerforschungssteilen, deren 
Blicke sich auf die Biographen und 
nicht auf die Klassiker selbst richten 
würden... 

* Zum anderen Buch, “Prinzip Frei¬ 
heit” von Ulrich Klemm, bemerkt 
Thersites kritisch “...Anscheinend 
spielen in der Gesellschaft Frauen 
ebensowenig eine Rolle wie die alle 

Teilbereiche des Buches tangierende 
Geschlechterfrage...” 

Ich kenne von Ulrich Klemm nur 
seinen Artikel in der AKAZ 7/95 “Prin¬ 
zip: Gemeinschaft & Föderation...”, an 
dem ich neben dem frauenfeindlichen 
Sprachstil zu bemängeln habe, daß alle 
28 Literaturangaben männlichen Ur¬ 
sprungs sind. Nimmtsich Ulrich Klemm 
die Freiheit, aus Prinzip keine Artikel 
von Frauen zu lesen? ! 

* Aber auch an Thersites, der (oder 
die?) nicht ganz so ignorant schreibt, 
habe ich Kritik. In der “Direkten Aktion 


[50] SF 2/96 


Foto: Jan Sandek 


J 


1 









114” verfassten R.R./Thersites den 
Engeren. Artikel “Perspektiven des 
Anarchismus”. Dort ist zu lesen “Frei¬ 
heit und Solidarität (= soziale Gerech¬ 
tigkeit) sind die Eckpfeiler der Anar- 
ehie”. Wir seien doktrinär geworden 
nnd neigten zu Intoleranz - aber “für die 
Wee der persönlichen Freiheit und so¬ 
zialen Gerechtigkeit ist (...) gegensei¬ 
tiges Tolerieren und Verständnis für 
tiie Motive und Handlungen meiner 
Genossinnen und Genossen die erste 
unumgängliche Voraussetzung.” Auch 
an archistische Männer und Frauen 
sieben in einem Herrschaftsverhältnis - 
Von gegenseitiger Toleranz zu sprechen 
w äre ungefähr so, als würde die Atom- 
^afia sagen: ihr toleriert mein AKW 
Un d ich toleriere Euer Windrad... 

Ich vermute, daß R.R. die Abkürzung 
lur Rudolf Rocker ist und Thersites den 
a lten Text lediglich umgeschrieben hat. 
^enn dies stimmt, verdeutlicht dieser 
Trick umsomehr die Antiquiertheit des 
derzeit herrschenden anarchistischen 
Diskurses: seit Jahrzehnten nichts da- 

zugelemt. 

* Die zwanziger Jahre wären für 

Freiheit pur ", dem neuen Wälzer von 
Horst Stowasser, ebenfalls ein ange¬ 
sessenes Erscheinungsjahr gewesen. 
Obwohl auch damals schon drei von 
vierhundert Seiten (=0,75%) zum The- 

u^a Patriarchat/Frauenbewegung ein 
Wenig wenig gewesen wären. Es ist nicht 
uur schwierig überhaupt etwas über die 
Inhalte des Anarchismus zu erfahren - 
mal schreibt Horst Stowasser, daß die 
Struktur des Anarchismus wesentlich 
ist, mal sind die Inhalte wesentlich er 
begründet auch nicht, weshalb er die an 
e iner Stelle aufgeführten Inhalte Ge¬ 
waltfreiheit, Toleranz, Konsensprinzip, 
Oezcntralität zu den “anarchistischen 
Essentials” zählt. Veganismus, Im- 
Sitzen-Pinkcln, eine Sprache, die Frauen 
mitbenennt, gehören jedenfalls seiner 
Meinung nach nicht zum Anarchismus. 
(F.M., der Autor von bolo'bolo, dem 
Morst Stowasser die Broschüre “Projekt 
A” gewidmet hat, sieht dies übrigens 
inzwischen anders. So behauptet P.M ., 
daß aufgrund des Patriarchats der 
lr liberale Code ”, welcher ungefähr den 
anarchistischen Essentials entspricht, 
durch einen Code von sieben Punkten 
ergänzt werden muß, der das dominante 
Verhalten der Männer einschränken 
soll) Wer was anderes behauptet, “hat 
von Anarchismuskeine Ahnung”. Dazu 
passtauch das Gerücht, daß im “Projekt 


A” (eine - jetzt mal ohne Ironie - 
faszinierende Idee von Horst Stowasser) 
in Neustadt zur Kampfabstimmung ge¬ 
griffen wurde, wo auf diese Art eine 
sexistische Musikgruppe Zustimmung 
fand. Hätte ein Veto von Feministinnen 
gegen die Gruppe nicht gereicht? Oder 
ist Antisexismus derart unanarchistisch, 
daß auf “anarchistische Tugenden”, 
wie das Konsensprinzip, verzichtet wer¬ 
den muß, um ihn zu verhindern? 

* Im Kommunezusammenhang gibt 

es ebenfalls einen seit einem Jahr 
schwelenden Streit, ob Toleranz oder 
Antisexismus wichtiger sind in der 
Frage, ob das “Zentrum für experimen¬ 
telle Gesellschaftsgestaltung” (ZEGG) 
in den Kommunezusammenhang gehört 
oder nicht. Bei diesem Streit ist ein 
gemeinsamem Veto des FrauenLesben- 
Kommunetreffens gegen das ZEGG 
wirkungslos, da einige Männer angeb¬ 
lich wissen, wie ein Veto funktioniert: 
nämlich nur in gemischten Gruppen, 
d.h. unter Kontrolle der Männer. 

Diese älteren anarchistischen Männer 
ver(sto)wässern den Anarchismus, 
präsentieren der Öffentlichkeit die 
vermeintlich anarchistische Essenz, die 
Toleranz, als Wundermittel, mit der 
einzig und allein der (Monarchismus 
gegen die wütenden pc-Angriffe gerettet 
werden könne. Vielleicht mag es in den 
USA eine moralisierende “political 
correctness”-Bewegung geben. Hier in 
Mitteleuropa kenne ich den Begriff 
jedoch entweder nur selbstironisch 
angewandt, z.B. “ich war im neuen 
James-Bond-Film, war zwar nicht pc 
aber spannend”, oder aber als Begriff 
derjenigen, die gegen z.B. Veganerln- 
nen oder Feministinnen wettern und 
ihnen mitdempc-Begriff Verlogenheit, 
Egozentrismus bis Lustfeindlichkeit 
unterstellen wollen. 

Was veranlaßt nun die älteren anar¬ 
chistischen Männer, auf ihre Fahnen 
nicht (mehr) den Kampf gegen die 
Herrschaft (das Patriarchat) zu schrei¬ 
ben, sondern den Anarchismus auf eine 
liberale Form von gegenseitiger Tole¬ 
ranz zu reduzieren? Die gegenwärtige 
gesellschaftliche Situation? 



Ök@zMJomnal 

Zeitschrift für Ökologie 
und »Dritte Welt« 

DIE ZEIT schreibt 
über ÖkozidJoumak 

»eine Art deutschsprachiges 
Zentralorgan für ökologische 
Weltinnenpolitik...Die Europäer 
erkennen zu langsam, daß ihre eigene 
Zivilisation zugrunde geht, wenn sie den 
»Rest der Welt« weiterhin durch Merca- 
tors umgekehrtes Fernglas 
betrachten...Das Ökozi dJourna! 
bringt eine Fülle fast unscheinbarer 
Beispiele: Wo Natur gemordet wird, 
stirbt auch Kultur, und umgekehrt.« 

(Harry Poss) 



Hrsg: Die Ökozid-Redaktion in der ARA e.V., 
Redaktionsieitung: J ürgen Wolters 
DIN A 4„ 56-64 Seiten, zahlt. Abb. Heftpreis DM 9,80, 
JaWsabo-Preis DM 18,- ISSN 0939,3404 
erscheint halbjährlich im Focus Verlag 

Bisher erschienen: ÖkozidJournaf 1-10 
Ja, ich abonniere: 

□ das Ökozldüournal ab Nr. 

Ja, ich bestelle das 

□ Ökozidjournal Nr. 


Name 


Anschrift 


Patum/Unterschri ff 


Focus Veilag GmbH • PostFoch 11 03 28 § 

35348 Gieflen- Fon & Fd« 0641/76031 1 


EDITION KRMAIR-POSTKARTEN 


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EDITION KRAMER • Lonystr. 19 • 35390 Gießen 
FON 0641 /74736 - FAX 0641 fl 1641 




SF 2/96 [ 51 ] 











Postmoderne Toleranz 

Wir leben angeblich in einer multikul- 
turellen Gesellschaft. Multi-Kulti be¬ 
schränkt sich auf die Exotik, Fallafeln 
essen zu können, ansonsten werden 
Menschen ohne “deutsches Blut” brutal 
bewertet, ausgebeutet und/oder abge¬ 
schoben. Die Vielfalt unserer Gesell¬ 
schaft hat sehr feste Grenzen. Ebenso 
sieht die deutsche Medienlandschaft 
aus: tausend Programme - aber tau¬ 
sendmal der gleiche Mist! Natürlich 
sind auch kritische Sendungen möglich 
- man gibt sich tolerant - um 0.35 Uhr 
von Sonntag auf Montag, wenn sie 
bestimmte Kriterien erfüllen. Neben der 
taz macht sich vor allem der Spiegel 
zum Vorreiter gegen feministische und 
radikalökologische Positionen (z.B. 
“Bericht” überdas Hüttendorf Dissen) 
und vereinnahmt (Ex?-) Anarchisten wie 
Hans-Peter Duerr. Gleichzeitig wird die 
Repressionsschraube zugezogen. Et¬ 
liche Verfahren gegen die kritische 



Jeden Monat in der graswurzel- 
revolution Informationen über: 

direkte gewaltfreie Aktionen* die 
Aktualität und Geschichte des ge¬ 
waltfreien Anarchi$mus*Widerstand 
gegen Staat und Krieg * anarchisti¬ 
schen Antifaschismus * gewaltfreie 
und anarchistische Bewegungen in 
anderen Ländern ★ Ökologie, die 
über Umweltschutz hinausgeht* 
Aktivitäten gegen Rassismus und 
Sexismus * Theoretikerinnen des 
Anarchismus und der Gewaltfreiheit 

jahresabo: 35 DM. Schnupperabo: 

i 0 DM Vorkasse (4 Ausgaben/ 
danach jederzeit kündbare Umwand¬ 
lung in Abo) 

Um. am Kwk; 

Uber SOx in Berlin und 20x an 
Bahnhofskiosken (Nachfragen! Wenn 
nicht im Angebot: « 0622 1/183907) 
CWR*KarIstr. 14a*26123 Oldenburg 


Zeitung RADIKAL, im letzten Jahr 
saßen alleine fünf Menschen für ein 
halbes Jahr in Isohaft. Vier weitere 
mußten abtauchen. Es ist schwer, dies 
öffentlich zu machen: Desinteresse und 
Mediengleichschaltung. Gleichzeitg 
stärkt sich das Patriarchat: unsere Ge¬ 
sellschaft war noch nie so pornogra¬ 
phisch, noch nie waren soviele nackte 
Frauen mit idealisiertem Körper auf 
zigtausenden übergroßen Plakatwänden 
abgebildet, Softpomos auf Kabelfem¬ 
sehen, Kinderpomos übers Internet. Das 
soziale Netz wir d z usam mengestrichen, 
Leidtragende sind vor allem Frauen, 
Alte und Ausländerinnen. Normierung 
durch Gentechnologie. Deutschland 
zieht in den Krieg: männliche Werte 
sind wieder gefragt: Ja, Tapferkeit! Und 
auch einige der weniger! Männergrup¬ 
pen entdecken für sich die alten männ¬ 
lichen Werte wieder: der Mann muß 
wieder (?!?) verletzen können! Dies 
alles unter dem Deckmantel der Tole¬ 
ranz und der Freiheit (statt Sozialism us). 

Okay, ich habe hier einiges ausge¬ 
lassen, klar ist jedoch: das Patriarchat 
in der BRD läßt sich nicht mehr 
kritisieren, der Toleranzhammer hängt 
locker. 

Toleranz heißt in diesem System, auf 
die alte Tellerwäscher-Lüge hereinzu¬ 
fallen, so zu tun als wären alle gleich 
und hätten alle die gleichen Chancen. 
Toleranz innerhalb der anarchistischen 
Szene heißt, sich gegenseitig seine 
Herrschaftsstrukturen zu lassen. Da die 
Toleranz aber meistens von Männern 
gefordert wird, kann das “gegenseitig” 
oft gestrichen werden. Dabei geht es 
mir nicht darum, daßGraswurzlerlnnen, 
Anarcho/a-S yndikalistlnnen, Indivi- 
dualanarchistlnnen, Kommunardlnnen 
und Autonome sich gegenseitig nicht 
tolerieren sollen. Die Unterschiede 
zwischen diesen Anarchistinnen sind 
meiner Ansicht nach so gering, daß sich 
ein Streit tatsächlich nicht lohnt - ver¬ 
glichen mit dem Unterschied zwischen 
anarchistischen Männern und Frauen, 
zwischen anarchistischen Heten und 
anarchistischen Schwulen und Lesben, 
zwischen (pro-)feministischen und 
konservativen Anarchistinnen. Hier 
wäre Toleranz fehl am Platze, hier sollte 
gestritten werden und hier haben vor 
allem wir heterosexistischen Männer 
einiges zu lernen. 

Wie kann ich mich Anarchist nennen, 
wenn ich mich tagtäglich aufs neue als 


Mann konstruiere und nichtmal erahne, 
was da für Zwänge und Profite hinter¬ 
stecken. Ich will so nicht toleriert werden 
und will auch andere nicht so tolerieren. 


doing gender oder 
relax, don’t do it 

Doch wo die Gefahr wächst (die Post- 
moderne?), wächst das Rettende auch 
(postmodemer Feminismus?). Es gibt 
neue theoretische Ansätze, was unter 
Herrschaft/Patriarchat zu verstehen ist 
(gender/sex-Debatte, Dekonstruktion 
von Geschlechtern (Judith Butler), hege- 
moniale Männlichkeiten (Bob Connell). 
Es sollte unser Ziel sein, die herrschafts- 
kritischen Ansätze zu stärken gegen die 
Ignotoleranz des patriarchalen Systems. 
Der Anarchismus ist eben noch nicht 
fertig gedacht, wie Herrschaft funktio¬ 
niert, haben wir längst noch nicht ka¬ 
piert. 

Ich möchte auf die verschiedenen 
Strömungen des “dekonstruktiven 
Feminismus” nicht eingehen. i Was 
bisherdie verschiedenen Bücher (Judith 
B utler: Das Unbehagen der Geschlech¬ 
ter und Körper von Gewicht; Stefan 
Hirschauer: Die soziale Konstruktion 
der Transsexualität und Andrea 
Maihofer: Geschlecht als Existenz¬ 
weise) mit mir gemacht haben, ist eine 
konstruktive Verunsicherung in dem 
Sinne, daß ich häufiger erstaunt bei mir 
gucke, was ich denn da jetzt schon 
wieder fabriziert habe... Vor allem das 
Wortpaar “doing gender” hat es mir 
angetan. Damit ist gemeint, daß wir 
nicht ein Geschlecht haben, sondern 
unser Geschlecht permanent mit an¬ 
deren zusammen hersteilen. Das beginnt 
morgens mit heterosexuellen Phan¬ 
tasien, dem Ankleiden (welcher Hetero- 
Mann zieht Röcke oder Stöckelschuhe 
an?), der Toilette usw. bis zum nächsten 
Tag. Wir stecken tagtäglich enorm viel 
Energie in die Produktion unseres Ge¬ 
schlechts - das finde ich nicht besonders 
anarchistisch. Denn gerade bei uns 
heterosexuellen deutschen Männer 
bewirkt “doing gender”, daß wir das 
patriarchale System aufrechterhalten. 
Wir profitieren von unserer hegemo- 
nialen Männlichkeit. 






Männlichkeit macht blind 

Männlichkeit macht uns in doppelter 
^isc blind: zunächst durch die unbe¬ 
wußte Konstruktion von Geschlecht und 
äann durch den Genuß der patriarchalen 
Dividende. Mir war schon länger be¬ 
wußt, daß deutsche Männer vorsichtig 
bei derUtopieproduktion zu sein haben, 
äa wir die Gewalt des zu überwindenden 
Systems oft nur mittelbar und damit 
v erzerrtzu spüren bekommen. Und wer 
nicht weiß, was schlecht ist, kann auch 
keine Verbesserungsvorschläge ma- 
ehen. Fatal ist dabei, daß uns bürger¬ 
lichen weißen Männern die Produktion 
v °n Artikeln/Büchern trotz unserer 
Sehschwäche generell leichter fällt als 
äen bürgerlichen weißen Frauen auf¬ 
grund der größeren Macht, die wir 
Männer uns in allen Bereichen geben 
lassen oder nehmen. 

Die Diskussion um die soziale Kon¬ 
struktion von Geschlecht hat mich nun 
iu dieser Denkrichtiing bestätigt und 
r adikalisiert. Was ich mir für uns Anar¬ 
chisten nun wünsche ist ein radikaler 
Abbau von männlicher Selbstsicherheit 
und seine Ersetzung durch Selbstbe¬ 
wußtsein. Unter Selbstsicherheit 
v crstche ich eine Stärke, die auf der 
Gewißheit beruht, alle Angriffe Zu¬ 
rückschlagen zu können; unter Selbst¬ 
bewußtsein verstehe ich die Stärke, die 
auf der Gewißheit beruht, sich selbst 
infrage stellen und befreien zu können. 
Selbstsicherheit basiert auf männlicher 
Panzerung, Selbstbewußtsein auf der 
Erfahrung, ohne diesen Panzer leben zu 
können. Selbstbewußtsein ist der stän¬ 
dige Versuch, ehrlich zu sich zu sein. 
Gleichzeitig heißt dies aber auch, sich 
selbst und andere Männer bei der 
Konstruktion von Männlichkeit immer 
wieder auf frischer Tat zu ertappen. 

Diese Unterscheidung zwischen Selbst- 

Sicherheit (Schneid, Tapferkeit...) und 

Selbstbewußtsein istähnlich, aber nicht 

geschlechtsspezifisch, schon einmal von 
Erich Fromm unterschieden worden: in 
Haben oder Sein. 


Selbstverwirklichung 4 

“Wirklichkeit erwächst aus Verwirk¬ 
lichung” ist ein Zitat von Erich Mühsam. 
Selbstverwirklichung schafft demnach 
Wirklichkeit. Unser Ziel sollten anar¬ 
chistische gegenmännliche Gegen- 


P 



Wirklichkeiten sein. 

Wie die konkret auszusehen haben, 
dafür kann es natürlich kein fertiges 
Konzept geben. Klar ist jedenfalls, daß 
die Analyse der bestehenden Herr¬ 
schaftsverhältnisse von und für Anar¬ 
chistinnen immer auch bedeutet hat, im 
eigenen Leben Konsequenzen zu zie¬ 
hen. Und wenn Herrschaft "durch und 
durch” geht, nicht mehr nur pyramidal 
sondern flächig organisiert ist, wie 
neuere Anarchismus-Theorien be¬ 
haupten (M.Wilkl IV. Hang: Der 
Malstrom , Aspekte anarchistischer 
Staatskritik ), dann muß es auch für 
Herrschaftsfeinde (und -feindinnen) um 
die Innereien gehen. Denn nicht nur der 
Staat, den die Anarchistinnen immer so 
entschlossen bekämpft haben und be¬ 
kämpfen, sondöm auch das Patriarchat, 
formt sich ständig neu, nimmt Formen 
an in jedem und jeder (doing gender), 
der/ die in dieser Gesellschaft lebt. 

Eine Erweiterung (ein Paradigmen¬ 
wechsel?!) steht also auch für die Klas¬ 
siker an, wenn wir die anarchistische 
Forderung nach Herrschaftsfreiheit 
wirklich ernstnehmen, und aus Erich 
Mühsams vielzitierter Leit- und Streit¬ 
schrift "Die Befreiung der Gesellschaft 
vom Staat ” müßte konsequent aus¬ 
formuliert werden: Die Befreiung der 
Gesellschaft von den Männlichkeiten - 
und im Alltag heißt dies, Befreiung 
unserer Tagträume vom Männerwahn. 

Aus dem Gesagten ergeben sich m.E. 
vor allem zwei Forderungen oder 
dringlichste Wünsche, um es für Liber¬ 
täre auszudrücken, für die anarchistische 
Praxis: 

* Zum einen ist ein freiheitliches 
Verhalten immer auch selbstkritisch zu 
reflektieren in Bezug auf die analy¬ 
sierten Herrschaftsmechanismen. 
Libertäre Umgangsformen sind von 
G.Landauer bis Haug/Wilk von Anar¬ 
chisten immer wieder als Alternative 
zum Staatbzw. zur Verstaatlichung des 
Lebens gefordert worden. Wo das 
Patriarchat die Norm ist, muß anti¬ 
patriarchales Verhalten und antisexi¬ 
stische Aktion permanentes Anliegen 
jedes Anarchisten sein. 

* Was die Theorie betrifft, ist nicht 
länger einzusehen, wieso Anarchisten 
sich so wenig mit dem Patriarchat be¬ 
schäftigen. Strukturen müssen analy¬ 
siert werden, damit sie angegriffen 
werden können. So oberflächlich (z.B. 


Bookchin in: Die Neugestaltung der 
Gesellschaft) und so kurz (z.B. Sto- 
wasser, 3 von 400 Seiten in: Freiheit 
pur) mit dem Patriarchat umzuspringen, 
wie es im allgemeinen innerhalb der 
anarchistischen Theorie getan wird, 
heißt, es weiter mitzutragen. 



SF 2/96 [ 53 ] 





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“Da im Geschlechterverhältnis große 
Ungleichheiten produziert werden 
muß Männlichkeit (...) als politischver¬ 
standen werden. Ich meine politisch in 
dem einfachen , konventionellen Sinne 
von: Kampf um knappe Ressourcen , 
Mobilisierung von Macht und Verfol¬ 
gung von Taktiken zur Durchsetzung 
bestimmter Interessen .” Robert W. 
Connell (The Big Picture) 

“Sexismus geht tiefer als rassismus 
und klassenkampf’ Verena Stefan 
(Häutungen) 


Zum Geleit 

Anliegen dieses Textes ist es, Ge¬ 
schlechterverhältnisse zu thematisieren 
und die Beschäftigung mit dem Angriff 
auf Herrschaft- die auch ohne daß die 
ersten vier Buchstaben großgeschrieben 
sind, nicht zufällig so heißt- weiter¬ 
zubringen. Mir geht es dabei auch um 
den allzusehr vernachlässigten Zusam¬ 
menhang zweier emanzipativer Bewe¬ 
gungen und Theorien: Feminismus und 
Anarchismus. Kritik und Gegenentwurf 
unddie Frage: gibt es eine positiveUm¬ 


oder Übersetzung meiner Nörgelei am 
herrschenden Falschen?, ist beiden -in 
unterschiedlichen Strömungen ver¬ 
schieden variiert- sicherlich gemein 
Meine Perspektive ist notwendig männ¬ 
lich, weil ich aus meiner Haut nichtraus 
kann und auch nicht will, und zum 
Gegenstand habe ich mir zwei Bücher 
genommen, die sich mit Männlichkeiten 
beschäftigen. Renzensionen, sicher, las¬ 
sen sich ganz gut ver- werten. Daß 
männliches Handeln, Handeln von Män¬ 
nern widersprüchlich bleibt, wenn es 
um die Abschaffung von Herrschaft 
geht, ist kein billiges Fazit. Hieße die 
Ausgangsfrage, where is the enenmy?, 
wir könnten uns unproblematischer 
lieben. 

Männergruppen Mash 

Als potentielle Träger alternativer 
Wirklichkeitsproduktion gelten heute - 
was das Patriarchat betrifft- diejenigen, 
die sich selbstkritisch mit ihrem Mann- 
Sein auseinandersetzen, herrschende 
Männlichkeitsformen ablehnen und An¬ 
sätze neuer Verhaltensweisen entwik- 
keln wollen. Die Männlichkeitsformen 
sind so mannigfaltig wie in der Regel 


dominant in Bezug auf das Leben von 
Frauen (und Kindern): leistungs- und 
zielorientiert, gefühlsarm und hart, sind 
Attribute, die vom Rambo zum Mäklet 
nur variieren. Dabei geht es nicht nur 
um Verhaltensweisen, sondern “die 
patriarchalische Gewalt, die Frauen 
angetan wird, ist nicht allein eine Frage 
männlichen Willens. Sie setzt sich in 
Strukturen des Denkens, der Sprache, 
der Männerphantasien unterschwellig 
fort.” Und weiter erklärt die Anarcha- 
feministin Friederike Kamann: “Sexis¬ 
mus istdarüberhinaus der Inbegriff des 
männlichen Überlegenheitsdünkels - 
und auf Seite der Frauen: die anerzo¬ 
gene Überzeugung von der eigenen 
Minderwertigkeit. Sexismus bedeutet 
das Festmachen gesellschaftlicher Hie¬ 
rarchien am Geschlecht und in der 
Konsequenz: die Verstümmelung der 
Sexualität. Männlicher wie vor allem 
weiblicher.” Wer das als Mann nicht 
mehr will, der ist in einer Männergruppc 
schon mal nicht schlecht aufgehoben. 
Der patriarchalen Struktur zu entkom¬ 
men aber ist als einzelner Mann un¬ 
möglich. Wie auf eine strukturelle Än¬ 
derung hinzuarbeiten ist, da treffen sich 
die Männergruppenbeispiele Wilfried 


[ 54 ] SF 2/96 















Wiecks (“Wenn Männer lieben lernen”) 
Un d der anarchistische Anspruch vom 
Abbau sämtlicher Hierarchien zumin- 

^esttheoretisch.EineempirischeUnter- 

Buchung im WIDERSPRÜCHE- Band 
‘Männlichkeiten” läßt jedoch nicht zu 
sehr hoffen: “Wir kommen über das 
Reden nicht heraus” faßt schon der Titel 
lammen, und wenn man/frau die 
gebildeten Mittelschichtsmänner aus 
d Cn Durchschnittsmännergruppen so 
sammeln hört, bleibt wirklich nur die 
frage, was überflüssiger ist, Männer- 
S r uppen oder die empirische Sozial For¬ 
schung, die diese zum Gegenstand 
teacht. Gcgen-Stand und Über-Fluß 
daraus wiederum läßt sich mehr ziehen 
a] s WIDERSPRÜCHE, und antipatri¬ 
archale Theorie hat noch niemanden 
geschadet. 


The Wieck Way 

Männergruppen, so Wilfried Wieck, 
der seit Jahren welche mitmacht und 
feitet, bieten den notwendigen Raum 
frr Lernprozesse unter Männern. Und 
daß diese Prozese nötig sind, dafür gibt 
es (An)Klagen genug, nicht nur von 
feministischer Seite. Männer leiden 
s elbst unter den von ihnen praktizierten 
Werten, weil patriarchale Machtvorteile 
and Privilegien eben auch ihren Preis 
fordern. Ein vorerst wenig zur Mit- 
feidserzeugung angetanes Leid, das al¬ 
lerdings mannigfaltig ergänzt wird, z.B. 

• durch Brüche im patriarchalen Konsens, 

das Nicht- Erfüllen angetragener Er¬ 
wartungen an Männlichkeiten. “Im Pa- 
Liarchat istEinsamkeitdas Grundgefühl 
der meisten Männer” (S.60) und die 
kann nur durch Begnung und Dialog 
m it anderen Männern aufgehoben wer¬ 
den. Die Männergruppen ist bei Wieck 

frmer auch -im Sinne RJungks “Pro¬ 
jekt Ermutigung”- als Keimzelle einer 
aeuen, antipatriarchalen und gewalt¬ 
freien Welt gedacht: “Ich lege Wert auf 
die Feststellung, daß ich das individuelle 
Wachstum des Mannes als unbedingte 
frgänzung gesellschaftlicher V erände- 
run g begreife” (S.145). Wiecks Buch 
fr nicht ganz der Ratgeber «Wie werde 
lc h der neue Mann?», hat aber schon 
den praxisnahen Bezug, immer scharf 
an der Grenze, aus gesellschaftlichen/ 

biologischen Problemen individuelle/ 

Psychologische Lösungsdefizite zu 
behen. Er beschreibt Verhaltenswei- 
Scn und gibt Lcmzicle vor, diese zu 
v erändern, ohne als der große Pädagoge 


aufzutreten, eher als der große Psycho¬ 
loge, aber dazu später noch. Auf dem 
Programm steht letztlich nicht weniger 

als die Zusammenführung patriarchaler 

Dualismen wie Verstand und Gefühl, 
Bewußtes und Unbewußtes, Körper und 
Seele, eigene Welt und Außenwelt. Zur 
Aufhebung dieser und “sozialer und 
emotionaler Gegensätze überhaupt 
sollten Männer lieben lernen, was heißt: 
“Wir sollten diese unsägliche Eingren¬ 
zung der Liebe auf den sexuellen Be¬ 
reich aufheben. Zur Liebe gehört, Be¬ 
ziehung und Gemeinschaft zu stiften, 
Menschen zusammenzuführen, und sie 
zum Miteinander- Sprechen anzuregen” 
(S 126). Es ist offensichtlich nötig, daß 
so was noch gesagt wird, denn ohneZu- 
Taten macht jedes Rezept keinen Sinn. 

Es muß auch versucht werden den 
Privilegienverzicht schmackhaft zu 

machen, undWieck gibt daher lobhehe 

Anregungen. Schade nur, daß 
allem von der falschen Prämisser aus¬ 
geht. Herrschaftistbei ihm nicht Struk- 
t nicht Mechanismus. nicht System, 
sondern eine “Persönlichkeitsdeforma¬ 
tion” (S.45). Aus der Symbiose von 

Verwöhnung und Gewalt erk^ic 

damit fürdieMännerrollealles Kneg, 

Nationalismus, Militarismus und Chau¬ 
vinismus sind kollektiv neurotische 
männliche Erscheinungen (S.liö). 

Saß das Patriarchat (auch) ein Besitz¬ 
verhältnis ist, das die Definitionsmac 
ebenso umfaßt und prägt wie die Tat¬ 
sache, daß zwei Drittel der globalen 


aber nur ein Zehntel des. Welteinkom¬ 
mens besitzen, fällt aus der Wahrneh¬ 
mung des Psycho- Blicks. 

Und trotzdem halte ich das Buch für 
lesenswert, obwohl die rollentheore¬ 
tische Zentralthese, “es geht darum, 
Männer von psychischen Defiziten zu 
befreien” (S.84) eigentlich falsch, bes¬ 
tenfallsein Aspekt von vielen im Kampf 
gegen Herrschaft ist. Aber es läßt sich 
eben nicht daran vorbeilesen, daß Vor¬ 
arbeiten zur Abschaffung männlicher 
Gewalt möglich sind. Daß Gefühle zu¬ 
zulassen und Frauen zu fragen, Selbst-. 
gespräch und -fürsorge, Ruhe, Lang¬ 
samkeit und Freude zu sich und zur 
Weit bringen, keine der500.000Frauen 
wieder lebendig macht, die weltweit 
jährlich während Geburt und Schwan¬ 
gerschaft sterben, ist eh klar. Daß es 
aber besser ist, wenn Männer damit 
anfangen, als nichts zu tun und den 
unterdrückenden Status Quo großzügi¬ 
gsten Falles zu bejammern, das ist nach 
der Lektüre nur schwerlich von der 
Hand zu weisen. Männliche Hand- 
Iungslosigkeitin puncto Patriarchatläßt 
sich nicht legitim ieren, so oder so nicht, 
und dafür, daß das klar ist, hat Wieck 
einen Beitrag geleistet. Angenehm beim 
Lesen fand ich die uneingeschränkt pro¬ 
feministische Haltung Wiecks, während 
mich seine willkürliche und oberfläch¬ 
liche Zitiererei genervt hat. (Beispiel 
Horst Herrmann: Wieck zitiert den ve¬ 
hementen Kritiker sozialer Vaterschaft, 
ohne diese Kritik zu erwähnen, um dann 
fortzufahren mit einem unvermittelt 















positiven Begriff vom “bevatem” -so 
wie es ihm gerade paßt). Erschreckt hat 
mich dann doch auch mancherorts seine 
Naivität, z.B. da, wo er behauptet, daß 
“die Entfremdung weniger in der Arbeit 
selbst als in unserer Einstellung zu ihr 
liegt” (S. 111). 


Hegemonie und 
Männlichkeiten: Connells 
Theorie 

Robert W. Connell sieht das ganz an¬ 
ders. Im Themenheft“Männlichkeiten” 
der Zeitschrift WIDERSPRÜCHE 
nimmt seine Theorie quantitativ wie 
qualitativ einen besonderen Platz ein, 
ohne gleich zu dominieren. Aber schon 
der pluralförmige Titel des Bandes ist 
Programm, und aus Conells Erläute¬ 
rungen geht hervor, warum. Was auf¬ 
satzmäßig leider etwas knapp skizziert 
rüberkommt, verspricht viel: die Ent¬ 
wicklung des Imperialismus -militä¬ 
risch, ökonomisch, sozial- ist die Basis 
für das Verständnis gegenwärtiger For¬ 
men von Männlichkeitenen. Apropos 
Entfremdung also gerade die Gegen¬ 
these zu Wieck, und am historischen 
Verlauf dargestellt noch weitaus grund¬ 
sätzlicher ausgearbeitet. Diese Männ¬ 
lichkeitsformen befinden sich im per¬ 
manenten Wettstreit um Hegemonie. In 
Anlehnung an Gramscis Konzept der 
“Kulturellen Hegemonie” ist auch im 
patriarchalen Diskurs als soziale Über¬ 
legenheit zu verstehen, die sowohl auf 
physische Gewalt und deren Andro¬ 
hung, als auch zu einem entscheidenden 
Maße auf Einverständnis und Kon¬ 
sensbildung mit den Beherrschten ge¬ 
gründet ist. “Hegemoniale Männlich¬ 
keiten meint eine in sozialen Praktiken 
konstruierten und sich verändernde, 
dominante Form von Männlichkeiten, 
die sich über die Abwertung und Unter¬ 
ordnung sowohl der Frauen, als auch 
von «untergeordneten Männlichkeiten» 
konstituiert” (Männerforschungskol¬ 
loquium Tübingen, S.50). Mehrere 
Beiträge kreisen -so explizit die der 
Tübinger Gruppe- um die von Connell 
vorgegebene, antiessentialistische Ge- 
schlechter-Theorie, die, wie er selber 
sagt, keine vollständige, sondern immer 
im Prozeß ist. Was dieser Ansatz u.a. 
für weitreichende Konsequenzen hat, 
bringen Tillner/Kaltenecker schon im 
ersten Beitrag auf*den Punkt: “Die 
repräsentative Kategorie Männlichkei¬ 
ten ist nichts als eine patriarchale Fik¬ 
tion: Der Mann existiert nicht.” (S. 15). 

[ 56 ] SF 2/96 


Objekt der Erkenntnis ist dann bei Con¬ 
nell weniger “der Mann” als vielmehr 
“die Orte und Lebensweisen von Män¬ 
nern in Geschlechter- Verhältnissen” 
(S.27). Das ist schon was besonderes, 
schafft es der politischen Mä/m lichkeits 
- Soziologie doch einen neuen Bezugs¬ 
rahmen, oder dekonstruiert zumindest 
alle bisherigen. Derer gibt es vor allem 
drei, wissenschaftshistorisch aufeinan¬ 
derfolgende Konzepte zur Erklärung 
von Geschlechter- Verhältnissen, denen 
Connell letztlich allen einen “bedenk¬ 
lichen Ethnozentrismus” vorwerfen und 
sie deshalb verwerfen kann. Das Kon¬ 
zept einer “psychologischen Essenz” 
(erstens) von Männlichkeiten läßt alle 
sozialen Strukturen und historischen 
Dynamiken außen vor und ist so starr 
wie unhaltbar. Die Theorie von Ge¬ 
schlechtsrollen (zweitens) verortet 
Männlichkeitenen zwar im Sozialen und 
damit Wandelbaren, reduziert sie aber 
auf individuelles Handeln. Und selbst 
die Diskurstheorien (drittens), politisch 
bewegend und beweglich, gehen nicht 
weit genüg, weil sie die Bedingungen 
ihrer eigenen Existenz außeracht lassen: 

diePraxis der Geschlechterverhältnisse 

und deren soziale Bedingtheit. 

Was den Ethnozentrismus betrifft, ist 
Connell damit auch auf der Höhe der 
Kritik afro-amerikanischer und afrika¬ 
nischer Feministinnen, die seit ein paar 
Jahren auch die konstruktivistische 
Geschlechter- Einheit als eurozentris- 
tisch entlarvt haben. Seitdem kann nicht 
mehr ohne weiteres von “Wir Frauen” 
als unterdrückter Gesamtkategorie ge¬ 
sprochen werden, weil schwarze Frauen 
ganz andere Erfahrungen und dement¬ 
sprechend andere Analysen “ihrer” 
Unterdrückungsmechanismen gemacht 
haben. Und das hat eben auch Auswir¬ 
kung auf die Kategorie Mann, die zwar 
ihr-analytisch- übergreifend herrscher¬ 
isches Machtpotential behält, konkret 
aber in unendlich vielen Formen zerfällt. 
“Männlichkeiten gibt es ausschließlich 
als Konstruktionen in bestimmten his¬ 
torischen Umständen und als An tworten 

auf bestimmte historische Bedingun¬ 
gen” (Männerforschungskolloquium 

Tübingen, S.51). Der Irrtum, es gäbe 
eine von allem losgelöste “archaische 
Männlichkeiten” ist allerdings weitver¬ 
breitet. Nicht nur die neuen Eisenhänsel 
um ihren Guru Robert Bly -die “Neue 

Mannbewegung” genannt, dieals Reak¬ 
tion auf die Verunsicherung durch den 
Feminismus mit Bärenkämpfen und 
Brüllen im Wald ihrUr-Mann-Sein wie¬ 
der hervorrufen will- kultivieren diesen 
Denkfehler. Selbst Wilfied Wieck bleibt 


mit seinem psychologisierenden Sche¬ 
mata hinter den emanzipativen De- 
konstruktionen Connells weit zurück 
und tappt auch in dieEthno-Falle, wenn 
er die klagenden weißen Mittelschichts¬ 
männer ohne ihre Machtvorteile analy¬ 
siert und behandelt. Den männlichen 
Machtvorteil, von dem wiederuni alle 
Männlichkeitsformen profitieren, nennt 
Connell “patriarchele Dividende”. 

Wie also leben, ohne permanente Pro¬ 
fite auf Kosten anderer einzufahren? 
Rezepte gibt es eben nicht, die dekons- 
trutivistische Analyse macht aber zu¬ 
mindest deutlich, daß es sich um ver¬ 
änderbare (Nicht- Nur- Kapital) Ver¬ 
hältnisse handelt, und insofern jeder 
handlungsbegründende Wert auf seine 
unterdrückerischen Potenzen hin über¬ 
prüft werden kann. Die Suche nach 
dem fertigen Neuen Mann sollte, auch 
und vor allem um zu herben Enttäu¬ 
schungen vorzubeugen, schleunigst ab- 
geblasen werden, Männlichkeiten sind 
als analytische, nicht identifikatorische 
Kategorien zu verstehen. Die Suche 
nach herrschaftsfreien Umgangsformen 
gerade vor dem Hintergrund weltweit 
funktionierender Herrschaftsmechanis- 
men -Sexismus, Rassismus, Kapitalis¬ 
mus mindestens- und dem Widerstand 
dagegen ist jedoch nie umsonst. “Anar¬ 
chismus”, erklärt Horst Stowasser, “ist 
Suche und Experiment unter dem 
Vorzeichen der Vielfalt. Im Grunde ist 
jeder Anarchist, der emsthaft sucht” 
(S.20). ! 


Ausklang 

“Angst ist die Psychosomatik des 
Wertverlust” (S.231) definiert Wieck. 
Die/ eine westlich- metropolitane Männ¬ 
lichkeitsform darf keine Angst haben, 
entwickelt Symptome wie Magen-, 
Herz- und Rückenschmerzen, Symp¬ 
tome der Angstlosigkeit. Fängt Anar¬ 
chie da an, wo ich meine Magen¬ 
schmerzen wahmehme? Distanz, Kon¬ 
trolle, Verschlossenheit, Erfolgsdruck, 
männliche Muster, die ich durchziehe/ 
die mich durchziehen beim Schreiben 
wie Rückenschmerzen. Noch was: das 
Stowasser Zitat zum Schluß, weil es so 
gut paßte. Von Anarchistinnen ist da 
nicht die Rede, und die Patriarchatskritik 
in seiner neuen 400-seitigen A-Fibcl 
nimmt satte drei Seiten ein. Auch damit 
das nicht so bleibt/ bleiben kann: dieser 
Artikel. 

Jens Petz Kästner 














Die 

anarchistische 
Jugend in 
Wuppertal 
1929 - 1945 
Teil li 


von Dieter Nelles 


Widerstand und 
Verfolgung 1933 - 1939 


Am 30. Januar 1933, dem Tag der 
Machtergreifung’ fanden sich die 
jungen Wuppertaler Anarchisten in 
den spontanen antifaschistischen De- 
^onstrationszügen in Elberfeld und 
Barmen wieder. 1 Die SA wagte sich 
Cr stam nächsten Tag aus ihren Kasernen 
2u einem Fackelzug durch Wuppertal. 
Junge Anarchisten und Kommunisten 
überlegten sich gegen diese Demon¬ 
stration nationalsozialistischer Macht 
e ineorigincIle Kampfform. Siedrückten 
an mehreren Stellen in Elberfeld ju¬ 
belnde Nazianhänger in den Demon¬ 
strationszug, die daraufhin von der SA 
v erprügclt wurden. 

H. Steinacker wurde zur zentralen 
Gestalt des anarchosyndikalistischen 
Widerstands in Wuppertal. Vergeblich 
hatte er in persönlichen Gesprächen 
v ersucht die anderen Arbeiterorgani¬ 
sationen für einen Generalstreik zu 
gewinnen. Aufgrund seiner Erfahren¬ 
en während des Sozialistengesetzes 
gab er den Jugendlichen den Rat, ihre 
Organisation aufzulösen. “Wirals S AJD 
Ver kauften unser selbstgebautes Ju¬ 
gendheim, verteilten unsere Kasse 
gegen Qu ittung”, schrieb Hans Schmitz, 
bfur die Polizei glaubte uns nicht. Die 
^eisten unserer Gruppe waren bei der 
damaligen politischen Polizei akten¬ 
kundig. Als Kassierer bekam ich noch 
v °r dem Reichstagsbrand Besuch von 



Kommissar Breer. (...) Der Inhalt des 
Bücherschranks wurde beschlagnahmt, 
einschließlich 12 Bände Brockhaus und 
die Bibel.” 2 

Wenige Tage nach dem Reichstags¬ 
brand wurde Helmut Kirschey in Un¬ 
terbarmen auf offener Straße verhaftet. 
SA-Männer hatten ihn erkannt. Nur den 
lauten Schreien der Mutter von Genos¬ 
sen verdankte er, daß sich sofort eine 
Menschenmenge ansammelte und er 
nicht in die nahe gelegene S A-Kaseme 
abgeführt wurde, sondern von der Poli¬ 
zei in Gewahrsam genommen wurde. 
Kirschey wurde in das KZ Dinslaken 
überführt und emigrierte kurz nach sei¬ 
ner Entlassung im November 1933 nach 

Holland. .. 

Die Brüder Fritz und Gustav Kru- 

schedt konnten sich Anfang März durch 
Umzug in einen anderen Stadtteil knapp 
der Verhaftung durch die SA entziehen. 
Sie waren als Antifaschisten bekannt. 
F Krüschedt hatte einen SA-Mann 
angezeigt, der auf Passanten geschossen 
hatte. In der Nacht nach ihrer Flucht 
verwüstete die SA ihre Wohnung und 


entwendete 500.DM. Trotz des mas¬ 
siven Terrors hofften nicht nur die Wup¬ 
pertaler Anarchosyndikalisten noch auf 
eine Erhebung der Arbeiterschaft am 1. 
Mai und hatten sich dafür vorbereitet. 
Doch es kam nicht zum erhofften Ge¬ 
neralstreik, sondern die “Arbeiter zogen 
geschlossen mit ihren Arbeitgebern 
unter Hakenkreuzfahnen durch die Stadt 
zum S tadion. (...) Es waren nur wenige, 
die den Mut aufbrachten sich zu ver¬ 
krümeln, wer auffiel warseinen Arbeits¬ 
platz los.” 3 

Im Mai 1933 wurde Fritz Benner 
verhaftet, der als Betriebsrat auf einer 
Versammlung der Firma Villebrandt 
und Zehnder scharf gegen die neuen 
Machthaber Stellung genommen hatte. 
Da ein korrekter Untersuchungsrichter 
keinen Haftbefehl ausstellen wollte, 
führte die Gestapo eine Hausdurch¬ 
suchung bei Willy Benner durch, bei 
dem auch sein Bruder gemeldet war. 
Dort fanden sie antifaschistische Lite¬ 
ratur aber zum Glück der Betroffenen 
nichtdie versteckten Waffen. Im Keller 
der Benners fanden sie eine Flasche 


Botos: Archiv Dieter Nelles 


SF 2/96 [57] 









Zyankali, das als Rattengift eingesetzt 
wurde. Unter dem vorgeschobenen Ver¬ 
dacht, damit das Trinkwasser vergiften 
zu wollen, wurden August und Willy 
Benner verhaftet. Die Brüder Benner 


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wurden zunächst im Polizeipräsidium 
inhaftiert und dann ins Gefängnis Ben- 
dahl überstellt. Fritz und August wurden 
in das KZ Börgermoor eingeliefert, ihr 
Bruder Willy in das Wuppertaler KZ 
Kemna, Anfang 1934 kam auch er ins 
KZ Börgermoor. August Benner wurden 
Ende 1933 entlassen, der Leidensweg 
von Fritz Benner führte noch durch die 
KZ's Oranienburg und Lichtenburg, aus 
dem er am 5.4.1934 entlassen wurde. 4 

Auch nach diesen Verhaftungen 
setzten die Wuppertaler Anarchosyn¬ 
dikalisten ihre illegalen Aktivitäten fort. 
Zunächst galt es Gelder für die Inhaf¬ 
tierten zu sammeln, “eine verbotene 
Tätigkeit, gefährlich für Geber und 
Sammler.” 5 Dabei tat sich besonders 
der Junganarchist H.S., der als Obst¬ 
händler Kontakte zu Wuppertaler 
Geschäftsleuten hatte, die für die In¬ 
haftierten spendeten, so z.B. der jüdische 
Geschäftsführer des Kaufhauses Tietz. 
Mit einfachsten Mitteln, aber mit umso 
größerer Phantasie wurde antifaschi¬ 
stisches Propagandamaterial produziert: 
“In den ersten Wochen der Nazidiktatur 
haben wir noch selbst gedruckte Zettel, 
mit Linolschnitt und Wringmaschine 
hergestellt, geklebt. Selten, daß sieeine 
•Stunde Tageslicht hatten, so schnell 
wurden sie von den gefangenen Genos¬ 
sen unter SA-Aufsicht entfernt. Kalk 
mit Heringsbrühe hatte sich schon vor 
dem 30. Januar als äußerst haltbar 
erwiesen. Als wir sahen, wie unsere 
Genossen die Parolen mit blutenden 
Händen,nurmiteinem Stückchen Stein 
abkratzen mußten, gaben wir auch auch 
diese Methode auf. Dann gingen wir 
dazu über mit Stempelkissen und klei¬ 
nen Linolschnitten und Kinderdruck¬ 
kästen zu arbeiten, das Linoleum erwies 
sich schon als zu hart. Danach nahmen 
wir Gummi von dickwandigen Auto¬ 
schläuchen, ausgeschnitten auf ein 
Holzbrettchen geklebt. Tagsüber wur¬ 
den helle Stellen auf Plakaten ausge¬ 
guckt und nachts bedruckt. Es blieb 
einige Stunden sichtbarbis sie überklebt 
wurden. Mit Koffer abstellen haben wir 
auch versucht uns bemerbar zu machen. 
(...) Der Koffer wurde in Gehrichtung 
abgestellt und wieder aufgehoben. 
Wenn niemand in der Nähe zu sehen 
war, dann schnell in eine stille Ecke 
verschwinden, wo ein zweiter Mann 
wartete um neue Farbe aufzutragen. 
(...) Diese Methode war auch nur in 
Außenvierteln anwendbar, wo wir 


außerdem noch auf die Polizei und S A- 
Hilfspolizei Streifen aufpassen mußten, 
die damals dauern unterwegs waren.” 6 

Neben dem eigenen Propagandama¬ 
terial bezogen die Wuppertaler Anar¬ 
chosyndikalisten illegale Literatur aus 
den Niederlanden, Ende 1933 war in 
Amsterdam die Auslandsleitung der 
FAUD gegründet worden: die Gruppe 
Deutsche Anarchosyndikalisten (DAS). 
Die Verbreitung dieser Literatur wurde 
im Oktober 1934 den Wuppertaler 
Anarchosyndikalisten zum Verhängnis. 
H. S. hatte einem Arbeitskollegen zwei 
illegale Broschüren gegeben und wurde 
von diesem bei der Gestapo denunziert. 
Neben H. S. wurden noch Steinacker, 
Hans Schmitz, Hermann Sickmann und 
Hans Kirschey verhaftet. H. S. und 
Steinacker wurden zu je zwei Jahren 
Zuchthaus verurteilt, die anderen drei 
wegen Mangels an Beweisen freige- 
lassen, aber sie wurden bei den Verhören 
von der Gestapo mißhandelt. 7 

Anfang 1935konntesich Fritz Benner 
einer erneuten Verhaftung durch die 
Gestapo nur knapp entziehen. Bei der 
Firma Imhoff hatte er Kontakte zu einer 
illegalen kommunistischen Gewerk¬ 
schaftsgruppe. Benner emigrierte nach 
Amsterdam und arbeitete dort zusam¬ 
men mit Kirschey in der Gruppe DAS. 8 
Wie Benner hatte auch Schmitz Kon¬ 
takte zu einer kommunistischen Ge¬ 
werkschaftsgruppe auf seiner Arbeits¬ 
stelle. Durch Fritz Benners Vermittlung 
wurde auch der Versuch gemacht, die 
kommunistische Funktionärein Cläre 

Muth durch die anarchosy ndikalistische 

Fluchthilfe nach Holland zu bringen. 5 
Alfred Kirschey, der ehemalige Vor¬ 
sitzende des KJ VD in Wuppertal .wurde 
ebenfalls von den Anarchosyndikal isten 
nach Holland gebracht und vorher wur¬ 
de er einige Tage von den Mitgliedern 
Gustav und Hedwig (geb. Felsch) 
Krüschedt versteckt. 

Zwischen den verschiedenen Jugend¬ 
gruppen gab es ebenfalls informelle 
Kontakte. Dazu schrieb Hans Schmilz 
rückblickend: “Im Sommer halte Laffe 
(Emst Steinacker) mit Ölte (Sohn von 
Otto Daum,ehemals Oberbürgermeiscr 
Wuppertals) ein gemeinsames Zeltlager 
mit Mitgliedern der Sozialistischen 

Arbeiterjugend vereinbart. Das Lager 
fand unbehelligt im Obsthof von Josef 
Kaimer in Urdenbach am Ausleger Statt- 
Gelegentlicher Kontakt, keine Namen 


[ 58 ] SF 2/96 










n ur Spitznamen und das Du sind er¬ 
wünscht. Koniaktaufnahme findet auf 
dem ‘Teppich’ statt. Der ‘Teppich’, die 
Poststraße zwischen Bahnhof und 
Neumarkt in Elberfeld wurde bis in den 
Krieg hinein zum Treffpunkt illegaler 
Jugend und Piratengruppen. Bei der 
Fronleichnamsprozession haben wir, 
wie auch andere Gruppen uns ange¬ 
hängt, um Masse zu zeigen. Die Kirche 
war die noch geduldete Opposition. Es 
war die Zeit der Entstehung vieler 
kleiner Jugendgruppen unter dem Zei¬ 
chen des Edelweiß mit buntkarierterten 
Hemden und Fuhrmannstüchem als 
Halstuch. (...) Das Edelweiß symbo- 
Hsierte die Freiheit der Berge und die 
Piraten die Freiheit auf dem Meer, so 
interpretierten die Edelweißpiraten 
ihren Namen. Überall im Rhein-Ruhr¬ 
gebiet bildeten sich Piratengruppen 
ohne daß eine zentrale Führungsstelle 
erkennbar war. Viele nannten sich auch 
nach Flüßen, Bächen oder nach India¬ 
nerstämmen. In Hilden gab es die Itter- 
piraten, sie bestanden nur aus Mädels, 
die zwar im Bund Deutscher Mädel 
(BDM) Zwangsmitglieder waren, aber 
jede Möglichkeit nutzten nicht zum 
dienst zu erscheinen. So gab es auch 
Wupper-, Düssei-, Rhein-, Kittelpiraten. 
Letztere Gruppe war in Düsseldorf- 
Kaiserswerth zu Hause, eine militärisch 
streng geführte Truppe. Sie entstand 
nns der Brigade Erhard und dem Wi¬ 
kingbund, überwiegend Ältere und 
Freikorpssoldaten. (...) Nach dem 
»Rohm Putsch« 1934 gingen sie auf 
Gegenkurs zum Nationalsozialismus. 
Wir bekamen 1935 Kontakt mit ihnen 
u nd ihrem Führer ‘Eisbär’. "Hitler hat 
die Revolution erdolcht", war sein 
Wahlspruch. Die Gruppe wurde auch 
Eisbären bekannt und im Raum 
Düsseldorf als harter Gegener der HJ. 
Wir hielten uns bedeckt und auf Distanz, 
^achten auf Wassersportler.” 

DieErinnerungen Schmitz vermitteln 
einen Eindruck von dem weitgespannten 
Spektrum oppositioneller Jugendgrup- 
Pen, die politisch von ganz links bis 
ganz rechts angesiedelt waren. Ihre Ge- 
m einsamkeitbestand in derFeindschaft 
Segen die Hitlerjugend und in der Fort¬ 
setzung ihrer jugendbewegten Tradi- 
tio uen. Im Falle der SAJD wurden die 
Ehrten auch zu illegalen Besprechun¬ 
gen im Rahmen des anarchosyndika- 
jNtischen Widerstands genutzt. In 
Lrdenbach am Rhein fanden des öfteren 



Besprechungen zwischen der Wup¬ 
pertaler SAJD und Hans Saballa statt, 
dem Kontaktmann zu den Kölner 
Anarchosyndikalisten. Das letzte über¬ 
regionale Treffen fand Ostern 1935 in 
Eichholz bei Altenberg statt. Das 
Mitglied der SAJD, Hermann Hahn,, 
arbeitete dort zwangsverpflichtet beim 
Autobahnbau. Seine Kollegen waren 
zum Osterurlaub gefahren und so wurde 
das Baulager als Unterkunft genutzt. In 
Altenberg wurde die Wuppertaler 
Gruppe vom HJ Streifendienst ange¬ 
halten. Weil sie sich weigerten ihre 
Ausweise zu zeigen kam es zu hand¬ 
festen Schlägerei. Die SAJD bekam 
dabei Unterstützung von einer anderen 
Jugendgruppe, den sogenannten Düssei- 
Piraten. 10 

Der Ausbruch des Spanischen Bür¬ 
gerkriegs gab der illegalen Arbeit der 
deutschen Anarchosyndikalisten wieder 
neuen Auftrieb. Düsseldorfer Anarcho¬ 
syndikalisten um Anton Rosinke und 
Simon Wehren aus Aachen waren in 


dieser Hinsicht besonders aktiv. Frei¬ 
willige für das republikanische Spanien 
wurden über die Grenze gebracht, und 
es wurden Gelder gesammelt für die 
spanischen Genossen. In Wuppertal 
wurde diese Arbeit von H. Steinacker 
undH. S. organisiert,dieerst unmittelbar 
vorher aus dem Zuchthaus entlassen 
worden waren. Nach dem Kriege schrieb 
A. Benner darüber seinem Bruder: “Im 
Herbst 1936 war Simon Wehren beimir 
und wollte eine Spanien-Hilfsaktion 
organisieren. Ich verhielt mich zuerst 
ablehnend, weil ich der Meinung war, 
daß wir genug damit zu tun hatten, die 
Faschisten im eigenen Land zu bekäm¬ 
pfen. Hans und Hermann nahmen die 
Sache aber in die Hand, und ich betei¬ 
ligte mich später auch daran.” 11 

Im Dezember 1936 kam die Gestapo 
diesen Aktivitäten auf die Spur. Inner¬ 
halb von drei Monaten wurden im 
Rheinland über hundert Anarchosyndi¬ 
kalisten verhaftet. 12 H. Steinacker wurde 
am 26. 1. 1937 verhaftet. “Von da an 


SF 2/96 [ 59 ] 











wurden wir täglich beschattet”, schrieb 
August Benner. “Haba (d. i. Hermann 
Hahn) führte einen Gestapo-Mann 2 1/ 
2 Stunden durch Elberfeld von uns aus 
und ging dann ruhig nach Hause. Dafür 
bekam er später eine Extra Portion 
‘Gestapo-Eis’. Als am 23. 2. Walter 
Tacken verhaftet wurde, wußte ich, es 
wird Emst! H. S. und ich erwogen 
ernstlich Dir zu folgen. Aber unsere 
Kanäle nach Holland waren ja schon 
zu. Am 2.3.37 wurden H. S., ich, Her¬ 
mann Sickmann und Julius Grünewald 
verhaftet. Am 6. 3. Gustav, am 7. 4. 
Fritz Krüschedt, Hans Schmitz, Paul 
Oberhemm und Haba. Man ließ sie extra 
noch laufen.” 13 

Die Ermittlungen gegen die Wup¬ 
pertaler Anarchosyndikalisten wurden 
von der Gestapo Düsseldorf geführt. 
Fast alle Inhaftieren wurden schwer 
mißhandelt. Hans Schmitz schrieb über 
die Verhöre bei der Gestapo Düsseldorf: 
“Man ließ mich einige Tage in Ruhe, 
dann wurde mir durch den Kerkerknecht 
Papier und Bleistift überreicht mit der 


Auforderung alle Verbrechen gegen 
Volk, Führer und Vaterland an denen 
ich beteiligt war oder mir bekannt waren 
aufzuschreiben. Bei einer wohlgeson¬ 
nenen Mitarbeit könne ich mit einer 
geringen Strafeauf Bewährung rechnen. 
Als mir nach drei Tagen immer noch 
keine Verbrechen eingefallen waren, 
bekam ich ein paar Ohrfeigen zur Auf¬ 
frischung meines Gedächtnisses. Als 
ich tags darauf immer noch nicht wußte, 
welcher Verbrechen ich mich schuldig 
bekennen sollte, wurde ich Kommissar 
Brosig vorgeführt. Er erzählte mir dann, 
was ich verbrochen hatte. (...) Als das 
Protokoll fertig war, fehlte nur noch 
meine Unterschrift. Ich enthielt mich 
Stimme und Unterschrift. Bei weiteren 
Verhören wurden dann schlagende 
Beweise in Form von Hundepeitschen 
und Ochsenziemern von der SS an mir 
getestet. (...) Brosig empfahl mir mich 
aufzuhängen wie Genosse Rosinke. Ich 
wußte ja, daß er erschlagen wurde. (...) 
Das Ausdrücken brennender Zigaretten 
auf der bloßen Haut und Fußtritte in die 
Hoden waren weitere Verhörmethoden 


von Kommissar Brosig.” 14 

Die Ermittlungen für den Prozeß 
gegen die rheinländischen Anarcho¬ 
syndikalisten erstreckten sich über ein 
Jahr. Insgesamt 88 Angeklagte wurden 
im Januar und Februar 1938 wegen 
Vorbereitung es Hochverrats vom 
Oberlandesgericht in Hamm verurteilt. 
Von den 11 verurteilten Wuppertalem 
waren alleine neun ehemalige Mit¬ 
glieder der SAJD, die zu folgenden 
Zuchthausstrafen verurteilt wurden: 
H. S., 12 Jahre, A. Benner, 4 Jahre, 
Sickmann, 2 Jahre und 6 Monate, Hahn, 
G. Krüschedt, F, Krüschedt, Oberhemm 
zu 2 Jahren und 3 Monaten und Schmitz, 
E. Steinacker zu zwei Jahren. 15 Hans 
Kirschey, der zu diesem Zeitpunkt 
seinen Militärdienst ableistete, wurde 
zwar nicht in das Verfahren mit ein¬ 
bezogen. Aber er galt bei seinen Vor¬ 
gesetzten als “Hochverräter” und wurde 
zahlreichen Schikanen ausgesetzt; 

Ungefähr zeitgleich mit den Ver¬ 
haftungen kam der schwedische Jour¬ 
nalist Rudolf Berner als Kurier der 
deutschen Anarchosyndikalisten aus 
Barcelona nach Deutschland. In seinem 
1940 veröffentlichten Berichtüberdiese 
Reise schildert er die Begegnung mit 
der Schwester von Helmut Kirschey in 
Wuppertal. Als Erkennungszeichen 
diente ihm ein mit einem handschrift¬ 
lichen Gruß versehenes Bild von j Kir¬ 
schey, das in einer Pralinenschachtel 
versteckt war. 16 Kirschey und Fritz 
Benner befanden sich zu diesem Zeit¬ 
punkt schon in Spanien. In einem Zelt¬ 
lager der holländischen Arbeiterbe¬ 
wegung erreichte sie die Nachricht vom 
bewaffneten Aufstand der spanischen 
Arbeiter gegen den Putsch von General 
Franco. Sieentschlossen sich sofort nach 
Spanien zu gehen, um dort endlich 
bewaffnet gegen den Faschismus zu 
kämpfen. Zunächst übernahmen sie in 
Barcelona eine ungewohnte Funktion. 

Von den anarchosyndikalistischen 

Gewerkschaft ‘Confederacion Nacional 
de! Tabajo’ (CNT), die in den ersten 
Monaten des Bürgerkriegs faktisch die 
Macht in Barcelona hatte, wurde der 
Gruppe DAS die Kontrolle über alle 
deutschsprachigen Ausländer in Bar¬ 
celona übertragen. Dies beinhaltete die 
Militär-, Post,- Hafen- und Eisenbahn¬ 
kontrolle, sowie das Recht, Hausdurch¬ 
suchungen bei deutschsprachigen Aus- 


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ländern yorzunehmen, die im Verdacht 
standen, mit den Nationalsozialisten zu 
sympathisieren. 17 Die beiden Wupper- 
taler Anarchosyndikalisten fanden sich 
so im ‘Polizeidienst’ wieder. Benner 
ging nach einigen Wochen mit der 
Batterie ‘Sacco und Vanzetti’ an die 
Front bei Teruel und im Februar 1937 
schloß sich Kirschey der Internationalen 
Kompanie der ‘Columna Durruti’ an. 

Am 2. Mai 1937 kam es zu bewaff¬ 
neten Auseinandersetzungen zwischen 
Kommunisten - den sogenannten Mai- 
Tagen - in Barcelona. Kirschey, der zu 
diesem ZeitpunktFronturlaub hatte, war 
auf anarchistischer Seite an diesen 
Kämpfen beteiligt. Der Konflikt endete 
mit einem Kompromiß, aber die CNT 
v crlor an politischem Einfluß. Die 
Depression der Kommunsiten richtete 
sich vor allem gegen die ausländischen 
Sympathisanten der spanischen Anar¬ 
chisten. Kirschey wurde mit anderen 
deutschen Anarchosyndikalisten ver¬ 
haftet, saß zunächst in kommunistischen 
Geheimgefängnissen in Barcelona und 
Valencia und bis zum April 1938 in 
c iuem staatlichen Gefängnis in Segorbe. 
danach hielt er sich einige Zeit in 
Frankreich und Holland auf und schlie߬ 
lich gelang es ihm, Anfang 1939 als 
‘holländischer Schachspieler” getarnt, 
ln Schweden einzureisen. In Göteborg 
traf er Fritz Benner, der schon im August 
*937 Spanien verlassen hatte, weil er 
befürchten mußte, von den Kommuni¬ 
sten verhaftet zu werden. Zu den beiden 
gesellte sich noch ein weiterer Wup- 
Perialer Spanienkämpfer, der Seemann 
lack (Hans) Vesper, der mit Kirschey 
zusammen an der Front gekämpft hat¬ 
te. 18 


dieser Beitrag wird in SF-59 fort¬ 
gesetzt: Der dritte und letzte Teil 
behandelt das 11 Überleben im Krieg 
1939 bis 1945”. 


V gl. Klan/Nclles: Es lebt noch eine 
Ramme, S. 177-188,2. verbesserte Aufl. 

Grafenau 1990 



2 Schmitz, Hans; unveröff. Ms., abgedruckt 

in Wuppertaler Widerstand 

3 ebenda. 

4 Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, RW 58, 
Nr.31198& 31199 

5 Schmitz, Hans; unveröff. Ms. 

6 ebenda. 

7 Vgl. Staatsarchiv Münster (STAM), 
Generalstaatsanwaltschaft Hamm, Nr. 

5006, Schmitz; Widerstand. 

8 Vgl. handgeschriebenen Lebenslauf von 

FritzBenner(1938), in: Arbetarrörelsens 
Arkiv Stockholm (AAS), Bestand Sve- 
riges Arbetares Centralorganisation 
(SAC).FI, Voll. 

5 Vgl. HST AD, RW 58, Nr. 19754, Bl. 58; 

Quast, Cläre: Wie diePartei in Wuppertal 
den antifaschistischen Kampf orga¬ 
nisierte, in: Im Kampf bewährt. Erin¬ 
nerungen deutscher Genossen an den 

antifaschistischen Widerstand von 1933 

- 1945, hg. von Heinz Voßke, Berlin 
(Ost), 1977. 

Cläre Quast war die Frau des ehemaligen 
M i tglieds der Freien Jugend Morgenröte, 
Willi Muth, der 1934 von der Gestapo 
ermordet wurde. 

10 Vgl. Schmitz: Widerstand. 


11 August Benner an Fritz Benner, 17. 7. 
146, in: Internationales Institut für So¬ 
zialgeschichte, Amsterdam (IISG), Nach¬ 
laß Rocker, Nr. 234. 

12 Zum Widerstand der FAUD im Rhein¬ 
land, vgl. Theissen, Rolf/Walter, Peter/ 
•Wilhelms, Johanna: Anarchosyndikali¬ 
stischer Widerstand an Rhein und Ruhr, 
Meppen / Ems, 1980. 

13 A. Benner an F. Benner, 17. 7.1946, in: 
IISG, Archiv Rocker, Nr. 234. 

14 Schmitz: Widerstand. 

15 Vgl. Urteil des Oberlandesgerichts Hamm, 
in: HSTAD, RW 58, Nr. 13302. 

16 Tireur, Frank (Pseudonym für Rudolf 
Berner): Den osynliga fronten, Stock¬ 
holm 1940. 

17 Vgl. Nelles, Dieter: Der Rote Konsul in 
Barcelona, Ein Name und dessen Kon¬ 
sequenzen, in: Tatort Duisburg 1933 - 
1945, Band II. Widerstand und Verfol¬ 
gung im Nationalsozialismus, hg. von 
Rudolf Tappe und Manfred Tietz für die 
Geschichtskommission der VVN - Bund 
der Antifaschisten Duisburg, Essen 1993, 
S. 513 -520. 

18 Vgl, Nelles: Helmut Kirschey (1993); 
Lebenslauf von Fritz Beruier. 


SF 2/96 [ 61 ] 







braucht 


von Knut Bergbauer 
und Hartmut Rübner 


[ 62 ] SF 2/96 


Geländeübungen 

unserer Düsseldorfer Ortsgruppe 































Lie Anfängeder Unfallschutz- und Ge¬ 
sundheitsbewegung der Arbeiter und 
Arbeiterinnen reichen bis ins Jahr 1888 
zurück. Bis dahin hatten die Gewerk¬ 
schaftsvereine vergebens nach einer 
Lösung gesucht, um den verunglückten 
Arbeitern - oder auch deren Familien- 
ängehörigen eine rasche medizinische 
Erstversorgung zukommen zu lassen. 
Im März 1888 erklärte sich der sozial¬ 
politisch engagierte Arzt Dr. Alfred 
Bernstein 1 erstmals bereit, für den 
»Verband deutscherZimmerleute« eine 
mehrwöchige Vortragsreihe zum The¬ 
ma ‘Erste Hilfe’ abzuhalten. 2 Im Winter 
1888/89 ersetzte Bernstein die Vorträge 
durch zwölftägige Lehrkurse. Durch den 
durchweg positiven Widerhall seiner 
Veranstaltungen ermutigt, veröffent¬ 
lichte Bernstein im Oktober 1889 in der 
Berliner Presse einen Aufruf, in dem er 
namentlich die Arbeiterkreise zum Be¬ 
such der “Vorträge und praktischen 
Hebungen” aufrief. 3 

Aufgrund der steigenden Zahl von 
Arbeitsunfällen in der Phase der Hoch- 
mdustrialisierung und nicht zuletzt we- 
gen der katastrophalen hygienischen 
Wohn- und Lebensbedingungen in den 


jahr 1896 vor, die Lehrkurse als ge¬ 
schlossene 4 Arbeiter Sanitäts-Kolonne’ 
auf den großen Kulturveranstaltungen 
der Arbeiterbewegung einzusetzen. 
Erstmalig geschah dies am 7. August 
1897 anläßlich des ‘Arbeiter-Sänger- 
Festes’ in Pichelsdorf bei Spandau. Ihr 
dortiger Einsatz für 40.000 Teilneh¬ 
merinnen machte die ‘Arbeiter-Sama¬ 
riter’ derart populär, daß der Verband 
in den Berliner Norden expandieren 
konnte. 

Als Leiter der neuformierten ‘Nord- 
abteilung’ {Wedding, Prenzlauer Berg) 
fungierte Dr. Raphael Friedeberg. Ab 
1899 waren die ‘Arbeiter-Samariter’ 
mit ihren mobilen Zeltstationen auf 
nahezu allen Sport- und Wahl Veran¬ 
staltungen der Arbeiterbewegung prä¬ 
sent und kümmerten sich sowohl um 
die bei diesen Anlässen obligatorischen 
alkoholbedingten Ausfälle als auch um 
die Erstversorgung von Sportunfällen. 
Die Berliner Aktiven bezeichneten sich 
nun (1901) einheitlich als ‘Arbeiter- 
Samariter-Kolonne Berlin und Umge¬ 
bung’. Im gleichen Jahr begann nach 
dem Vorbild der Berliner Kolonne die 
reichsweite Ausdehnung des Verbands 



Arbeitervierteln der Großstädte, be- 
gannen sozialdemokratische Ärzte und 
Kommunalpolitiker gegen die Miß- 
s üindc in der staatlichen Gesundheits- 
v crsorgung anzugehen. Die Dringlich¬ 
keit dieser Aktivitäten verdeutlichte 
n ochmals die im S ommer 1892 in Ham¬ 
burg grassierende Choleraepedemie, an 
d cretwa8.600Menschen starben. Durch 
di c skandalösen Zustände in Hamburg 
a larmicrt, rief der gesundheitspolitische 
Sprecher der sozialdemokratischen 
Braktion in der Berliner Stadtverordne¬ 
tenversammlung, Dr. Ignaz Zadck, zu 
umfassenden Präventivmaßnahmen auf 
u nd regte darüber hinaus die Bildung 
cincr freiwilligen Sanitätskolonne an. 
Lntcr den Ärzten die sich zu einer Mit- 
ar boit in dem zu diesem Zweck gegrün- 
deten ‘Arbeiter Sanitäts-Commission’ 
Crc it erklärten, befand sich u. a. der 
s Patcre sozialdemokratische Stadtver¬ 
ordnete (dann Anarchosozialist) Dr. 
a Phael Friedeberg. 4 Der damalige 
a usarzt August Bebels schlug im Früh¬ 


(Dresden [1901], Köln [1904], Meißen 
[1906], Hamburg [1907], Elberfeld 
[1907], Nürnberg u. Kassel [1909]). 
Am 11./12. April 1909 erfolgte auf dem 
Magdeburger Kongreß der lokalen Sa¬ 
nitätsgruppen der reichsweite Zusam¬ 
menschluß zum "Arbeiter-Samariter- 
Bund" (ASB). 

Die anfänglichen Schwerpunkte auf 
die Tätigkeitsbereiche der theoretischen 
Schulungskurse und deren praktische 
Anwendung in Form der »Ersten Hilfe«, 
verschoben sich nach dem Ersten 
Weltkrieg auf die Gebiete der allge¬ 
meinen Wohlfahrtspflege. Die prole¬ 
tarische Unterstützungspraxis verlor 
»unter den Bedingungen eines sich 
ausdifferenzierten Sozialstaats« tenden¬ 
ziell den Stellenwert einer »solidari- 
sche[n] Selbsthilfe« und nahm den 
Charakter einer »subsidären sozialen 
Hilfstätigkeit der Arbeiterschaft für die 
Arbeiterschaft« an. Die Aufgaben des 
ASB sollten sich demnach auf folgende 
Gebiete konzentrieren: 


1. Sanitärer Hilfsdienst mit erster Hilfe, 
Transport und Desinfektion; 

2. Unfallverhütung in Betrieben, staat¬ 
lichen und kommunalen Einrich¬ 
tungen; 

3. Haus und Krankenpflege; 

4. Arbeitsschule für Haus-und Kran¬ 
kenpflege und sanitärer Dienst; 

5. GesundheitspflegezurBekämpfung 
der Geschlechts- und Volkskrank¬ 
heiten; 

-6. Jugendpflege; 

7. Wohnungs-, Arbeits-, Kleidungs¬ 
und Nahrungsmittelhygiene; 

8. Wohlfahrtspflege im allgemeinen: 
Alterspflege und Fürsorge 5 

Der Erste Weltkrieg unterbrach den 
Aufschwung der proletarischen Ge¬ 
sundheitsbewegung nur für einige Jahre. 
Während der bewaffneten Auseinan¬ 
dersetzungen des »Kapp-Putsches« 
waren es im Frühjahr 1920 die Span¬ 
dauer, Köpeniker und Wilhelmsruher 
Arbeitersamariter, die vor dem Rathaus 
Schöneberg als neutrale Sanitätsgruppe 
eingesetzt wurden. Von staatlicher Seite 
wurde der ASB allerdings in dieser Zeit 
ebensowenig wie von den freien Ge¬ 
werkschaften anerkannt. Die Führung 
des »Allgemeinen Deutschen Gewerk¬ 
schaftsbundes« (ADGB) kooperierte 
statt dessen mit dem "Deutschen Roten 
Kreuz" und empfahl der ASB-Leitung 
den Übertritt in diesen “politisch neu¬ 
tralen” Verband, den die Linksradikalen 
schon im Hinblick auf dessen natio¬ 
nalistischer Haltung hinsichtlich der 
kaiserlichen Kriegspolitik im Ersten 
Weltkrieg ablehnen mußten. Von den 
sozialpolitischen Forderungen der Vor¬ 
kriegsjahre rückte die Bundesleitung 
des ASB nun weitgehend ab, denn die 
Reform des Sozialwesens sollte nun 
ganz den Politikern überlassen werden. 
Gegen den Kurs der Entpolitisierung 
und der zunehmenden Distanz zur 
Arbeiterbewegung opponierten vor 
allem die kommunistischen Mitglieder 
des Bundes. Die Auseinandersetzungen 
dieser politisierten Mitgliederkreise mit 
der Bundesleitung führte 1921 zum 
Ausschluß der kommunistischen Min¬ 
derheit und damit zur faktischen Spal¬ 
tung des Verbandes. Mit der Gründung 
des »Proletarischen Gesundheitsdien¬ 
stes« (PGD) am 22. Juni 1921 entstand 
nun eine Arbeitersamariterorganisation, 
die sich uneingeschränkt für die Ideen 
des Klassenkampfes aussprach. 6 


SF 2/96 [ 63 ] 




Unter dem maßgeblichen Einfluß des 
Weddinger Arztes Dr. Georg Benjamin 
ordnete sich die neue Gesundheitsorga¬ 
nisation allerdings vorbehaltlos dem 
ideologischen Kurs der KPD unter. Der 
ASB.der wiederum die “neutrale” Basis 
des Samariterwesens mit zahlreichen 
Ausschlüssen zusichem wußte, umfaßte 
im April 1924 nicht weniger als 650 
Kolonnen mit insgesamt 36.000 Mit¬ 
gliedern. Der ASB verlor den oppo¬ 
nierenden PGD in der Folgezeit offenbar 
nicht aus dem Blickwinkel, denn auf 
der Bundes-Konferenz des ASB am 26. 
und27.April 1924 entwickelte sich eine 
längere Diskussion, in der über eine 
Verschmelzung mit dem kommuni¬ 
stischen Verband debattiert w urde ? Die 
Absichten des Vorstands zielten jedoch 
weniger auf eine ideologische An¬ 
näherung als auf die staatliche Aner¬ 
kennung, so daß alle Resolutionen in 
Richtung einer politischen Orientierung 
als kompromittierend erachtet wurden 
und von daher unter den Delegierten 
keine Mehrheit fanden. Auch eine 
Zusammenarbeit mit der kommunisti¬ 
schen ‘Internationalen Arbeiter-Hilfe’ 
(IAH) wies man ostentativ zurück. 8 

Im Zuge der Einheitsfronttaktik be¬ 
trieb die KPD ihrerseits ab 1925 die 
Auflösung des PGD und den Wieder¬ 
eintritt in den ASB. 9 Im Verlauf des 
Jahres 1926 gelang die beabsichtigte 
Liquidation nahezu flächendeckend. 
Dem auf Neutralität bedachten ASB 
dürfte es, nach der Überführung der 
kommunistischen Mitglieder in den 
ASB zwischen 1925/26, besonders im 
Rheinland nur schwer gelungen sein, 
den Einfluß der KPD zurückzudrängen. 
So waren, laut einer detaillierten Um¬ 
frage im Jahr 1926, fast alle Ortsgruppen 
in diesem Bezirk von Kommunisten 
dominiert. Dieser Einfluß ging soweit, 
daß in Hamborn die sozialdemokra¬ 
tischen Mitglieder austraten und eine 
“freie Sanitätskolonne” formierten. 10 
Lediglich in Düsseldorf ist der umge¬ 
kehrte Prozeß zu beobachten, da die 40 
kommunistischen Arbeitersamariter 
ausscheiden mußten, um künftig eine 
lokale PGD-Abteilung zu initiieren, die 
sich dann seit 1926 als »Arbeiter-Sa¬ 
nitätskolonne« bezeichnete." Daß es 
auch im ASB anarchosyndikalistische 
Mitglieder gab, wird über Mülheim/R. 
berichtet. Hier war trotz der kommu- 
nisüschen Mehrheit im Orts verband das 
FAUD-Mitglied Heinrich Kruthoff 
erster Schriftführer der Ortsgruppe. 12 


Auf dem ersten Rheinischen Arbeiter¬ 
samaritertag, der am 20. Juni 1925 
ebenfalls in Mühlheim stattfand, gab es 
Gesangsvorträge des FAUD-Chores 
und des syndikalistischen Frauenbun¬ 
des. 13 Die Auseinandersetzungen mit 
und um die kommunistischen Zellen im 
ASB zogen sich besonders im Rheinland 
noch bis ins Jahr 1931 hin. Um 1930 
spaltete sich erneut eine kommunisti¬ 
sche Gruppierung ab, die sich als ‘West¬ 
deutsche Arbeitersamariter’ benannte, 
nachdem wiederholt kommunistische 
Mitglieder ausgeschlossen worden wa¬ 
ren. 14 Voller Stolz berichtete ‘Der Ar¬ 
beitersamariter’ (DAS) schließlich im 
Jahr 1931 den Oppositionellen sei ge¬ 
richtlich untersagt worden sich wei¬ 
terhin ‘Arbeiter-Samariter’ zunennen. 15 
Gleichzeitig untersagte die ASB-Ge- 
schäftsführung ihren Ortsgruppen mit 
den Oppositionellen und den Ausge¬ 
schlossenen gemeinsame Samariter¬ 
dienste zu verrichten. 16 

Die noch existierenden Reste des PGD 
wurden von den Arbeitersamaritem, 
zumindest was deren Mitgliederzeitung 
betrifft, kaum noch wahrgenommen. 
Einzig die PGD-Abteilung in Jena, die 
unter der Leitung von Adolf Grosse 
stand, hatte sich nach 1926 erfolgreich 
gegen die Auflösung behaupten können. 
War der »Proletarische Gesundheits¬ 
dienst« selbst in seiner besten Zeit dem 
ASB quantitativ deutlich unterlegen, so 
zeigte sich der ‘Der Arbeiter-Samariter’ 
noch 1930 überrascht: “Wir waren der 
Meinung, daß der PGD schon längst an 
Mitgliederschwindsucht zugrundege¬ 
gangen sei und sind verwundert, daß 
auch ein solcher Splitter im Rheinland 
noch vorhanden ist.” 17 Eine interne 
Statistik vom März 1925, also noch 
während der Zeit des KPD-Engage- 
ments.bezifferteden Mitgliederbestand 
des PGD auf 1.500. Davon fielen etwa 
650 auf Berlin, wo zu dieser Zeit allein 
27 Ärzte, 4 Medizinstudenten, 9 Schwe¬ 
stern, 5 Pfleger und 2 Masseure den Sa¬ 
nitätsdienst aufrechterhielten. Davon 
dürften nach 1926 nur noch Bruchteile 
im PGD aktiv gewesen sein. 

Nachdem der PGD nur knapp seiner 
Auflösung entgangen war, begannen 
sich jetzt offenbar verstärkt die links¬ 
radikalen Kleinorganisationen für den 
Verband zu interessieren. Im Verlauf 
der Jahre 1927/28 gelang es durch den 
Zuwachs aus dem linksradikalen Spek¬ 
trum die Reststrukturen des Verbandes 
wieder merklich zu konsolidieren. Dies 


betraf vor allem den Berliner PGD, der 
im Jahr 1929 wieder in achtzehn Be¬ 
zirken präsent war. Das Verbandsorgan 
‘PGD. Organ des proletarischen Ge¬ 
sundheitsdienstes’ gab allein dreizehn 
Anlaufadressen für Ausbildungskurse 
in Berlin und weitere elf im gesamten 
Reichsgebiet bekannt. Zu den öffent¬ 
lichen PGD-Veranstaltungen, die meist 
unter dem Motto “Proletarier, die Re¬ 
volution brauchtSamariter” stattfanden, 
konnten die einzelnen Ortsverbände die 
organisationseigenePropagandatruppe 
‘Die Schmiede’ anfordem. 18 

Aufgrund des verstärkten Engage¬ 
ments von Mitgliedern der »Freien Ar¬ 
beiter-Union Deutschlands (Anarcho¬ 
syndikalisten«) charakterisierte die 
Polizei den PGD als überwiegend 
“anarchosyndikalistisch” eingestellt. 19 
Diese Einschätzung traf zwar hin¬ 
sichtlich einzelner Funktionäre an expo¬ 
nierten Stellen 20 zu - und einige weitere 
Querverbindungen beider Organisatio¬ 
nen sind ebenfalls nachweisbar-, der 
‘Proletarische Gesundheitsdienst’ kann 
jedoch weder als eineUnterorganisation 
der FAUD(AS), noch ohne weiteres als 
ein Verband aus deren unmittelbaren 
Vorfeld klassifiziert werden. Die Ko¬ 
härenz der Organisation gewährleistete 
anscheinend dessen interfraktionelle 
Praxis sowie eine verbindende dezid iert 
antiparlamentaristische Grundhaltung, 
die diesen Zusammenschluß links von 
der KPD dauerhaft stabilisierte. Sehr 
wahrscheinlich waren im PGD - ähnlich 
wie in der radikalatheistischen ‘Ge¬ 
meinschaftproletarischer Freidenker’ - 
verschiedene Gruppierungen des 1 inks¬ 
radikalen Spektrums vertreten.; Kon¬ 
krete Hinweise auf eine anarchpsyn- 
dikalistische Beteiligung liegen für 
Oltweiler im Saargebiet vor. Dort 
erledigte der FAUD-Geschäftsführer 
Wilhelm Kramer die regionalen Ge¬ 
schäfte des PGD. In Düsseldorf fanden 
die Übungsabende im Büro der FAUD 
(AS) statt. 21 Auf eine heterogene Zu¬ 
sammensetzung seiner Mitglieder las¬ 
sen auch die politischen Aktivitäten des 
PGD schließen. So beteiligte sich der in 
Opposition zur KPD stehende Gesund¬ 
heitsdienst ab Januar 1931 an dem 
bedeutendsten Berliner Linkskartell: der 
‘Kampfgemeinschaft gegen Reaktion 
und Faschismus’. Zeitweilig gehörten 
dieser * Kampfgemeinschaft’ die folgen¬ 
den Organisationen an: FAUD(AS), 
GpF, ‘Bund revolutionärer Industrie¬ 


ll] SF 2/96 






verbände Deutschlands*, »Unabhängige 
Sozialdemokratische Partei Deutsch¬ 
lands«, »Syndikalistisch-Anarchisti¬ 
sche Jugend Deutschlands«, ‘Kommu- 
Histische Arbeiter-Union’,‘Leninbund’, 
»Kommunistische Partei-Opposition«, 
‘Syndikalistischer Frauenbund’ und der 
anarchosyndikalistische ‘Freie Arbei¬ 
ter-Sängerbund Deutschlands’ .“Wenn 
auch zu vermuten ist, daß vor allem 
Einzelmitglieder aus allen parteiab¬ 
lehnenden Verbänden imPGD vertreten 
gewesen sein dürften, so bleiben kon¬ 
krete Aussagen über die Zusammen¬ 
setzung und die Stärke des linken Sani¬ 
tätsdienstes bislang schwierig, zumal 
über die weitere Entwicklung des PGD 
nichts Näheres bekannt ist. In den noch 
existierenden Zeitschriften des PGD tritt 
eine ausgesprochen militante Einstel¬ 
lung zu Tage, die gelegentlich in der 
Propagierung des Barrikadenkampfes 
gipfelte. Die Sanitätsgruppen des PGD 
begleiteten nun offenbar vor allem die 
linksradikalen Demonstrationszüge, die 
auch durch die härtere Gangart der 
Polizei bedingt, tendenziell immer öfter 
t den Charakter physischer Auseinan- 
I Versetzungen annahmen. Nach 1930 war 
der »Proletarische Gesundheitsdienst« 
sowohl in der Nähe zu einem der links¬ 
kommunistischen revolutionären Indu¬ 
strieverbände, als auch zur änarchö- 
syndikalisiischen FAUD angesiedelt, 
darüber hinaus unterhielt der Ge¬ 
sundheitsdienst gemeinsam mit dem 
»Bund für Arbeiterwandervereine Ber¬ 
lins«, das Landheim ‘Kronstadt’ in 
Zühlsdorf (bei Berlin), dessen Nutzung 
auch der »Gemeinschaft proletarischer 
Breidenker« offenstand, mit der der 
PGD in der antiklerikalen Arbeit eng 

kooperierte. 

Vermutlich wurde die linksradikale 
Gesundheitsganisation von den Natio¬ 
nalsozialisten nach 1933- nicht wieder 





SF 2/96 [65] 


NUR DAS WERK DER ARBEITER SELBST SEIN 









ASB - gleichgeschaltet, sondern auf¬ 
gelöst und verboten. Eine Erscheinung, 
die fast alle Arbeiterorganisationen der 
Weimarer Republik betraf: die Hin¬ 
wendung ehemals radikaler Mitglieder 
und Funktionäre zu reaktionären und 
faschistischen Organisationen, war 
allerdings auch beim PGD zu beo¬ 
bachten. So wird 1930 in einem Rund¬ 
schreiben des PGD berichtet, der vor¬ 
malige presserechtlich Verantwortliche 
des Berliner Organisationsorgans 
‘PGD\ Georg Fritsche, sei “Luden- 
dorffer” geworden. 23 Ä 

Die Arbeitersanitätsbewegung kann 
ebenso wie z. B. die Freidenkerorga¬ 
nisationen, die Mieterverbände und die 
Sexualreformbewegung; als weiteres 
Beispiel einer proletarischen Selbst¬ 
hilfeinitiative gelten. In mancherlei 
Hinsicht, jedoch ohnederen postulierten 
Klassenvertretungsanspruch und deren 
sozialistische Programmatik, ähneln 
einige dieser Aktivitäten den gegen¬ 
wärtigen Bürgerinitiativen. Im Gegen¬ 
satz zu den damaligen proletarischen 
Selbsthilfeorganisationen vertreten die 
heutigen Bürgerinitiativen zumeist de¬ 
zidiertpartikulare und lokale Interessen. 
So fungieren Anwohnerinitiativen aus 
dem inzwischen saturierten alternativen 
Umfeld beispielsweise immer öfter als 
Stadtteillobbyistischc Abschiebein¬ 
stanzen für unerwünschte Personen 
(z.B. Junkies). Als traditioneller Ge¬ 
sundheitsverband des sozialdemokrati¬ 
schen Umfelds bildet der heutige »Ar- 
beiter-Samaritcr-Bund« (ebenso wie die 
“Arbeiter-Wohlfahrt”) einen Teil des 
institutionellen Unterbaus der staat¬ 
lichen Gesundheitspolitik, der ma߬ 
geblich durch den Einsatz von Kriegs¬ 
dienstverweigerern mitgetragen wird. 


Anmerkungen 

Überarbeitete Zusammenfassung der Artikel 
- - »Die proletarischen Gcsundheits- und 
Sanitätsdieastc« von Hartmut Rübner 
und »Zum proletarischen Gesund¬ 
heitsdienst (PGD) als antiautoritäre 
Kulturorganisation« von Knut Berg¬ 
bauer, die im “Rundbrief für alle über 
den’ Anarchismus, Anarchosyndika¬ 
lismus, Linksradikalismus sowie anti- 
autoritäre Bewegungen forschenden 
Historikerinnen und Historiker...” 1994/ 
Nr. 10 (Januar) und 1994/Nr.ll (April) 
erschienen sind. 


1 Der praktische Arzt Dr. Alfred Bernstein 
(1858-1922) gehörte vor 1914 zum 
linkssozialistischen Flügel der SPD. Mit 
seinen Aufklärungsschriften “Werde 
sehend, liebe Schwester! ” (‘Fritz Kater- 
Verlag’, Berlin 1906) und “Wie fördern 
wir den kulturellen Rückgang der 

Geburten? Ein Mahnruf an das arbei¬ 
tende Volk” (‘Fritz Kater-Verlag \ 
Berlin 1913), berief er sich explizit auf 
Peter Kropotkin. Er gilt als radikalster 
Propagandist des Sozialrevolutionären 
Gebärstreiks und somit als Mitinitiator 
der sog. ‘Gebärstreikdebatte* im Jahre 
1913. Der Bruch mit der Sozialdemo¬ 
kratie erfolgte sehr wahrscheinlich 
während des 1.Weltkriegs, da sich 
Bernstein offen für die syndikalistische 
»Freie Vereinigung deutscher Gewerk¬ 
schaften« einsetzte. Vgl. den Bericht 
über eine Veranstaltung vom 18. Okto¬ 
ber 1915, in: ‘Rundschreiben an die 
Vorstände und Mitglieder aller der 
Freien Vereinigung deutscher Gewerk¬ 
schaften angeschlossenen Vereine* 
(Hrsg.: GK der FVdG), 1915/Nr. 9. 
Vgl. auch A. Bernstein, “Die Strafe und 
der Strafvollzug im Lichte des Sozia¬ 
lismus”, in: ‘Der Syndikalist’, 1. Jg. 
(1918), Nr. 3. 

2 Die Arbeiter-Samariter-Bewegung ist 
in der historischen Forschung eingehend 
untersucht worden. Zu dessen Früh¬ 
geschichte vgl. KonradBeck: “Vorwärts 
- Durch Nacht zum Licht! Die Vor- und 
Frühgeschichte der Arbeiter-Samariter- 
Kolonne Berlin und Umgegend (1884- 
1910)”, in: “Internationale wissen¬ 
schaftliche Korrespondenz zur Ge¬ 
schieht e der deutschen Arbeiterbe¬ 
wegung” (IWK), 2/1986, S. 166-196. 
Des weiteren Franz Walter, Viola De- 
necke, Cornelia Regin: Sozialistische 
Gesundheits- und Lebensreformver¬ 
bände, Bonn 1991, S.79-83 sowie Alfons 
Labisch: Der Arbeiter-Samariter-Bund 
1888-1933. Ein Beitrag zur Geschichte 
der Arbeitersamariterbewegung, in: G. 
A. Ritter (Hrsg.): Arbeiterkultur, Kö¬ 
nigsstein/Ts. 1979, S.145-167. Zur 
übrigen Sekundärliteratur siehe ebd., 
S.165 f (Anm.l). 

3 “Aufruf an alle Arbeiter Berlins!”, in: 
‘Berliner Volksblatt’vom 18.0kt. 1889. 

4 Der spätere Anarcho-Sozialist Dr. R. 
Friedeberg (1863-1940) initiierte die 
sogenannte Massenstreikdebatte in der 
SPD. Mit seinen Thesen beeinflußte er 
1904/05 maßgeblich das Programm der 
FVdG. Zur Rolle Friedebergs in der 
Krankenkassenbewegung vgl. Hans 
Manfred Bock: Raphael Friedeberg. 
Arzt und Anarchist in Ascona, in: 
Szemann, Harald (Hrsg.): Monte Verita. 
Berg der Wahrheit. Lokale Anthropo¬ 
logie als Beitrag zur Wiederentdeckung 


einer neuzeitlichen sakralen Topo¬ 
graphie, Venezia-Martegallo, S.38-53, 
hier S.38. 

Rainer E. Holthuis, Arbeiter helfen Arbei¬ 
tern. Soziale Hilfstätigkeit in der sozia¬ 
listischen Arbeiterbewegung der Wei¬ 
marer Republik, in: P. Assion (Hrsg.): 
Transformation der Arbeiterkultur. (= 
Beiträge der 3. Arbeitstagung der Kom¬ 
mission »Arbeiterkultur« in der Deut¬ 
schen Gesellschaft für Völkerkunde in 
Marburg vom 3. bis 6. Juni 1986), Mar¬ 
burg 1986, S.126-136, hier. S.126. 

5 Siehe A. Labisch, a.a.O., S.154. 

6 Vgl. dazu A. Labisch, a.a.O., S. 154 ff. 

7 Vgl. den Lagebericht der Polizeidirek¬ 
tion Nürnberg Nr. 1309 vom 8. August 
1924, in: Staatsarchiv Bremen (im folg, 
zit. St AB), 4,65/1042. 

8 Vgl. ebd. 

9 Vgl. StAB, 4,65/1042 (Bl. 41). ; 

10 Vgl. Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Reg. 
Düsseldorf, Nr. 16917, S.53. 

11 Ebd., S.101. 

12 Ebd., S.94. 

13 Ebd., S.51. 

14 ‘Der Arbeiter-Samariter’ (= ‘DAS’) 

Nr.3/1930. ! 

15 ‘DAS’, Nr.1/1931. 

16 ‘DAS*, Nr.8/1930. 

17 ‘DAS*, Nr.3/1930. 

18 Die Leitung der Propagandatruppc 
übernahm der Herausgeber des PGD- 
Organs Emst Jeske. Nach dem Verbot 
der Freidenkerbewegung im Jahre 1933 
fungierte Jeske als Geschäftsführer der 
illegalen GpF-Nordostdeutschland und 
gehörte dem fünfköpfigen Leitungs- 
gremium der GpF an. Im Sommer 1933 
wurde Jeske von der Gestapo verhaftet. 

19 Vgl. StAB 4,65/1042 (Bl. 47). 

20 Dies trifft vor allem auf das Mitglied 
des Bundesausschusses, dem Hambur¬ 
ger Hein Buck, zu. Vgl. zur Person 
Bucks Günter Bartsch, Anarchismus in 
Deutschland, Bd.l, Hannover 1972, 
S.46. 

21 Vgl. ‘PGD. Organ des proletarischen 
Gesundheitsdienstes*, 8. Jg. (1929), Nr. 
6/8 (Juni/ August) u. Nr.11/12 (Nov./ 
Dez.). 

22 Vgl. dazu A. Graf, Anarchismus in der 
Weimarer Republik. Tendenzen, Orga¬ 
nisationen, Personen, Bd.l, Diss. Phil. 
Berlin 1990, S. 118 f. 

23 Siehe “PGD”, 8. Jg.(1928), Nr..9/l0 
(Sept./Okt.). 

24 Zur Ideologie und Geschichte der rassi¬ 
stischen und rechtsradikalen “Ludcn- 
dorfer” vgl. Friedrich Wilhelm Haak, 
Wotans Wiederkehr, München 1981, 
S.131-156. 


[ 66 ] SF 2/96 








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Leserbrief 


btr. SAJD-Artikel von Dieter Nelles . . h mich sehr ü ber den Artikel über die anarchistische 

Als Anarchist und Jugendbewegter im Wände g jjj Q era( j e we ji s i c h die Meinung, die deutsche 

Jugendbewegung in Wuppertal gefreut. Ich bin gesp ^* n aU hartnäckig hä]t un{ j j n Schulbüchern und wissenschaftlichen 
Jugendbewegung sei Wegbereiter für die Nazis gew • Mi ß ve rständnissen führt, sind solche Artikel sehr 

Arbeiten vertreten wird und gerade auch in der Li derlueendbewegten Vergangenheit unbedingt notwendig und sind 
wichtig. Sicherlich ist kritisches Bewußtsein gegenüber de j g Jugendbewegung zum Nationalsozialismus 

einige Einschüßen in.Bezug aufJug^rfbewegung. 
durchaus richtig. Aber in der Beschäftigung mit der | g “Hohen Meißner” 1913 anbetrifft oder z.B. das 

- z.B. was die Hinicrgründe und pol.nschen “"Tch das ungeheure „voMonüre oder zumindesi 

Thema Jugcndbcwegung/Bundische Jugend im Wide g , d 2(fc bis 30er Jahre . Weiter so! Zu den 

oppositionelle Potential der deutschen gewünscht. Venceremos! 

Koniakten der SAJD zur bürgerlichen Jugendbewegung hatte ten mir nur, Jakob, Karlsruhe 


Postvertriebsstück * E 9860F * Entgelt bezahlt * Trotzdem-Verlag, PF 1159, 71117 Grafenau 




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